Zwei Amberger sagen: Reisen ist keine Frage des Geldes, aber die Welt erkunden ist auch kein ...
Wer reisen will, der kann es auch

Bilder: Hoppe und Rahn/abseitsreisen
     

Einmal um die Welt reisen – für die einen ist das unvorstellbar, für die anderen ein Traum. Für die Amberger Sabine Hoppe und Thomas Rahn war diese Idee anfangs, 2009, beides. Aber sie haben’s einfach ausprobiert. Und sind jetzt seit vier Jahren unterwegs.

Von Heike Unger

Amberg. Einmal um die Welt reisen – für die einen ist das unvorstellbar, für die anderen ein Traum. Für die Amberger Sabine Hoppe und Thomas Rahn war diese Idee anfangs, 2009, beides. Aber sie haben’s einfach ausprobiert. Und sind jetzt seit vier Jahren unterwegs. Momentan, auf Heimaturlaub in der Oberpfalz, haben sie Zeit, in einem Interview ein paar Fragen zu ihren Reise-Erfahrungen zu beantworten:

Ihr startet Ende Mai Richtung Afrika – euere letzte Etappe. Wobei dann eigentlich noch Australien fehlt, oder?

Sabine: Australien geht nicht mit unserem „Auto“: Dort dürfen nur Fahrzeuge rein, die „clean like new“ sind – also „so sauber wie neu“. Und es darf kein unbehandeltes Holz verwendet sein. Unser ganzer Innenausbau ist aus Holz. Mit diesem Fahrzeug wird’s also nicht gehen. Das haben wir aber auch erstmal ausgeklammert. Wir waren schon mal drei Tage in Australien – (lacht) und haben praktisch alles schon gesehen...

Thomas: Wir interessieren uns auch mehr für Länder, die sich vielleicht verändern. Und ich glaube, in Afrika tut sich da sehr sehr viel. Es ist also für uns – im Moment zumindest – deutlich spannender, Afrika zu bereisen. Das reizt uns auch wegen der vielen verschiedenen Kulturen mehr.

Kann man solche Reisen, wie ihr sie macht, überhaupt vorbereiten?

Thomas: Das machen wir mittlerweile gar nicht mehr. Wir lesen vorher eigentlich kaum noch Reiseführer, wir lassen uns auf den Kontinent ein, lernen ihn Stück für Stück kennen. Unser Ziel ist es dabei immer, einen Kontinent komplett, so weit es mit dem Fahrzeug geht, zu durchfahren. Ob das klappt, weiß man vorher nicht. Die Gestaltung der Reise, welche Punkte man anfährt, da ist sehr vieles Zufall, das passiert einfach so, da landet man mittendrin. Viele Informationen bekommen wir von anderen Reisenden, die man unterwegs trifft. Oder von Einheimischen.

Ihr habt also auch keine Routenplanung?

Sabine: Wir suchen uns schon Sachen aus, die wir unbedingt sehen wollen. Und dann schauen wir, was könnte man unterwegs sonst noch anschauen.

Thomas: Wir wissen dabei aber oft gar nicht, ob wir diese Route überhaupt fahren können: Sind die Straßen zu schmal, die Brücken zu schwach? Wir sind ja sehr viel abseits der Hauptrouten unterwegs – da ist vieles einfach nicht kalkulierbar.



Trotzdem habt ihr jetzt schon 90 000 Kilometer hinter euch...

Thomas: Ja. Als ich zur Vorbereitung der neuen Diashows unsere Bilder durchgeschaut habe, habe ich mich daran erinnert, wie wir von Berlin nach Amberg gefahren sind, weil wir unser Fahrzeug etwas nördlich von Berlin gekauft haben. Damals haben wir uns gefragt, ob die Kiste das überhaupt durchhält – diese lange Strecke von Berlin nach Amberg. Da sind wir zwei Tage gefahren mit einer Übernachtung. Und wussten nicht, hält es durch oder nicht.

Aber das Fahrzeug hat jetzt schon einiges mehr durchgehalten...

Thomas: Wir sind damit durch vier Kontinent gefahren.

Gab’s Probleme unterwegs mit dem „Oldtimer“?

Thomas: Hier mal bisschen schrauben, da mal ein bisschen: Wir haben schon sehr viel Wartung am Fahrzeug. Aber 98 Prozent davon machen wir selber.

Sabine, du auch?

Sabine: (lacht) Ja, ich bin auch eine Schrauberin, nur durchs Reisen. Wir haben vorher beide nicht an Autos geschraubt. Einen Reifenwechsel, den würde ich im Notfall jetzt sogar alleine hinbekommen. Aber wenn’s nicht sein muss, mach ich das nicht: Es ist einfach körperlich sehr schwer, an diesem Fahrzeug zu arbeiten, weil alles riesengroß ist. So ein Reifen wiegt gut 80 Kilo, den allein aufzustellen,....

Musstet ihr denn viele Reifen wechseln?

Thomas: Wir haben mittlerweile elf kaputt gefahren. Das ist jedes Mal ein Drama.

Wo liegt das Problem?

Thomas: Wir haben das Problem, dass wir eine sehr ungewöhnliche Reifengröße haben. Die Leute diskutieren so viel drüber, was nehm’ ich mit auf so eine Reise. Im Endeffekt ist das alles wurscht. Den einzigen Fehler, den wir gemacht haben, ist, mit einer ungewöhnlichen Reifengröße loszufahren: Das konnten wir nicht richtig einschätzen. Und es war jedes Jahr ein Drama, wenn die sich abnutzen oder wir eine Panne haben. Jetzt haben wir zum Glück in Chile nach langer Suche wieder mal acht Reifen bekommen. Ich hoffe, dass wir damit durch Afrika kommen.

Hatte ihr in Südamerika öfter mal Reifenprobleme?

Thomas: Wir hatten sechs oder sieben Reifenpannen aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse, vor allem in Chile und Argentinien. Da geht’s viele Tausend Kilometer über Schotterstraßen, da haben sich die Reifenpannen gehäuft. Überhaupt kann man sagen, die Straßen waren dieses Jahr besonders spektakulär.

Wie meinst du das?

Thomas: In Peru, Bolivien, da ist die Straße zum Teil nur 30 cm breiter als das Fahrzeug. Und rechts neben der Straße geht es bis zu 800 Meter in den Abgrund. Wir sind auch über diese berühmt-berüchtigte Todesstraße in Bolivien gefahren. Das sind natürlich Situationen, da wird’s einem schon ganz anders, weil man es einfach nicht gewohnt ist, dass es keine Absturzsicherung gibt. Dort ist es einspurig, nass, schlammig, rechts gehts 800 Meter runter und vorn vorne kommt dir ein Fahrzeug entgegen.

Und dann?

Sabine: (lacht) Dann kuckt man erstmal, wer das größere Fahrzeug hat.

Thomas: Und dann musst du halt einspurig zurückrangieren, bis zur nächsten Ausweichstelle.

Sabine: Wir haben das ja jetzt vier Jahre lang geübt. Der Thomas vor allem das Fahren und ich das Einweisen. Wir sind da mittlerweile relativ geschickt.

Thomas: Sag mal lieber geübt. Das muss dann schon klappen: Du musst wirklich zentimetergenau ansagen, wie’s über den Pass rückwärts zur nächsten Ausweichstelle geht – da darf dann auch kein Fehler passieren, sonst geht’s abwärts.

Aber eigentlich ging’s auf dieser Tour doch eher öfter mal aufwärts, oder?

Thomas: Ja, zum Beispiel an der Grenze von Chile, da war die Zollabfertigung auf über 5000 Metern, das geht einem schon an die Nieren.

Und auch an die Lunge?

Thomas: Ja. Dort ist ja nur noch ungefähr 50 Prozent Sauerstoff in der Luft. Da merkt man schon jeden Schritt, auch das Fahrzeug merkt jeden Meter, weil auch der Motor nur noch 50 Prozent Sauerstoff kriegt. Der raucht da tiefschwarz und es geht wirklich nur noch im zweiten, dritten Gang vorwärts, weil einfach 50 Prozent Leistung fehlt.

Sabine: In Bolivien haben wir uns sehr langsam an die Höhe gewöhnt, da ging’s uns eigentlich recht gut. Vorher, in Peru, hatte ich mal Probleme auf der Cordillera Blanca, da sind wir verhältnismäßig schnell auf 3800 Meter gefahren. Wir waren eine Tag wandern und am Abend haben wir beschlossen, noch auf 4200 Meter zu fahren – diese Kombination aus körperlicher Überanstrengung und der Höhe hat bei mir dazu geführt, dass ich erste Anzeichen der Höhenkrankheit bekommen habe. Wir sind dann nachts noch abgefahren auf 3800 Meter – dann war’s schlagartig weg.

Thomas: Aber in dem Moment musst du dann auch runter. Höhenkrankheit, damit darf man überhaupt nicht spaßen, das kann wirklich schwere Folgen haben. Das ist ein Dauerthema in den Anden. Wir haben sie insgesamt 15 Mal überquert, da spielt der Gedanke an die Höhenkrankheit täglich eine Rolle.

Ihr habt am Ende trotzdem euer „Etappenziel“ erreichte – den südlichsten Zipfel Südamerikas?

Thomas: Ja. Am Ende sind wir nach Feuerland übergesetzt, da muss man über die Magellanstraße mit einer kleinen Fähre, und dort sind wir so weit gefahren, wie es mit dem Fahrzeug ging. Ganz am Ende sind wir dort gelandet, wo die Straße endet, am südlichsten Punkt Südamerikas, den man mit dem Fahrzeug erreichen kann. Was wir dort gefunden haben, ist aber ein Geheimnis...

Und jetzt seid ihr bereit für weitere Geheimnisse? Ihr reist weiter, am 20. Mai beginnt die letzte Tour, durch Afrika...

Thomas: Für uns war die Prämisse, wir haben die Idee, haben Lust drauf, wollen uns die Welt anschauen. Aber das ist so ein riesiges Projekt, da kann man von vorneherein gar nicht sagen, das ziehe ich jetzt durch. Wir haben immer gesagt, wir machen’s so lange es uns Spaß macht. Und offensichtlich macht’s uns immer noch Spaß.

Und wann hört der Spaß auf?

Thomas: Wir reisen ja mit Anspruch, uns auf die Länder einzulassen, möglichst viel zu sehen und zu lernen. Und das ist auch anstrengend. Das geht ein Jahr lang gut, aber dann hat man auch das Gefühl, der Kopf ist voller Eindrücke.

Sabine: Dann hat man schon mal Ermüdungserscheinungen und denkt, ich will eigentlich gar nichts sehen, mach die Tür zu und bleib im Lkw. Aber das können wir ja zum Glück auch.

Thomas: Und nach zehn, zwölf Monaten tut’s dann auch gut, wieder mal daheim zu sein. Diese Zeit daheim hilft uns dabei, des Reisens nicht überdrüssig zu werden.

Also ist das Reisen für euch kein Urlaub?

Thomas: Nein, mit Urlaub hat das wirklich sehr wenig zu tun. Du musst jeden Tag schauen, wo kann ich stehenbleiben, wo krieg ich was zum Essen her, wo kann ich Wasser, Diesel auffüllen, wie komm ich von A nach B, was ist am Auto wieder locker, wo krieg ich das passende Öl her oder destilliertes Wasser für die Batterien. Es ist eine große Herausforderung, der man sich stellt. Aber wir wollen es ja genauso haben und hätten jeden Tag die Möglichkeit, diese Reise zu beenden. Aber uns macht’s nach wie vor Spaß und wir sind jetzt auch bereit, uns wieder diese neue, vielleicht letzte Etappe einzulassen.

Die meisten Leute, die von euch hören, fragen, wie man sich eine solche Weltreise leisten kann...

Thomas: Ja, das ist komisch. Warum kommt diese Frage immer? Sogar in einer Schule nach einem Vortrag. Ich glaub’, dass die Vorstellung, was so eine Reise kostet, vollkommen falsch ist. Oder was sie kosten muss. Klar, wenn ich sage, drei Wochen Urlaub in den USA oder Neuseeland kosten den und den Betrag, das mal 17, dann bin ich bei einem Jahr und bei einem sechs- oder siebenstelligen Betrag.

Diese Rechnung stimmt aber nicht?

Thomas: Tatsächlich kann man es sich wirklich aussuchen, was eine Reise kostet. Letztes Jahr haben wir einen Chinesen getroffen, der ist mit 500 Euro losgefahren. Der ist jetzt seit 16 Jahren mit seinem Fahrrad unterwegs, hat über 130 Länder bereist. Ich kann wirklich mit jedem beliebigen Budget reisen.

Und woher kommt dieses Budget bei euch?

Thomas: Wir verdienen auch etwas durch unsere Diashows. Das deckt die Reisekosten natürlich nicht: Wir leben großteils von Erspartem, aber wir brauchen auch ein Budget, das weitaus geringer ist, als die meisten glauben.

Mal ehrlich: Wie groß ist das denn?

Sabine: Wir haben ein Monatsbudget von vielleicht 1000 Euro zu zweit. Wir haben uns halt dazu entschlossen, dass wir von unseren Ersparnissen zehren und lieber im Anschluss wieder Geld verdienen. An sich haben wir auch nicht die Idee, dass wir ein Leben lang reisen, sondern dass es eine Zeit ist, wie wir uns jetzt nehmen, die wir intensiv erleben wollen – aber dass wir danach auch wieder andere Dinge machen wollen.

Thomas: Die Frage bei uns war: Einbauküche oder Reise. Mittlerweile sind wir bei einer etwas höherwertigeren Einbauküche, aber trotzdem ist es so, dass das keine exorbitanten Summen sind.

Sabine: Während des Studiums hab’ ich mehr Geld gebraucht. Viele sagen, das mit dem Reisen, das kann man doch nie machen. Aber ganz viele Leute können sich einen Kleinwagen kaufen. Einen neuen Golf. Was kostet der? 25.000 Euro? Davon kannst du auch zu zweit leicht zwei Jahre lang
reisen. Mich würde nie jemand fragen, wie kannst du dir deinen Kleinwagen leisten? Weil man weiß, wie man das macht: Man spart und dann kauft man den. Es kann sich nur keiner vorstellen, dass man sich auch Zeit kaufen kann.

Thomas: Das ist aber auch was ganz Typisches für Deutschland. Wir sind hier permanent mit dieser Frage konfrontiert. Dabei gibt es doch viel interessantere Fragen, zum Beispiel, wo habt ihr interessante Leute getroffen? Wie geht es dem Minenarbeiter in Potosi? Ich glaube es, es liegt daran, dass viele sagen, ich verstehe es nicht, wie die das machen, weil ich hier schon nicht auskomm’ mit meinem Geld. Dass es ein komplett anderes Leben unter komplett anderen Rahmenbedingungen ist, das mit Urlaub nichts zu tun hat, das muss man dann immer sehr lang
erklären. Vielleicht, weil’s für viele ein Traum ist – vielleicht nicht, drei Jahre lang zu reisen, aber mal ein bisschen länger.

Und diesen Traum kann sich jeder erfüllen?

Thomas: Man muss einfach bereit sein, sich drauf einzulassen und viele Dinge hier auch aufzugeben, die Sicherheiten, die man hier hat. Wenn man das macht, das ist der wichtigste Punkt, dann kann man auch reisen. Das Budget ist da sekundär. Eine gewisse Reserve macht es sicher bequemer, aber das Budget macht die Reise nicht toll. Das ist das Schöne, das man auf der Reise lernt – wer reisen will, kann es auch.