30.11.2011 - 00:00 Uhr
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Seit 60 Jahren gibt es die Hauptuntersuchung für Kraftfahrzeuge - Immer wieder neue ... Am Anfang war der "Kniescheibentermin"

Bild zu Artikel Am Anfang war der "Kniescheibentermin"
von Agentur DPAProfil

Sind Bremsen und Stoßdämpfer in Ordnung? Funktioniert die Beleuchtung? Und rosten womöglich tragende Fahrzeugteile? Fragen wie diese beschäftigen staatlich anerkannte Kfz-Sachverständige seit nunmehr 60 Jahren. Seitdem müssen Kraftfahrzeuge in Deutschland regelmäßig zur Hauptuntersuchung (HU).

Anlass dafür gab das Wirtschaftswunder. "Ab 1949 stieg die Zahl der Autos auf deutschen Straßen deutlich an", erklärt Johannes Näumann vom Verband der Technischen Überwachungs-Vereine (VdTÜV). 3,7 Millionen waren es 1951. Was im Vergleich zu den rund 42 Millionen Pkw, die laut dem VdTÜV heute in Deutschland zugelassen sind, wenig erscheint, war für damalige Verhältnisse ein neuer Rekord. Die wachsende Begeisterung fürs eigene Auto hatte allerdings eine Kehrseite: Mit zunehmender Verkehrsdichte stieg die Zahl der Unfälle. Nicht selten waren technische Mängel an den Fahrzeugen die Ursache.

Um die Sicherheit auf den Straßen zu verbessern, führte der Gesetzgeber deshalb die HU ein. Mit Wirkung zum 1. Dezember 1951 wurde sie im zweijährigen Turnus Pflicht. Technische Abnahmen hatte es zwar schon vorher gegeben. Anfangs mussten Fahrzeugkäufer aber nur einmalig nachweisen, dass ihr Vehikel verkehrssicher ist. Dann wurden 1937 regelmäßige Überprüfungen eingeführt - allerdings ohne festen Rhythmus. Geprüft wurde auf Anordnung der Behörde.

"Echter Körpereinsatz"

Während sich Autofahrer heute selbst um die Einhaltung der HU-Termine kümmern müssen, wurden sie anfangs schriftlich geladen. Die Fahrzeugkontrollen gingen meist an zentralen Orten, zum Beispiel auf Marktplätzen, über die Bühne und nicht auf speziellen Prüfständen. "Für die Prüfer bedeutete das echten Körpereinsatz", betont Näumann. "Denn bei diesen improvisierten Untersuchungen gab es weder Hebebühne noch Grube." Für einen Blick unter das Fahrzeug musste man sich also bücken - deshalb war die HU auch als "Kniescheibentermin" bekannt. Eine Probefahrt gehörte ebenfalls zum Untersuchungsprogramm.

Die schriftliche Einladung zur HU wurde 1961 durch die bis heute bekannte Plakette abgelöst. In den Folgejahren entstanden zentrale Prüfstellen, in denen mehrere Autos gleichzeitig abgefertigt werden konnten. Bis 1971 sei die HU für Autobesitzer ein echter Zittertermin gewesen, sagt Hans-Georg Marmit von der Sachverständigenorganisation KÜS: Schon kleine Fehler reichten aus, um Fahrzeuge vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen.
Mit den Fahrzeugen haben sich seit 1951 die Schwerpunkte und Methoden bei der HU immer wieder geändert. Kraftfahrzeuge seien insgesamt viel langlebiger geworden, betont Näumann. Deshalb führe Rost - einst der Todfeind aller Autos - heute viel seltener zum endgültigen Aus für ein Fahrzeug. Zugleich werden sie aber immer komplizierter. "Zurzeit bereiten wir unsere Prüfer vor allem auf neue Antriebstechnologien vor", berichtet Marmit. Denn die Untersuchung von Hybrid- oder Elektrofahrzeugen unterscheide sich in einigen Punkten deutlich von der technischen Abnahme herkömmlicher Benziner oder Diesel.

Mechanik und Elektronik

"Früher war die HU vor allem eine mechanische Überprüfung", stellt Thomas Caasmann von der Gesellschaft für technische Überwachung (GTÜ) fest. Entsprechende Kenntnisse benötigen die Prüfer immer noch für die Kontrolle einiger Komponenten wie Bremsen oder Radlager. Keine Hilfe sind dieses Wissen und entsprechende handwerkliche Fähigkeiten für den Check elektronischer Systeme wie ABS oder ESP - da hilft nur das digitale Diagnosegerät weiter. Die Elektroniküberprüfung mit Systemdaten der Hersteller gibt es laut Caasmann seit 2006. Seit 2010 ist zudem die Abgasuntersuchung (AU) Bestandteil der HU.
Die nächste große Änderung der HU soll im 1. April 2012 kommen - vorausgesetzt, dass der Bundesrat im Februar der Novelle der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung (StVZO) zustimmt. Neu wäre dann neben zahlreichen Details eine noch umfangreichere Überprüfung der Fahrzeugelektronik. Und weil sich viele elektronische Assistenten erst einschalten, wenn ein Fahrzeug rollt, soll es sogar wieder eine Probefahrt geben - so wie bei den Kniescheibenterminen vor 60 Jahren.

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