07.03.2018 - 21:34 Uhr
Deutschland & Welt

Prozessauftakt: Müllwagen kippt auf Auto - Fünf Menschen sterben Unfallfahrer bittet zitternd um Verzeihung

Ein schwerer Müllwagen kippt um und begräbt ein Auto unter sich - fünf Menschen sterben. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hat nun der Prozess gegen den Unfallfahrer begonnen - anscheinend wollte man Rachegelüsten vorbeugen.

Bei Nagold war ein Müllwagen auf ein Auto gekippt. Bei dem Unfall starben fünf Menschen. Nun begann der Prozess gegen den Fahrer des Müllautos. Archivbild: Andreas Rosar/dpa
von Agentur DPAProfil

Tübingen. Der Angeklagte verbirgt sein Gesicht in den Händen und versucht, sich zu erinnern. Doch wann genau er vor dem tragischen Unfall mit fünf Toten den Hebel für die Motorbremse seines Müllwagens zog und wann er mit dem Bremspedal bremste oder bremsen wollte - es mag am ersten Prozesstag am Landgericht Tübingen nicht ganz klar werden. Sein Müllauto rollte zu schnell auf eine T-Kreuzung zu, wo es umkippte und ein Auto mit fünf Menschen unter sich begrub. Alle Insassen starben, darunter zwei Kinder.

Im Prozess muss geklärt werden: Wie konnte es am 11. August 2017 bei Nagold in Baden-Württemberg zu dem Unfall kommen? Die Staatsanwaltschaft wirft dem 55-Jährigen, der damals den Müllwagen fuhr, fahrlässige Tötung vor. Demnach fuhr der Lastwagen mit Tempo 51 statt 30 in die Kreuzung. Für den Fahrer sei es vorhersehbar und vermeidbar gewesen, dass das Fahrzeug bei dieser Geschwindigkeit beim Rechtsabbiegen außer Kontrolle gerät, sagt der Staatsanwalt. Der Angeklagte schildert indes seine Verzweiflung, als er auf abschüssiger Strecke vor der Kreuzung Probleme beim Bremsen bemerkte. "Das Pedal ging nicht weiter", sagt er am Mittwoch. Bei der Polizei hatte er noch geschildert, dass er das Pedal ganz durchgedrückt hat, aber keine Bremswirkung spürte. Ein Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft ist jedoch zum Ergebnis gekommen, dass am Müllwagen kein technischer Defekt bestand. Hat möglicherweise eine Vesperdose unter dem Pedal gelegen? Eine solche Dose aus dem Fahrerhaus wurde darauf untersucht. Entsprechende Spuren habe man daran nicht gefunden, sagt ein Polizist. Auch andere mögliche Ursachen wurden abgeklopft: Der Angeklagte hatte laut Alkoholtest nichts getrunken, fühlte sich nach eigenen Angaben an dem Tag wohl, hatte zwar zwei Handys dabei, hat aber zum Unfallzeitpunkt nicht damit telefoniert.

Er habe das Auto der späteren Opfer heranfahren sehen, erzählt der Fahrer. Dann sei sein Wagen umgekippt. Nachdem er sich befreit hatte, habe er sich umgesehen. Erst beim Herumgehen um seinen Müllwagen habe er ein Stück des Autos darunter gesehen. Als er das erzählt, kommen ihm die Tränen. Er ist gezeichnet von der psychischen Belastung durch den Unfall. Nach seiner Aussage wirkt er kraftlos, er lässt den Kopf hängen, schließt die Augen. Am Ende des Verhandlungstages bittet er die Angehörigen der Opfer weinend und mit zitternden Händen um Verzeihung. Was passiert sei, sei auch für ihn sehr schmerzhaft, sagt er.

Die juristische Frage, die zu klären ist: Liegt tatsächlich Fahrlässigkeit vor? Das Strafgesetzbuch sieht bei fahrlässiger Tötung eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe vor. Die rund 30 Besucher wurden erst nach eingehenden Sicherheitskontrollen in den Saal gelassen. Offenbar hatte es nach der Tat Befürchtungen der Polizei gegeben, die Familie der Getöteten könnten "Blutrachepläne verfolgen".

Themenseiten:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.