Zwischenbilanz des Prozesses vor dem Landgericht Paderborn
Tief in die Hölle von Höxter

Die Angeklagten Wilfried W. (links) und Angelika W. vor dem Landgericht Paderborn. Bild: Guido Kirchner/dpa

Wenige Verbrechen haben 2016 so viel Entsetzen ausgelöst: Jahrelang soll ein Ex-Paar Frauen nach Ostwestfalen gelockt und misshandelt haben, zwei von ihnen starben. Der Prozess um das Geschehen hat erst begonnen und offenbart unvorstellbaren Horror.

Paderborn. Es ist ein Kriminalfall, der in Abgründe schauen lässt: In Höxter bei Detmold sollen ein Mann und eine Frau jahrelang Frauen schwer misshandelt haben - zwei von ihnen überlebten das Martyrium nicht. Die gerichtliche Aufarbeitung des Geschehens läuft seit Herbst - und steht doch erst am Anfang.

Der Fall: Es sind sonnige Frühlingstage am Rande des Teutoburger Waldes, in die die Nachricht platzt, dass der beschauliche Ort Höxter-Bosseborn zum Schauplatz grausamer Verbrechen geworden sein soll. In einem schäbigen Hof, den die Medien schnell das "Horror-Haus" nennen, sollen über Jahre hinweg Frauen gequält worden sein. Dort leben Angelika W. (47) und Wilfried W. (46), die sich als Bruder und Schwester ausgeben, tatsächlich aber ein geschiedenes Ehepaar sind. Sie sollen mit Kontaktanzeigen Frauen nach Ostwestfalen gelockt haben.

Die Taten: Der Staatsanwalt spricht davon, dass sie die Frauen wie Leibeigene gehalten hätten. Folgten sie nicht den strengen Regeln im Hause W. wurden sie geschlagen, verbrüht, nächtelang gefesselt. In der U-Haft wird die geständige Angelika W. später einen Katalog mit mehr als 70 Misshandlungsarten aufschreiben, die den Frauen zuteil wurden. Auch sie selbst soll nach eigener Aussage immer wieder grausam von Wilfried W. gequält worden sein. Später sei ein Großteil der Gewalt gegenüber den Frauen von ihr ausgegangen.

Die Opfer: Von manchen soll das Duo größere Summen Bargeld erschlichen haben. Vier wurden laut Anklage Opfer massiver Gewalt, zwei Frauen überlebten nicht. Das erste Todesopfer aus Uslar hat Wilfried W. sogar geheiratet. Sie stirbt 2014, völlig ausgezehrt, vermutlich an den Folgen eines Sturzes. Wie Angelika W. aussagt, verbrennen sie die in einer Kühltruhe gelagerte Leiche nach und nach in einem Ofen. Im Frühjahr 2016 verschlechtert sich der Zustand eines weiteren Opfers so sehr, dass dieses zurück in die Heimat nach Bad Gandersheim gebracht werden soll. Als das Auto liegenbleibt, verständigen sie einen Rettungswagen. Noch in der Nacht stirbt die Frau.

Die Ermittlungen: Ihre Verletzungen lassen die Polizei hellhörig werden. Die Spur führt schnell in das Haus in Bosseborn. Dort stellt die Polizei Handyfotos und -videos, sowie schriftliche Versicherungen der Frauen, dass es angeblich keinen Zwang gegeben habe, sicher. Angelika W. sagt zudem stundenlang aus, belastet beide. Im September erhebt der Staatsanwalt Anklage wegen zweifachen Mordes. Doch die Mordkommission geht noch rund 3000 Hinweisen nach. Dann zeichnet sich ab: Schwerwiegende weitere Taten sollen nicht zur Anklage gebracht werden. Alles was die Ermittler fanden - "Betrügereien, mal eine Nötigung, mal ein Schlag" - falle für das Strafmaß nicht ins Gewicht, sagt Staatsanwalt Ralf Meyer.

Die Angeklagten: Der großgewachsene Mann mit Dreitagebart stellt sich zwar offen den Kameras, schweigt aber bislang. Seinen Anwälten zufolge hält Wilfried W. seine Ex-Frau für die Triebfeder hinter der Gewalt, zu einem späteren Zeitpunkt sei seine Aussage zu erwarten. Zunächst aber ist Angelika W. an der Reihe: Detailliert, aber kalt schildert sie ohne ersichtliches Unrechtsbewusstsein grausame Details. Nach ihrer Weltsicht scheinen die Frauen selbst Schuld an den Übergriffen zu tragen.

Der Prozess: Begleitet von großem Medien- und Zuschauerinteresse stand seit Oktober Angelika W.s Aussage im Mittelpunkt. Es zeichnet sich ein langer Prozessverlauf vor dem Landgericht Paderborn ab: Erhellt werden muss die Frage, wer bei den Misshandlungen welche Rolle spielte und wie glaubwürdig das Duo ist.

Dazu werden 2017 auch weitere Opfer in den Zeugenstand gerufen, wie eine Magdeburgerin, die nach Wochen der Gewalt entkam. Maßgeblich werden ebenso die Einschätzungen der psychologischen und medizinischen Gutachter sein. "Bis Mitte des Jahres haben wir sicherlich zu tun", sagt der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus.
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