12.01.2013 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Rückblick auf einen Jahrhundertwinter: Vor 50 Jahren fror zum letzten Mal der Bodensee zu: Die Helden der "großen Seegfrörne"

Ein Bild, das in der Bodenseeregion Geschichte machte: Diese sechs Männer und der Bub überquerten am 6. Februar 1963 den zugefrorenen Bodensee zuerst.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Hundegebell kündigt das Jahrhundertereignis an. Der Schäferhund des Gasthauses Schiff in Güttingen hat Witterung zu den Gestalten aufgenommen, die wie aus dem Nichts im Nebel auftauchten. Sie sind durchgefroren und vollgepumpt mit Adrenalin. Sechs Männer und ein Bub sind die ersten, die sich von Hagnau aus über den zugefrorenen Bodensee an das schweizerische Ufer wagten. Die "große Seegfrörne" - das Zufrieren des kompletten Bodensees - jährt sich heuer zum 50. Mal.

Es ist ein kalter, nebliger Tag, dieser 6. Februar 1963. Klirrende Kälte hält das Bodenseeufer schon seit Anfang November im Griff. In Hagnau stapft Hermann Urnauer mit seinem Sohn an der Hand durch die eisige Windstille zum Kindergarten. Er hat heute Spätschicht in einer Fabrik in Friedrichshafen. Die Fischer im Ort berichteten schon vor Tagen von Eisschollen auf dem offenen Wasser. Auf Minus 20 Grad soll das Thermometer in der Nacht gefallen sein. Auf dem Heimweg sieht Urnauer plötzlich, wie eine Gruppe von Männern am Seeufer mit Seilen und Leitern hantiert. "Jetzt ist es soweit", denkt er. Der Hagnauer läuft los, holt seine Schlittschuhe, sagt seiner Frau natürlich nichts, und macht sich auf, die wagemutigen Abenteurer einzuholen, die schon längst vom kalten Nebel über dem See verschlungen sind. Der Bodensee ist zwischen Hagnau und dem gegenüberliegenden Ufer bis zu 180 Meter tief. Nach Güttingen beträgt die Luftlinie etwa 8,5 Kilometer. In diesem Bereich friert der See nur äußerst selten zu - im Schnitt etwa alle 70 Jahre.
Auf dem Alteis in Ufernähe liegt Schnee. Urnauer folgt den Spuren. Mit seinen Schlittschuhen hat er die Gruppe vor ihm schnell eingeholt. Einer fährt vorweg auf Skiern, auf einem Schlitten liegt die Ausrüstung. Ein Kompass, Ferngläser und auch eine Leiter gehören dazu. Sie soll, falls einer einbricht, an das Eisloch geschoben werden. In einer Seilschaft - zehn bis 15 Meter Abstand liegen zwischen den Männern - marschiert die Gruppe langsam und vorsichtig über den See. Es knirscht und kracht unheimlich, wenn sich die Eisplatten übereinander schieben. Aber solange der weiße Schnee das Eis über dem dunklen Wasser bedeckt, fühlen sich die Männer sicher.

Plötzlich ist vor ihnen kein Schnee mehr zu sehen. Hier hat sich die Eisdecke erst vor kurzem geschlossen. Weiter vorne haben sich Vögel an einer offenen Wasserstelle versammelt. Die Männer sind gewarnt und weichen im großen Bogen nach Osten aus. Jetzt endlich - nach mehr als zwei Stunden verloren in eisiger Kälte - zeigt das Fernglas dunkle Konturen im Nebel. Es sind die Pappeln am Ufer von Güttingen. Nicht wie erwartet die Häuser von Altnau. Aber die Schweizer Seite des Bodensees ist fast erreicht.
Die Seegfrörne von 1963 wurde zu einem großen Fest, das sich in die Herzen der Menschen am Bodensee eingebrannt hat. Das Eis hat eine Brücke geschlagen zwischen Nachbarn, die nicht nur der See, sondern auch der Lauf der Geschichte getrennt hat. Den ersten wagemutigen Abenteurern aus Hagnau sind tausende Ausflügler aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland gefolgt.

Auf dem Eis, wo der Grenzschutz zu Beginn der Massenwanderungen noch jede Tasche und jeden Rucksack auf Schmuggelware durchsuchte, war bald kein Halten mehr. Anmelden? Rechtswidriger Grenzübertritt? Die Masse überrollte alle Vorschriften. Jetzt traf sich die Jugend der drei Nachbarländer Abend für Abend in den Gasthöfen am Bodenseeufer. Rudolf Dimmeler, heute Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Hagnau, erinnert sich: "Der See hatte plötzlich nichts Trennendes mehr, wir konnten problemlos zwischen den Ufern hin und her gehen." Abends, nach der Arbeit, zog er sich die Schlittschuhe an und fuhr, wie viele andere, hinüber in das Gasthaus "Krone" nach Altnau.
Der tiefe Wunsch nach Frieden und Verbundenheit fand auch religiösen Ausdruck in einer Eisprozession. Ihre Geschichte lässt sich bis in das Jahr 1573 zurückverfolgen. Sie gilt als einer der ältesten religiösen Bräuche rund um den See. Im Mittelpunkt steht die Büste des Heiligen Johannes Evangelista, ein Weinheiliger, die die katholischen Kirchengemeinden Münsterlingen in der Schweiz und Hagnau bei einer Seegfrörne austauschen. Die Büste, die vermutlich der Ravensburger Bildhauer Jacob Russ 1455-1525) geschaffen hat, wechselt bei jeder Seegfrörne ihren Standort. Seit 1963 steht der Heilige nun in der Pfarrkirche des ehemaligen Benediktinerklosters in Münsterlingen und wartet auf den nächsten kalten und langen Winter.

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Sonderausstellung

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Am Samstag, 9. Februar, - 50 Jahre nach der bislang letzten Eisprozession - gedenken die Münsterlinger mit einer kleinen Prozession und einem ökumenischen Gottesdienst des Heiligen und des großen Eises. Wenige Tage später eröffnet die Sonderausstellung "Über eisige Grenzen - Seegfrörne vor 50 Jahren" mit Bildern, Geschichten, Ton- und Filmaufnahmen zur Seegfrörne 1963 im Hagnauer Museum. Das Jubiläumsjahr ist Anlass für viele grenzüberschreitende Veranstaltungen - und so wirkt die Seegfrörne bis heute fort.
Freundlicher wie der Schäferhund des Gasthauses Schiff in Güttingen ist sein Herrchen, der Wirt. Der Wirt eilt den Seeüberquerern entgegen und lädt sie zu einem warmen Essen in seine Wirtsstube ein. Dann informiert der Wirt den Bürgermeister und die Zeitungen. Ein Telefonanruf geht auch nach Hagnau, wo Hermann Urnauers Frau erfährt, dass sie mit dem Mittagessen an diesem Tag nicht zu warten braucht.

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