15.11.2017 - 11:14 Uhr
Deutschland & Welt

OTon: Klimawandel und Tourismus berühren in Venedig mehr als Kunst Eine Stadt im Untergang

Wie die Kulisse eines Disney-Films liegt die Stadt vor uns: Venedig. Prächtig, romantisch – und flüchtig. Die Zeugen ihres Untergangs liegen am Ufer des Canal Grande, der sich wie ein Fragezeichen durch die Altstadt zieht: vom Wasser zerfressene Holzpfähle.

Acqua alta in Venedig, Hochwasser. Liest sich romantisch und erinnert an Commissario Brunetti aus den Donna-Leon-Romanen. Doch viel zu oft spült es das Lagunengemisch aus Salz- und Süßwasser aus den Abwasserschächten - eine Folge des Klimawandels.
von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

Auf ihnen ruht die Stadt, nein sie schwankt. Auf Hunderttausenden, Millionen solcher Pfähle, abgeholzt in ganz Oberitalien, gestampft in den sumpfigen Lagunenboden.  Auf Schlamm ist diese glorreiche Stadt gebaut. Unter den Palazzi und Kirchen spült ein Salz- und Süßwassergemisch Geröllmassen hin und her. Die Stadt sinkt und sie kippt nach Osten, stellten Forscher fest, täglich ein bisschen mehr. Irgendwann wird sie untergehen.

Spüre ich das Wanken unter mir? Oder ist es der Aperol Spritz, den ich inmitten der Tausenden Touristen trinke, während die untergehende Sonne das Meer brennen lässt? Endzeitstimmung, ein neues Phänomen für den Wohlstandseuropäer, der jetzt die Folgen des Klimawandels spürt. In Venedig jedoch zieht sich die Dekadenz durch seine Geschichte. Unendlich Dukaten, Lire, Euro flossen in die Umleitung von Flüssen, das Abpumpen von Wasser, den Bau gewaltiger Fluttore zwischen Lagune und Adria.

Doch die einstige Handelsmetropole geht unter. Im 21. Jahrhundert soll die Stadt auf bis zu 50 Zentimeter absacken, schätzen Wissenschaftler, ein bis zwei Millimeter pro Jahr soll sie sinken. 0,02 Millimeter also in den fünf Tagen meines Besuchs. Merke ich nicht doch etwas? Fühle ich, wie „La Serenissima“, die Durchlauchtigste, unter meinen Füßen ertrinkt? Während ich mit den Besuchermassen über die pittoresken Brücken der Kanäle hetze, die im unwirklichen Blau glänzen und das Gift der Fabriken und Raffinerien aus dem Festland mit sich schwemmen.

So richtig passen die Touristen nicht in diese edle Stadt. Selfie-Sticks ragen aus ihren Körpern bei der obligatorischen Gondelfahrt, zu Tausenden trippeln die Menschen über San Marco, tragen fein gearbeitete Masken aus den Souvenir-Shops zu beigen Multifunktionshosen und Trekkingsandalen. Doch sie sind der Grund, dass diese Stadt überhaupt noch existiert. 30 Millionen von ihnen, von uns, kommen jährlich hierher. Sie schwemmen das Geld hinein, das die Palazzi prächtig und die Fresken bunt hält. Aus ihrer Hand lebt die Stadt.

Durch die Hand des Menschen wurde sie geschaffen, durch seine Hand geht sie unter. Retten will er sie noch, kurz bevor die Schöne im Meer versinkt. Kreuzfahrtschiffe mit mehr als 50 000 Tonnen sollen bald nicht mehr im Kanal von Guidecca an der Altstadt vorbeifahren, kündigte die Regierung vor einigen Tagen an. Doch das hilft nichts, prophezeien Umweltschützer. Die Riesen stießen schon zu viele Schadstoffe aus, die Ungeheuer nahmen der Schönen die Luft zum Atmen, zerstörten den Boden, auf dem sie sich verzweifelt festkrallt. Wer aufpasst, kann ihre Klagen im Wasser der Kanäle plätschern hören.

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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