Studie des Weißen Rings
Opfer von Kriminalität durch Ermittlungsverfahren

"Vernehmung! Nicht stören!" steht auf einem Türschild bei der Polizei. Bild: Bernd Wüstneck/dpa

Wiesbaden. Lange Vernehmungen, unsensible Beamte, lückenhafte Informationen: Die Ermittlungen nach einer Straftat belasten viele Kriminalitätsopfer laut einer Studie zusätzlich in unnötig hohem Maße. Der Opferschutz müsse daher bei Polizei und Staatsanwaltschaft einen höheren Stellenwert bekommen, forderte die Vorsitzende des Stiftungskuratoriums der Opferhilfeorganisation Weißer Ring, Roswitha Müller-Piepenkötter, am Mittwoch in Wiesbaden.

"Einige Belastungen sind unvermeidbar, manche Fragen sind nötig", sagte sie. Allerdings sei die Vernehmung für Opferzeugen oft leichter zu bewältigen, wenn sie verständen, warum ein Ermittler etwas wissen möchte. Polizisten und Staatsanwälte müssten in der Aus- und Fortbildung intensiver für die Perspektive des Opfers sensibilisiert werden.

Für die Studie werteten Forscher im Auftrag des Weißen Rings unter anderem 320 Fragebögen aus und führten knapp 90 Interviews mit Opfern und deren Angehörigen. Dabei kam unter anderem heraus, dass jeweils rund 30 Prozent der Befragten die Polizisten oder Staatsanwälte als unfreundlich empfanden oder die Vernehmungen als zu lang. Mehr als die Hälfte fühlten sich nur lückenhaft informiert - etwa über den Stand des Verfahrens oder über ihre eigenen Rechte. Müller-Piepenkötter wiederholte die Forderung des Weißen Rings an die Bundesrechtsanwaltskammer, den Fachanwalt für Opferrecht einzuführen. Zusätzlich müsse es mehr Opferschutzbeauftragte bei der Polizei geben.

Der Vizepräsident beim Bundeskriminalamt (BKA), Peter Henzler, sagte: "Im Umgang mit Opfern von Kriminalität gibt es kein Patentrezept, das ist sehr individuell". Ermittler müssten sich aber immer vor Augen führen, was ihre Arbeit für die Opfer bedeutet. Im BKA gebe es inzwischen einen speziellen Leitfaden für die Befragung von Opferzeugen in völkerrechtlichen Verfahren. Das betreffe beispielsweise Menschen, die unfassbar grausame Kriegsverbrechen miterlebt hätten.

Auch der ehemalige BKA-Präsident und stellvertretende Bundesvorsitzende des Weißen Rings, Jörg Ziercke, sieht Ermittler in der Pflicht, mit aller Behutsamkeit vorzugehen. Was für die Opfer eine Ausnahmesituation darstelle, bedeute für den Beamten eine alltägliche Arbeit, sagte er.
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