Verschüttete Kinder gerettet
Das Wunder von Ischia

Ein Hund liegt vor einem eingestürzten Haus im Ort Casamicciola. Bild: Stringer/ANSA/AP/dpa
 
Feuerwehrleute und andere Rettungskräfte bergen den kleinen Mattias aus einem eingestürzten Haus. Drei Kinder wurden bei dem Beben von Trümmern verschüttet. Bild: Carabinieri Press Office/ANSA/AP/dpa

Italien verarbeitet noch die Erdbebenkatastrophe von vor einem Jahr. Da bebt es wieder. Dieses Mal auf der Touristeninsel Ischia. Wie konnte ein relativ schwaches Beben so viel Schaden anrichten? Ist das ein Vorbote für Schlimmeres? Viele fürchten um den Tourismus.

Rom. Sie graben wieder. Feuerwehrmänner mit Handschuhen wühlen in Trümmern. Dieses Mal suchen sie nach drei verschütteten Kindern. Sie liegen unter einem eingestürzten Dach, vermutlich haben sie Schutz unter einem Bett gefunden. Mitten in der Nacht ziehen sie ein sieben Monate altes Baby aus einem zerstörten Haus. Es schreit. Aufatmen. Es folgen seine Brüder. Von einem "Wunder" ist die Rede. Baby Pasquale, Mattias und Ciro haben Glück gehabt.

Aber dass ein vergleichsweise schwaches Erdbeben auf Ischia so viel Schaden anrichten konnte, dass Häuser einstürzten und zwei Menschen starben, zeugt nach Ansicht vieler Menschen in Italien von der Unfähigkeit, sich der Tatsache zu stellen, dass man in einem hoch erdbebengefährdeten Land lebt.

Am Montagabend um kurz vor 21 Uhr traf es die Insel im Golf von Neapel. Glasklares Meer, schöne Strände: Hier macht Kanzlerin Angela Merkel immer an Ostern Urlaub. Im Sommer kommen Zehntausende Touristen zu den 65 000 Einwohnern hinzu. Nun sind Brocken, Trümmer, Staub und Risse in Häusern zu sehen. Und das, obwohl das Beben "nur" eine Stärke von 4,0 hatte.

"Es ist erschreckend, dass Menschen bei einem Beben dieser Stärke sterben", sagte Francesco Peduto, Präsident des Nationalen Geologenrates. "Es macht einen ratlos, wie das Schäden und Opfer in unserem Land hinterlassen kann." Italien sei extrem verwundbar, aber es werde nicht genug Erdbeben-Vorsorge betrieben. Viel "Geschwätz", wenig konkrete Taten. Das betrifft Schulen, in denen Kinder lernen sollen, was bei einem Erdbeben zu tun ist. Und das betrifft die Bauweise. Auf Ischia könnten auch Bauauflagen missachtet worden sein, legte der Präsident der Vereinigung italienischer Geomorphologen, Gilberto Pambianchi, nahe. In Italien lebten mehr als 21 Millionen Menschen in gefährdeten Regionen.

Besonders schmerzhaft ist das neue Unglück, weil diesen Donnerstag vor einem Jahr der Jahrestag des verheerenden Bebens von Amatrice ist. Am 24. August 2016 starben in der mittelitalienischen Bergregion 299 Menschen, die Ortschaften liegen immer noch in Trümmern. Auch damals wurde viel über alte und schlecht gebaute Häuser diskutiert. Auch beim Wiederaufbau gibt es dramatische Verzögerungen.

"Schlechte Bauweise kann ein Grund sein, aber nicht der einzige", sagte der Seismologe Frederik Tilmann vom Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam zum jetzigen Beben. "Uns hat das Ausmaß der Schäden auch überrascht, wir haben noch keine vernünftige Antwort." Ein Grund sei, dass das Zentrum des Erdstoßes nicht sehr tief lag.

Ischia ist seit jeher ein gefährdeter Ort. 1883 tötete ein Erdbeben um den auch jetzt betroffenen Ort Casamicciola rund 2300 Menschen. Die Vulkaninsel liegt ganz in der Nähe der Phlegräischen Felder. Dort brodelt im Erdinneren einer der wenigen "Supervulkane" der Welt. Im Gegensatz zu dem immer noch aktiven Vesuv, der 79 nach Christus die Gegend in Schutt und Asche legte, sorgen sich Geologen um dieses Pulverfass unter der Erde weit mehr. Dass das jetzige Beben mit dem "Supervulkan" zu tun habe, hält Tilmann für weniger wahrscheinlich. Man könne auch nicht sagen, ob dies ein Vorbote für ein schlimmeres Beben sein könnte. "Es wäre jetzt auch kein Grund, eine Reise nach Neapel zu stornieren."

Um ausbleibende Touristen sorgt man sich jetzt aber auf Ischia. Viele Urlauber nutzten noch in der Nacht das Angebot, mit Fähren ans Festland zu fahren. "Einige Touristen haben die Insel in Panik verlassen, aber die Lage ist unter Kontrolle, und es ist nicht so schlimm", sagte der Bürgermeister der Gemeinde Lacco Ameno, Giacomo Pascale. "Die Insel ist nicht verwüstet."
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