18.09.2017 - 21:22 Uhr
Deutschland & Welt

Rentner bricht in Essener Bank zusammen: "Scheißegal-Haltung"

Ein Rentner bricht in einer Bank zusammen, Kunden steigen über den am Boden liegenden Mann hinweg, ohne zu helfen. Der stirbt später. Zwei Männer und eine Frau müssen nun Geldstrafen zahlen. Der Richter wählt bei der Urteilsverkündung drastische Worte.

Vor knapp einem Jahr liegt ein hilfloser Mann im Vorraum einer Essener Bankfiliale. Vier Kunden ignorieren ihn, er stirbt später. Jetzt stehen drei Bankkunden vor Gericht. Bild: Polizei Essen/dpa
von Agentur DPAProfil

Essen. Mucksmäuschenstill ist es im Gerichtssaal, als die Videos der Kameras aus einer Essener Bank gezeigt werden. Zu sehen ist ein alter Mann, der am 3. Oktober 2016 seine Bankgeschäfte erledigt und dann zusammenbricht, drei Mal insgesamt. Er schlägt mit dem Kopf auf - an eine Kante, auf den Boden. Dann bleibt der 83-Jährige in dem Foyer liegen, bewegt sich aber noch. Vier Bankkunden steigen über den Rentner oder machen einen Bogen um ihn, ohne zu helfen. Erst der fünfte setzt einen Notruf ab. Der Mann stirbt eine Woche später im Krankenhaus.

Wegen unterlassener Hilfeleistung werden am Montag drei Kunden vom Amtsgericht Essen-Borbeck zu Geldstrafen verurteilt. In der Verhandlung sind die zwei Männer und eine Frau geständig. Sie sagen, dass es ihnen leid tue. Sie geben an, den 83-Jährigen für einen schlafenden Obdachlosen gehalten zu haben. Ein Polizist und seine Kollegin sind die ersten, die sich um den Mann kümmern und den Notarzt alarmieren.

In ihrem Plädoyer spart Staatsanwältin Nina Rezai nicht mit deutlichen Worten: "Eine Hilfeleistung war möglich und zuzumuten. Heutzutage hat jeder ein Mobiltelefon, damit ein Notarzt verständigt werden kann." Außerdem habe es in der Filiale ein Telefon gegeben. Rezai plädiert auf hohe Geldstrafen. Diese müssten empfindlich sein, "um ein deutliches Zeichen zu setzen, dass wir uns nicht in Richtung einer wegsehenden Gesellschaft bewegen". Die Verteidiger fordern Freisprüche. Ein Rechtsmediziner sagt im Prozess, dass ein schnelleres Eingreifen eines Notarztes nicht zwingend zum Überleben des Mannes beigetragen hätte.

Das Gericht verhängt am Montag Geldstrafen. 2400 beziehungsweise 2800 Euro müssen die Männer zahlen, 3600 Euro die Frau. Besonders ihr wirft Amtsrichter Karl-Peter Wittenberg eine "Scheißegal-Haltung" vor. Der Mann sei den Angeklagten gleichgültig gewesen. Der 83-Jährige habe im Weg gelegen und sich sogar noch geschnäuzt. "Dann soll mir einer erzählen, das ist ein Schlafender? Ich bitte Sie", sagt der Richter. Zwei Verteidiger kündigen an, in Berufung gehen zu wollen. Der dritte wolle dies noch überlegen. Das Verfahren gegen den vierten Angeklagten wurde wegen dessen Gesundheitszustandes abgetrennt.

Gaffer filmt Sterbenden

Ein Gaffer hat einen sterbenden Motorradfahrer mit dem Handy gefilmt, statt zu helfen. Wie die Polizei mitteilte, war der Motorradfahrer (29) am Sonntag in Heidenheim gegen eine Straßenlaterne gekracht und hatte sich tödlich verletzt. Ein Fahrradfahrer filmte das Geschehen mit dem Smartphone. Die Polizei sucht nun nach dem Mann und ermittelt wegen unterlassener Hilfeleistung. Der Mann im Alter von 20 bis 25 Jahren war nach Polizeiangaben einer der ersten am Unfallort. Er filmte weiter, als die Hilfskräfte vor Ort waren. Dabei habe er Sanitäter und Notarzt behindert. Kurz bevor die Polizei eintraf, sei er geflüchtet. Ähnliche Fälle gibt es immer wieder. So haben Schaulustige beispielsweise Ende Juli einen suizidgefährdeten Mann aufgefordert von einem Vordach eines Hotels in Baden-Baden zu springen. Zahlreiche Gaffer hätten die Szene gefilmt. (dpa)

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