02.03.2018 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Satiremagazin Titanic foppt die Bild-Zeitung Die "Schmutzkampagne"

Zitiert seien "neutrale" Schweizer, also die Neue Zürcher Zeitung: "Der Qualitätstest, so darf angenommen werden, wurde nicht bestanden." Durchgefallen ist der Boulevard-Riese Bild. Das Satiremagazin Titanic will ihn hereingelegt haben. Es geht um journalistische Sorgfaltspflicht.

Juso-Bundesvorsitzender Kevin Kühnert bei einer Pressekonferenz im Willy-Brandt-Haus in Berlin. Die russische Hilfe für die Jungsozialisten-Kampagne gegen die Große Koalition war eine Erfindung eines Satiremagazins. Bild: Michael Kappeler/dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin. Die Bild-Zeitung ist wegen einer Titelgeschichte über eine angebliche "Schmutzkampagne bei der SPD" unter Druck geraten. Das Magazin Titanic erklärte dieser Tage, Bild sei auf eine Satire-Aktion hereingefallen. Dabei ging es um einen der Zeitung zugespielten angeblichen Mailverkehr des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert mit einem Russen, der dem Juso-Chef anbot, über falsche Accounts im Internet den SPD-Mitgliederentscheid zu beeinflussen. Beide tauschten sich über die Möglichkeiten aus, über Facebook und andere soziale Medien Stimmung gegen die Groko zu machen - das Ganze war laut Titanic aber frei erfunden.

Kühnert, Chef der SPD-Nachwuchsorganisation Jungsozialisten, ist Wortführer der Gegner einer erneuten Großen Koalition. Bild-Chefredakteur Julian Reichelt teilte auf Twitter dazu am 21. Februar mit: "Natürlich darf Satire so etwas, aber sie versucht sich hier zu profilieren, indem sie journalistische Arbeit bewusst zu diskreditieren versucht." Man habe sich erst zur Berichterstattung entschieden, "als die SPD Anzeige geprüft hat". Man habe zudem nie von einer Kampagne von Kühnert geschrieben, sondern von "einer Kampagne GEGEN ihn". Allerdings ist im Titel von einer Kampagne "bei der SPD" die Rede.

Reichelt in einer weiteren Stellungnahme bei "Bild.de": "Wenn bei Bild ein Fehler passiert ist, dann, dass wir den angeblichen Informanten nicht als Titanic-Mitarbeiter enttarnen konnten, obwohl wir mehrfach versucht haben, seine Identität festzustellen." Man bedauere, "dass wir nicht von Anfang an berichten konnten, dass mutmaßlich ein Satire-Magazin hinter den gefälschten Mails von Kevin Kühnert steckt". Trotzdem sei die Berichterstattung richtig gewesen: "Ein berichtenswerter Vorgang bleibt das aufgrund der Strafanzeige der SPD trotzdem."

Strafanzeige gestellt

Die SPD sagte der dpa, die Juso-Pressestelle habe auf Fragen der Zeitung erklärt, dass es sich beim fraglichen Mailverkehr um eine Fälschung handeln müsse. "Zudem haben wir der Bild-Zeitung mitgeteilt, dass der SPD-Parteivorstand prüft, Strafanzeige gegen unbekannt zu stellen." Am Tag darauf habe die Zeitung "auf der Grundlage des gefälschten Mailwechsels" auf der Titelseite über eine "Schmutzkampagne in der SPD" berichtet. Daraufhin habe der Vorstand eine Strafanzeige gegen unbekannt erstattet.

"Gut gemachte Fälschung"

In einer ersten Analyse der sogenannten Header-Dateien der in der Affäre aufgetauchten Mails erläuterte der Internet-Experte Christoph Fischer: "Das sieht nach einer gut gemachten Fälschung aus. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Mail jemals über einen SPD-Server gelaufen ist." Fischer hat als Digital-Forensiker auch an der Aufklärung der Hacker-Attacke auf den Bundestag 2015 mitgearbeitet.

Die Titanic teilte mit, die Bild-Zeitung sei einem Fake des Satiremagazins aufgesessen. Der Schriftverkehr zwischen Kühnert und einem Russen namens Juri sei von Internet-Redakteur Moritz Hürtgen an Bild lanciert worden. "Eine anonyme Mail, zwei, drei Anrufe - und Bild druckt alles, was ihnen in die Agenda passt", kommentierte das Magazin. Es stellte den angeblichen Mailwechsel zwischen "Kev", dem vermeintlichen Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert, und "Juri", einem angeblichen russischen Internet-Troll, online. Darin verweist Juri auf einen gemeinsamen Bekannten, der angebliche Kühnert ist skeptisch und fordert als Codewort das Lieblingsgetränk des gemeinsamen Bekannten - die Antwort: "Mio Mio Mate Ginger". Im Bild-Artikel hieß es: "Ein anonymer Informant spielt Bild brisante E-Mails zu. Angeblich verwickelt: Juso-Chef Kevin Kühnert (28), der jede Beteiligung bestreitet! Der Informant kontaktiert Bild erst per E-Mail, dann per Telefon. Er behauptet, ,brisantes Material' zu haben. Bei einer Juso-Veranstaltung mit Kevin Kühnert sei er an E-Mails gelangt."

Kühnerts Twitter-Reaktion

Schon in dem Bericht weist der Juso-Sprecher alles zurück. So seien Kühnerts angebliche Absender-Mails mit der Endung "jusos.de" versehen gewesen, tatsächlich stehe dort aber "spd.de". Ein Sprecher des Medienhauses Axel Springer erklärte: "Die Echtheit der uns anonym zugestellten E-Mails haben wir immer deutlich in Frage gestellt und journalistisch eingeordnet: ,Für die Echtheit gibt es keinen Beweis.'"

Kühnert gegenüber der dpa: "Wir haben von Anfang an gesagt, dass das eine plumpe Fälschung ist. Jetzt sei es halt ein witziger Fake. Weniger witzig ist, dass die Bild auf diese fragwürdigen Informationen eine mehrtägige Berichterstattung aufgebaut hat, die jeder Grundlage entbehrte." Bei Twitter reagierte Kühnert auf seine Art: Seinen Profilnamen änderte er von Kevin in Juri Kühnert und schrieb zu einem Bild der Zeichentrick-Figur Homer Simpson: "Einfach genießen."

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