Wie Kinder mit zwei Sprachen aufwachsen
Mama und Daddy

Mehrere Kulturen, mehrere Sprachen: Das gehört zum Leben von Jim und Franziska Bouchie. Er ist Amerikaner, sie ist Deutsche, gemeinsam haben sie in Moskau Englisch unterrichtet. Und Tochter Sophia ist in Italien geboren. Alles klar? Bild: Petra Hartl
 
Deutsch-tschechisches Dreamteam: Gerald und Monika Bayerl freuen sich jeden Tag an ihren Töchtern Vanessa (links) und Theresa. Bild: Steinbacher

Der „Durchbruch“ gelang dem „Grandpa“, dem amerikanischen Opa, vor zwei Jahren. Franziska Schmidt-Bouchie und ihr Mann Jim Bouchie waren mit ihrem damals vierjährigen Töchterchen Sophia in den Ferien bei den Großeltern in Florida. Die beiden Anglisten hatten ihr Kind konsequent zweisprachig erzogen. Die Mama sprach nur Deutsch mit der Kleinen, der Papa nur Englisch. Und trotzdem: Sophia benutzte daheim in Weiden fast nur die deutsche Sprache. Bis zu jenem USA-Urlaub 2011. „Sie hat gemerkt: Ups, hier geht nix mit Deutsch.“ Als der amerikanische Opa mit Luftballons scherzte, ging der Knoten auf. „Auf einmal sprudelte es Englisch aus ihr heraus.“

Mensch, toll, zweisprachige Erziehung! Die Bouchies ernten viel positive Resonanz. Aber: „Von selbst kommt das nicht. Man muss dranbleiben und sich wirklich bemühen.“ Franziska und Jim sind vom Fach. Sie arbeiten als Dozenten für die University of Maryland und unterrichten Amerikaner auf den Truppenübungsplätzen Grafenwöhr und Vilseck. Franziska Schmidt-Bouchie hat in Deutschland Englisch und Russisch und in den USA Anglistik studiert. Jim Bouchie ist Literaturwissenschaftler und Anglist. Ihr Leben war schon immer reich an Kulturen: Nach dem Studium in den USA lehrte das Paar in Moskau Englisch als Fremdsprache. Einige Jahre lebten die beiden in Italien, wo 2007 Sophia zur Welt kam und ihr erstes Lebensjahr verbrachte, ehe sich die kleine Familie in Weiden niederließ. „Ihre erste Fremdsprache war damit eigentlich auch Italienisch.“

Zu viel Verwirrung für ein Kind? „Gar nicht“, meint Franziska Schmidt-Bouchie, „so ein Kinderhirn kann unheimlich viel aufnehmen.“ Die Fünfjährige zeige jetzt schon ein außerordentliches Gespür und Verständnis für andere Sprachen. Wichtig ist der Spaß dabei. Die Bouchies geben seit einigen Jahren Englisch-Unterricht im städtischen Kinderhaus „Tohuwabohu“ in Weiden. Auch dort gilt: „Kinder lernen in diesem Alter nur über Spiel und wenn es ihnen Spaß macht.“ Im Tohu wird gesungen, getanzt, Tiere werden imitiert. Oder die „Schüler“ spielen „hide and seek“: Verstecken.
Unter den Englisch-Kindern im Kindergarten sind wiederum Kinder, die daheim zweisprachig aufwachsen. Wie Vanessa Bayerl: Mama Monika ist Tschechin, Papa Gerald ein Weidener. „Diese Kinder können das sogar noch besser. Sie wissen schon, wie man umschaltet“, hat Franziska Schmidt-Bouchie beobachtet.



Vanessa ist ein gutes Beispiel, dass eine Sprache dominiert. Erst sprach Mama Monika, Hotelfachfrau, daheim mit ihr nur Tschechisch. Papa Gerald nur Deutsch. Und Vanessa? „Die ersten drei Lebensjahre hat sie nur Tschechisch gesprochen, obwohl sie Deutsch verstanden hat. Auf Deutsch sagte sie nur wenig, wie: Ja, Nein, Papa komm.“ Das änderte sich mit dem Kindergarten, wo sie mühelos Kontakte knüpfte – natürlich auf Deutsch. Heute würde Monika Bayerl sagen, dass Deutsch die dominante Sprache ihrer Tochter ist.

Inzwischen hat Vanessa ein Schwesterchen, Theresa (3). Die Schwestern unterhalten sich untereinander auf Tschechisch. Zu Besuch bei Oma und Opa Bayerl stellen sie ruckzuck auf Deutsch um. Auch wenn die ganze Familie beim Abendessen zusammen sitzt, wird dem Papa zuliebe auf Deutsch geplaudert. Gerald und Monika Bayern wollen ihren zweisprachigen Haushalt unbedingt so beibehalten. „So leicht lernen das die Kinder nie mehr“, sagt Gerald Bayerl, der vor zwei Jahren Spanischunterricht nahm und sich dabei richtig anstrengen musste.

Schwierig: Einschulung

Die deutsch-tschechische Vanessa und die amerikanisch-deutsche Sophia kommen in diesem Herbst zur Schule. Der nächste Schritt einer zweisprachigen Erziehung will gemeistert werden. Die Anlauttabelle gilt eben nur für die deutsche Sprache. Ein deutsches „i“ ist in Englisch ein „e“. Die Bouchies haben sich Materialien besorgt, um Sophia auch Englisch in Alphabet und Schrift beizubringen. Papa Jim plant wöchentliche Besuche in den amerikanischen Bibliotheken in Grafenwöhr und Vilseck. „Es wäre uns wichtig, dass sie das parallel lernt.“

Auch Vanessa Bayerl soll Tschechisch schreiben lernen, und bekommt dabei womöglich sogar richtigen Unterricht. Das Schulamt Weiden-Neustadt hat zur Einschreibung die Wünsche nach Tschechisch oder Russisch abgefragt. Dabei handelt es sich aber nicht um einen „muttersprachlichen Ergänzungsunterricht“, wie er früher für türkische Kinder angeboten wurde, informiert Schulamtsdirektor Josef Benker. Vielmehr kann das Schulamt bei der Lehrerzuweisung Stunden aus einem Sondertopf „AG Sprachen“ beantragen (im letzten Jahr 40 Stunden im Schulamtsbezirk). Ziel ist dabei nicht primär, zweisprachige Kinder zu fördern, sondern allgemein interessierten Kindern Einblick in eine Fremdsprache zu geben. „Aber natürlich nehmen daran auch Kinder mit der Muttersprache Tschechisch teil.“