Schlankheitswahn und seine Folgen
Dick und diskriminiert

Magda Albrecht. Bild: Hans Scherhaufer/Magda Albrecht /dpa

Schön und schlank - für viele gehört das zusammen. Der perfekte Körper - so die gesellschaftliche Norm - ist dünn. Nicht jeder kann diesem Ideal gerecht werden. Wer dick ist, spürt oft gnadenlos, was andere vom vermeintlich nicht-perfekten Körper denken.

Berlin. Als Magda Albrecht um die fünf Jahre alt war, sagte ihr eine Ärztin: "Du bist zu dick, du musst mehr Sport machen." Dabei war Albrecht ein sportliches Kind, erzählt sie. "Aber eben ein dickes sportliches Kind." Ihre Klassenkameraden ärgerten sie. "Ich bin von Kindheit an diskriminiert worden", sagt sie. Lange Zeit suchte die heute 31-Jährige den Fehler bei sich.

Magda Albrecht ist auch heute noch, was man gemeinhin als dick bezeichnen würden. Für sie ist das kein Problem. Für viele andere offenbar schon. Body Shaming nennt sich das, derzeit häufig ein Schlagwort für das Phänomen. Es bedeutet, dass Menschen aufgrund ihres Körpers - wörtlich - beschämt werden. Das trifft häufig Dicke. Einer DAK-Studie zufolge finden 71 Prozent der Erwachsenen in Deutschland Fettleibige unästhetisch, 38 Prozent denken das über Dicke.

"Die Stigmatisierung von Übergewichtigen ist ein großes Problem", sagt Professor Martina de Zwaan, Präsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. "Menschen, die diskriminiert werden, beginnen sich selbst zu diskriminieren", erklärt sie. Sie definieren sich dann fast ausschließlich über ihren Körper. Dass ihr Gewicht immer ein Thema ist, musste etwa die Politikerin Ricarda Lang erfahren. "Egal, wozu ich mich äußere - Lohngleichheit, Kinderarmut oder Kohlekraft: Ich bekomme als Antwort Kommentare zu meinem Äußeren", schrieb die Sprecherin der Grünen Jugend im "Spiegel"-Jugendmagazin "Bento".

Dicke müssen sich im Alltag mit Vorurteilen und Ausgrenzung rumschlagen: Dass füllige Menschen Nachteile im Job haben, zeigt etwa eine Studie der Universität Tübingen aus dem Jahr 2012. Besonders betroffen waren demnach Frauen von den Vorurteilen. Die Standards mit Blick auf das Äußere seien bei Frauen einfach stärker gesetzt als bei Männern, sagt Magda Albrecht. "Bei Männern wird so ein kleiner Bauch noch als sozial legitim angesehen." Sie hat mittlerweile ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben, damit will sie anderen auch helfen, sich in ihrem Körper wohlzufühlen. "Nicht der Körper ist verkehrt, sondern gesellschaftliche Normen, die Körper in ,gut' und ,schlecht', ,schön' und ,hässlich"' einteilen", betont sie. Doch warum werden immer wieder gerade dicke Menschen diskriminiert? Professor Lotte Rose und Friedrich Schorb notieren in ihrem Buch über "Fat Studies in Deutschland", dass dicke Menschen zu einer "gesellschaftlichen Belastung" erklärt werden. Sie würden bedrängt, ihr Körpergewicht zu ändern. "Diese Zugriffe erscheinen legitim, fürsorglich und verantwortungsvoll gegenüber den betroffenen Menschen", schreiben sie. Doch sind sie das wirklich? "Viele meinen, das Gewicht lasse sich leicht kontrollieren", sagt de Zwaan. Ein bisschen mehr Bewegung, ein bisschen gesünder essen - dann wird das schon. Doch ganz so einfach ist das nicht. Warum jemand dick ist, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Und: "Unsere Biologie sagt uns immer noch: Wenn Essen da ist, bitte essen", erklärt die Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie aus Hannover. Um abzunehmen, brauche es einen enormen Willen - und um das Gewicht dann zu halten noch viel mehr.

Natürlich können zu viele Kilos auch Gesundheitsrisiken bergen. Deshalb - so de Zwaan - sei es als dicker Mensch zumindest sinnvoll, nicht weiter zuzulegen. Aber sie fordert auch: "Die Menschen sollen mit ihrem Körper zufrieden sein, auch wenn er nicht perfekt ist." Das fällt besonders schwer, wenn andere sie auf ihr Gewicht reduzieren.
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