11.02.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Tschechiens einzige Entzugsklinik für jugendliche Drogenabhängige ist unterfinanziert und ...: Krankenhaus am Rande des Abgrunds

Das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Karl Borromäus - wegen seiner Lage allgemein als Pod Petrínem ("Unter dem Petrín") bekannt - ist die einzige Entzugsklinik für Minderjährige in Tschechien. Bild: Pacurar
von Autor PACProfil

Zwischen Laurenziberg (Petrín) und Strahovhügel, wo die barocke Pracht der Prager Kleinseite sich im Grün von Obstbäumen und Rebstöcken verläuft, liegt das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Karl Borromäus - wegen seiner Lage allgemein als Pod Petrínem ("Unter dem Petrín") bekannt. Im kirchenfernen Tschechien ist dies die einzige von einem Orden geführte Klinik, die medizinische Akutversorgung bietet. Doch das Haus zeichnet sich noch durch eine weitere Besonderheit aus: Es ist die einzige Entzugsklinik für minderjährige Drogenabhängige des Landes.

Chefarzt ist der 42-jährige Psychiater Dr. Marian Koranda, der die Station seit 2010 leitet. Rund 3000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben er und sein Team in dieser Zeit behandelt, aus allen Teilen des Landes und allen Bevölkerungsschichten. Der jüngste Patient war ein sechsjähriger Roma-Junge, heroinsüchtig. An die Droge war er über Geschwister gekommen. "In der Familie waren alle abhängig, die älteren Brüder verabreichten ihm die Droge", erinnert sich der Arzt. In der Zwischenzeit sei das Kind gestorben. Überdosis.

Was Drogen betrifft, kommt Tschechiens Jugendlichen die unrühmliche Spitzenposition unter Gleichaltrigen in Europa zu. Nach offiziellen Schätzungen verfügt fast die Hälfte (46 Prozent) der 16-Jährigen über Erfahrungen mit illegalen Substanzen, mehr als ein Zehntel davon hat auch harte Drogen wie Heroin und Pervitín - so nennt man Crystal Meth in Tschechien - probiert. Was die Volksdroge Nummer 1 betrifft, sieht das Bild noch düsterer aus: Alkohol getrunken haben ganze 90 Prozent der Kinder im schulpflichtigen Alter; rund ein Fünftel in Verbindung mit aufputschenden oder sedierenden Medikamenten.

"Warten wir noch lange?"

Im schlichten Flur vor Dr. Korandas Sprechzimmer sitzt unter kleinformatigen Stichen mit Prager Motiven eine einfach gekleidete Frau Ende 30, blass, übernächtigt, mit geröteten Augen, aufgebissenen Lippen und einem zerknautschen Taschentuch in der Hand. Neben ihr ein Mädchen, kaum 16, in schicken Klamotten, das blonde Haar lila durchsträhnt und mit teenagermäßig teilnahmslosem Blick. Unter der dicken Schminke lugen an Akne erinnernde Krater aus den blassen Wangen, während sie die Bilder an den Wänden des schmalen Gangs gelangweilt streift. "Sag mal, warten wir hier noch lange?", blafft sie ihre Mutter an, macht eine nervöse Geste mit der Rechten und hat sich gleich wieder abgewendet. Eine Antwort erwartet sie wohl nicht.

Motiv: schlank und schön

Ausdruck, Bewegungen, Haut. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, warum das Mädchen hier ist: Pervitín. In 80 Prozent der Fälle hat es Dr. Koranda mit Crystal Meth zu tun. Ein knappes Sechstel der Patienten ist schwer von Marihuana abhängig, das in Tschechien vor allem als "Skunk" verbreitet ist, züchterisch veredelt und mit bis zu fünfmal mehr THC-Gehalt als herkömmliche Cannabis-Varianten. Für die restlichen vier bis fünf Prozent der Fälle ist Alkohol verantwortlich. Einen Ausdruck für "Komasaufen" kennt das Tschechische zwar nicht, aber das Phänomen ist unter den Jugendlichen nicht weniger verbreitet als in Deutschland.

Ungeschminkt, in schlabbrigem Sportzeug und mit fahrigen Bewegungen versammeln sich sechs Mädchen in der Teeküche, zwei schlacksige Jungen folgen wenig später. Es ist kurz nach 10, Pause zwischen den Therapiesitzungen in Pod Petrínem, die Jugendlichen holen sich eine Erfrischung.

Der höhere Anteil weiblicher Patienten überrascht Dr. Koranda nicht mehr: "Drei Viertel hier sind Mädchen. Sie haben einen leichteren Zugang zu Drogen, weil sie entweder mit Dealern oder mit älteren Jungs gehen, die selbst abhängig sind. Sie erschlafen sich den Stoff ganz einfach." Oft spielt beim Einstieg in die Crystal-Karriere der jungen Frauen die anorektische Wirkung der Droge eine Rolle: schlank und schön ohne Anstrengung, dazu Euphorie und grenzenloses Selbstbewusstsein.

Die Behandlung, die die Jugendlichen bei Dr. Koranda durchlaufen, besteht aus drei Stufen und umfasst in der Regel zwei bis drei Wochen. In der Entgiftungsphase zu Beginn der Therapie muss zunächst der Körper von der Droge gereinigt werden. Es folgt eine Motivationsphase, speziell auf die Bedürfnisse der Einzelnen zugeschnitten. Dass in der Kürze der Zeit keine "komplette Psychotherapie" zu schaffen ist, streitet der Psychiater nicht ab: "Es geht darum, den Kindern einen Impuls zu geben, sich überhaupt bewusst zu werden, dass sie ein Problem haben."

Im Unterschied zu Erwachsenen, die ärztliche Hilfe aufsuchen, fehle den Jugendlichen zumeist der eigene Wille, aufzuhören. "Kinder zu behandeln ist schwerer als Erwachsene", weiß er aus Erfahrung. "Sie kommen nicht aus freien Stücken zu uns und haben daher auch keinerlei Motivation, sich helfen zu lassen. Ein Erwachsener, der eine Therapie beginnt, macht das freiwillig, er weiß, dass er ein Problem hat und will es anpacken. Anders die Kinder. Aus ihrer Sicht haben alle anderen ein Problem, die Lehrer, die Eltern, nur sie nicht." Ziel sei darum, die jungen Patienten erkennen zu lassen, woran sie wirklich sind, damit sie sich eingestehen: "Ich bin süchtig, ich habe ein Problem."

Koranda setzt vor allem auf Beschäftigungs- und Arbeitstherapie, darüber hinaus auf Musik und andere kreative Beschäftigungen: "Die Kinder öffnen sich dabei leichter und verstehen vielleicht eher, dass auch ein Leben ohne Drogen interessant und sinnvoll ist." Regelmäßig greift der Arzt in den Sitzungen auch zum Rollentausch, übernimmt den Part der Kinder und lässt sie ihre Eltern spielen, die sich abmühen, ihnen den Drogenkonsum auszureden. "Lass das doch bleiben. Was soll aus dir werden? Du fliegst aus der Schule", leiert es aus den Patienten. Der Arzt zuckt nur die Achseln und sagt: "Na und, dann schmeißen sie mich halt raus." Die Eltern seien machtlos, an den Kindern pralle alles ab.

Heilsamer Rückfall

Wenn die Jugendlichen nach der Entlassung die dritte Phase mitmachen und ambulant zur weiteren Behandlung ins Krankenhaus kommen, spricht der Psychiater von einem gewissen Erfolg. In der Regel aber sei es mit einem stationären Aufenthalt nicht getan. Die meisten Patienten betrachteten sich nach der ersten Entlassung als "geheilt" und fielen darum schnell in die früheren Gewohnheiten zurück, landeten in der alten Clique. Erst nach einer zweiten Einlieferung stünden die Erfolgsaussichten günstig. "Nur nach dem Rückfall wird ihnen klar, dass sie die Droge nicht in der Hand haben. Dann kommen sie wieder", sagt Dr. Koranda.

Immer häufiger kommen auch Kinder auf die Station, deren Eltern selbst von Pervitín oder Heroin abhängig sind. Dieses neue Phänomen stellt die Therapeuten vor ein nahezu unlösbares Problem, weil dann sämtliche Argumente, warum Drogenkonsum schlecht sein soll, nicht mehr greifen. "Bis jetzt weiß niemand, wie man in solchen Fällen helfen kann", gesteht der Arzt. In der Regel jedoch rekrutiere sich die Mehrheit der Patienten aus nach außen "ganz normalen Familien", in denen die Eltern jedoch nur "nebeneinander herleben, bis die Hypothek abbezahlt ist". Dann sei der Griff zu Drogen wie ein Hilferuf, ein unterbewusstes Flehen: "Redet doch wieder miteinander!"

Heilungsrate: 86 Prozent

Korandas Station zählt mit einer Heilungsrate von 86 Prozent im internationalen Vergleich zu den erfolgreichsten Einrichtungen ihrer Art. Weil es zudem in Tschechien keine andere vergleichbare Stelle gibt, übersteigt der Andrang die Kapazitäten bei Weitem. Neben den jährlich rund 300 Patienten in stationärer Behandlung werden im Laufe eines Jahres mehrere hundert Fälle akuter Vergiftung nach Überdosierung eingeliefert, die nach kurzem Aufenthalt wieder entlassen werden. Gefährdete Jugendliche in der Phase des "Experimentierens" kann Pod Petrínem gar nicht erst aufnehmen. Dennoch kämpft das Zentrum langfristig mit Geldnot und fährt wegen der dauernden Unterfinanzierung Schichten, in denen das Team bis zu 16 Stunden am Tag im Einsatz ist.

"In diesem Land tut man so, als gäbe es das Problem jugendlicher Drogensucht nicht. Erst wenn die Volljährigkeit erreicht ist, sind da plötzlich jede Menge Fälle, die in der Psychiatrie landen. Dass aber 95 Prozent der Abhängigkeiten schon Jahre zuvor entstehen, das ist hier lange keinem aufgegangen", wundert sich Dr. Koranda.

Wie andere Fachleute in Tschechien fordert er eine konsequente, frühe Drogenprävention. Auch die Verharmlosung von Marihuana als vermeintlich "weiche Droge" erschwere die Aufgabe. "Wenn praktisch alle Promis und Celebrities offen damit prahlen, wie sie kiffen, dann haben die Kinder nicht das Gefühl, etwas falsch zu machen. Im Gegenteil."

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