05.07.2017 - 11:01 Uhr
Deutschland & Welt

Russischer Literat Daniil Granin gestorben "Der letzte wichtige Zeitzeuge"

St. Petersburg. Als der russische Schriftsteller Daniil Granin 2014 im Bundestag spricht, flammt die Erinnerung an die Gräuel des Zweiten Weltkrieges für einen kurzen Moment auf. Gestützt auf seinen Gehstock redet der damals 95-Jährige den deutschen Volksvertretern ins Gewissen. "Der Tod war jemand, der schweigend seine Arbeit tat in diesem Krieg", sagt er damals in seinem Bericht über die Blockade von Leningrad durch die deutsche Wehrmacht.

Wie sehr der Zweite Weltkrieg Daniil Granin geprägt hat, wird 2014 in seiner bewegenden Bundestagsrede deutlich: "Ich konnte lange den Deutschen nicht verzeihen", sagt er. Sie hätten einfach auf das Sterben der Stadt gewartet. Doch habe er seinen Frieden mit ihnen gemacht. Bild: Wolfgang Kumm/dpa
von Agentur DPAProfil

Nun ist der Literat im Alter von 98 Jahren in einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt St. Petersburg gestorben. Mit Granin verliert Russland einen der bedeutendsten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges. Er gilt als einer der zentralen Autoren der sowjetischen Nachkriegszeit. Zu seinen bekanntesten Werken gehört das "Blockadebuch", in dem er als Co-Autor die Erinnerungen an die fast 900-tägige Belagerung von Leningrad - das heutige St. Petersburg - aufarbeitet. Hunger, Kälte und Krankheiten brachten Schätzungen zufolge bis zu einer Million Menschen den Tod.

"Granin war eine der letzten wirksamen Stimmen, die den Krieg mit all seinen Schrecken begreifbar gemacht hat", meint Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau. "Granin war einer der letzten, wenn nicht der letzte wichtige Zeitzeuge."

Der Historiker befürchtet, dass Granin ein Vakuum hinterlässt im russischen Weltkriegsgedenken. "Heute haben wir in Russland zunehmend ein patriotisches Bild, das siegreiche Schlachten und Heldentaten darstellt. Die Schrecken des Krieges bekommen dabei leider nicht immer die Bedeutung, die angemessen wäre", sagt Uhl. In diesem Sinne ist es wohl zu deuten, wenn Kulturminister Wladimir Medinski mit Granins Tod vom Ende der "Epoche der Klassiker" spricht. Als großen Denker würdigt Präsident Wladimir Putin den Autor in einem Beileidstelegramm, als Mann mit "großer geistiger Kraft und Würde".

Mit seinen Büchern über den Krieg und naturwissenschaftliche Themen prägte der mehrfache Preisträger und Ehrenbürger von St. Petersburg Generationen von Sowjetbürgern. Jüngeren Generationen hingegen dürfte Granin Beobachtern zufolge weniger wichtig gewesen sein.

Noch 2011 erschien von ihm der Roman "Mein Leutnant". "Frieden ist ein unschätzbares Gut. Das Buch von Daniil Granin erinnert sehr eindringlich daran", schreibt damals Altbundeskanzler und Weltkriegsveteran Helmut Schmidt im Vorwort der deutschen Fassung.

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