11.01.2017 - 02:10 Uhr
Deutschland & Welt

"Volksverräter" Unwort des Jahres Erbe von Diktaturen

Schon die Nationalsozialisten hatten das "Unwort des Jahres 2016" benutzt. Mit dem Begriff "Volksverräter" werden heute Politiker beschimpft. Das sage auch etwas über eine Gesellschaft aus, meinen Sprachwissenschaftler.

Eine Frau applaudiert neben einem Schild mit der Aufschrift "Volksverräterin" vor einer Flüchtlingsunterkunft in Heidenau (Sachsen) und wartet auf die Ankunft von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Begriff "Volksverräter" ist zum "Unwort des Jahres 2016" gewählt worden. Bild: dpa
von Agentur DPAProfil

Darmstadt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist er schon mehrmals an den Kopf geworfen worden: Der Begriff "Volksverräter" ist das "Unwort des Jahres 2016". Das Schlagwort werde "antidemokratisch und diffamierend verwendet", begründete die Sprecherin der "Unwort"-Jury, die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich, am Dienstag die Entscheidung. Verwendet werde das Wort in sozialen Netzwerken und auch "massiv bei Demonstrationen" von Anhängern des 2014 entstandenen islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses oder der AfD. Das Wort sei ein "Erbe von Diktaturen", unter anderem der Nationalsozialisten, sagte sie. "Ein solcher Sprachgebrauch würgt das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft ab."

Neben Merkel werden auch Bundespräsident Joachim Gauck, SPD-Chef Sigmar Gabriel und andere Politiker immer wieder entsprechend verunglimpft. Merkel selbst wollte sich am Dienstag nicht äußern. Die Generalsekretäre von CDU und SPD, Peter Tauber und Katarina Barley, begrüßten die Kür. "Der Begriff hat die politische Debatte vergiftet. Mit ihm wird anderen Menschen abgesprochen, dass sie in ihrem Tun das Wohl unseres Landes und seiner Menschen zum Maßstab nehmen", sagte Tauber der dpa. "Wer andere als "Volksverräter" beschimpft, will nicht diskutieren, sondern provozieren", meinte Barley.

Neben "Lügenpresse"

Bei der "Unwort"-Wahl gehe "es nicht um einen Versuch der Zensur oder Sprachlenkung, sondern darum, für mehr Achtsamkeit im öffentlichen Umgang miteinander zu plädieren", hieß es in der Begründung. Wegen der besonderen Bedeutung von "Volksverräter" seien dieses Mal keine weiteren Begriffe gerügt worden. Für 2014 hatte das Gremium "Lügenpresse" ausgesucht, ein Begriff, der vor allem vom Pegida-Bündnis genutzt wird. "Es ist uns auch bewusst, dass wir mit "Volksverräter" ein Wort gewählt haben, das sich "Lügenpresse" an die Seite stellen lässt", teilte die Jury mit. Die "Unwort"-Jury richtet sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge, sondern entscheidet unabhängig.

Daneben gibt es auch das "Wort des Jahres". Dieser Begriff wird unabhängig von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden gewählt. Für 2016 entschied sie sich für den Begriff "postfaktisch".

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.