Weckruf der Wissenschaftler

Wissenschaftler demonstrieren in Boston gegen die Trump-Regierung und für die Anerkennung der Bedeutung der Wissenschaft. Bild: dpa

In aller Welt sind Wissenschaftler mit wachsender Skepsis und sogar Anfeindungen konfrontiert. Manche müssen sogar ihr Land verlassen - und bekommen Asyl in Deutschland.

Berlin. Das Ende ihrer wissenschaftlichen Karriere in der Türkei besiegelte Latife Akyüz selbst, mit einer einfachen Unterschrift. Die Forscherin unterzeichnete im Januar 2016 eine Petition von Akademikern. Dort wurde die türkische Regierung für "Massaker" in den Kurdengebieten angeklagt, eine Mitverantwortung der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK für die Eskalation der Gewalt fand allerdings keine Erwähnung. Akyüz erzählt, unmittelbar darauf habe eine wahre Lynchkampagne gegen sie begonnen. "Es war beängstigend."

Die Lokalzeitung ihrer Stadt Düzce, nahe Istanbul, berichtete über sie als "Terroristin" an der örtlichen Universität, TV-Sender schlossen sich an, in den sozialen Medien ergoss sich Hass über die heute 42-Jährige. Akyüz wurde suspendiert, festgenommen, mit einem Reiseverbot belegt und schließlich wieder freigelassen - "alles innerhalb von drei Tagen nach meiner Unterschrift", sagt Akyüz. Sie verließ erst die Stadt, dann das Land. Heute forscht die Sozialwissenschaftlerin in Frankfurt, wo sie eine Art wissenschaftliches Asyl bekommen hat.

Mehr nach Gefühl

Die Türkei, wo nach dem gescheiterten Militärputsch im Sommer vergangenen Jahres massenhaft Akademiker entlassen wurden, ist aber längst nicht das einzige Beispiel dafür, dass das Klima für Forscher rauer wird. Dagegen wollen an diesem Samstag in aller Welt Wissenschaftler beim "March for Science" auf die Straße gehen. Die Liste ihrer Sorgen ist lang: In Ungarn muss die angesehene Central European University (CEU) womöglich schließen, weil die Regierung das Hochschulgesetz geändert hat. US-Präsident Donald Trump hat als eine seiner ersten Amtshandlungen Fördergelder für die Wissenschaft gestrichen. Infoseiten zum Klimawandel verschwanden vom Webportal des Weißen Hauses. In Deutschland positionieren sich Impfgegner, "alternative Fakten" finden im Netz viele Abnehmer. Und ein gutes Drittel der Deutschen findet, die Menschen vertrauten zu stark der Wissenschaft und zu wenig ihren Gefühlen. Das ergab das "Wissenschaftsbarometer 2016", eine repräsentative Umfrage der Initiative "Wissenschaft im Dialog". Wieso nur schlägt der Wissenschaft so viel Abneigung und Misstrauen entgegen? Schließlich ist sie es, die ein komfortables Leben mit Smartphones, moderner Medizin und anderen Wohltaten ermöglicht hat.

"Die Wissenschaft stellt für den Mann, für die Frau auf der Straße oft etwas zutiefst Beunruhigendes dar, einfach weil Wissenschaftler alles in Frage stellen", erklärt der Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz. "Hieraus hat sich ein grundsätzliches Problem entwickelt, das so offen vorher nicht vorhanden war." Auf autoritär agierende Regierungen wirkten Wissenschaftler noch aus anderen Gründen unheimlich: "Freies Denken zu fordern und für eine offene Gesellschaft zu plädieren, das sind Kategorien, die von manchen Politikern als eine Hauptbedrohung des Staates angesehen werden."

Selbst aktiv werden

Die Philipp-Schwartz-Initiative der Alexander-von-Humboldt-Stiftung ermöglicht bedrohten Wissenschaftler aus aller Welt, in Deutschland ihrer Arbeit weiter nachzugehen. Auch Latife Akyüz ist mit Hilfe der Initiative nach Frankfurt gekommen. Derzeit stammten 28 von 68 Geförderten aus der Türkei, teilte die Stiftung mit. Damit bildeten türkische Forschende die zweitgrößte Gruppe hinter Wissenschaftlern aus Syrien. Die Gründe, warum Akademiker ihr Land verlassen, sind vielfältig: In ihrer Heimat herrscht Krieg, ihre Forschungsfreiheit wird eingeschränkt oder sie werden verfolgt.

Damit sich die Situation nicht noch weiter verschlimmert, müssten die Wissenschaftler selbst aktiv werden, sagt der Journalist und Physiker Ranga Yogeshwar. Zu lang hätten sie zu gesellschaftlichen Fragen geschwiegen. Der "March for Science" könne ein Weckruf sein, hofft er.
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