Anklage in 36 Fällen
Schleckers Millionen-Frage

"Wanted" steht auf einem Foto mit Unternehmensgründer Anton Schlecker und seiner Frau Christa, das eine Mitarbeiterin der Drogeriemarktkette Schlecker 2012 in Berlin bei einer Demonstration gegen die Schließung von Filialen des Unternehmens trägt. Archivbild: dpa

Das Aus der Drogeriemarktkette Schlecker war eine der spektakulärsten Pleiten der deutschen Handelsgeschichte. Nach den Massenentlassungen nimmt nun - gut vier Jahre nach der Insolvenz - das strafrechtliche Nachspiel seinen Lauf.

Stuttgart. Anton Schlecker soll vor der Pleite seines Drogerieimperiums in 36 Fällen viel Geld beiseite geschafft haben. Das wirft ihm die Stuttgarter Staatsanwaltschaft vor, wie die Behörde am Donnerstag mitteilte. Darüber hinaus soll er 2009 und 2010 den Zustand des Konzerns im Konzernabschluss falsch dargestellt und vor dem Insolvenzgericht unrichtige Angaben gemacht haben.

Wirtschaftsprüfer angeklagt

Neben dem 71 Jahre alten Firmenpatriarchen sind auch seine Ehefrau Christa, seine zwei Kinder sowie zwei Wirtschaftsprüfer angeklagt. Sie sollen Anton Schlecker geholfen haben beim vorsätzlichen Bankrott. Auf Bankrott steht eine Strafe von bis zu fünf Jahren Haft; bei besonderes schweren Fällen bis zu zehn Jahren Haft. Über die Zulassung der Anklage entscheidet nun das Landgericht Stuttgart. Ob das noch in diesem Jahr passieren wird, ist offen.

Schleckers Kinder Meike und Lars müssen sich zudem wegen Insolvenzverschleppung und Untreue verantworten. Sie sollen das Logistikunternehmen LDG als faktische Geschäftsführer um mehrere Millionen Euro geschädigt haben: Obwohl sie von den Schulden und Verlusten des Unternehmens wussten, sollen sie sich Millionen Euro als angebliche Gewinnen aus dem Geschäftsjahr 2011 ausschütten haben lassen. Außerdem sollen sie ihrer Mutter mehr als 50 000 Euro auf das Privatkonto für nie geleistete Beratertätigkeiten überwiesen haben. Ein weiteres Mal sollen 19 000 Euro illegal auf das Privatkonto der Mutter geflossen sein. Meike und Lars Schlecker hätten zudem bewusst versäumt, rechtzeitig einen Insolvenzantrag zu stellen.

Die beiden Wirtschaftsprüfer sollen die falsche Bilanzierung Schleckers zwar erkannt, aber dennoch erklärt haben, dass die Jahresabschlüsse den gesetzlichen Vorgaben entsprächen. Anton Schlecker führte seinen Konzern als "eingetragener Kaufmann" (e.K.). Dank dieser Rechtsform konnte der Firmenpatriarch viel Geheimniskrämerei um sein Drogerieimperium betreiben.

25 000 verloren ihren Job

Doch der Preis dafür war am Ende hoch: Schlecker haftete mit seinem kompletten Privatvermögen für alle Schulden. Europas ehemals größte Drogeriekette Schlecker hatte im Januar 2012 Insolvenz angemeldet. Etwa 25 000 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Die Gläubiger forderten rund eine Milliarde Euro.

Das Handelsunternehmen aus Baden-Württemberg hatte zu seinen Bestzeiten rund 9000 Märkte im In- und Ausland. Die Familie Schlecker war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Die Anklageschrift ging nun beim Stuttgarter Landgericht ein und ist nach Angaben des Gerichts auch überwiegend an die Beschuldigten zugestellt. Die Kammer prüft nun die Akten und wird dann entscheiden, ob es zur Hauptverhandlung kommt. "Ich vermute nicht, dass das Gericht in absehbarer Zeit eine Entscheidung trifft", sagte eine Sprecherin. Es sei durchaus möglich, dass die Kammer erst im nächsten Jahr zu einer Entscheidung kommt.

Bankrott und InsolvenzverschleppungAnton Schlecker führte sein Drogerieimperium als eingetragener Kaufmann. Mit dieser Rechtsform gibt es keine Handhabe gegen ihn wegen möglicher Insolvenzverschleppung - wohl aber gegen seine Kinder. Eine weitere Anklage gegen die Schleckers lautet Bankrott. Was steckt rechtlich hinter den Vorwürfen?

Bankrott: Der Straftatbestand hängt eng mit einer Insolvenz zusammen, denn "wer bei Überschuldung oder bei drohender oder eingetretener Zahlungsunfähigkeit" beispielsweise Werte für die mögliche Insolvenzmasse zur Bedienung der Gläubiger verheimlicht oder verschwinden lässt, dem drohen bis zu fünf Jahre Haft oder Geldstrafe. Besonders schwere Fälle werden mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft. Das liegt in der Regel dann vor, wenn der Täter aus Gewinnsucht handelt. Auch der Versuch ist strafbar.

Insolvenzverschleppung: Dieser Straftatbestand besagt im Kern, dass im Falle einer Firmenpleite Geld- oder Freiheitsstrafen drohen, wenn die Insolvenz "nicht, nicht richtig oder nicht rechtzeitig" bei Gericht angezeigt wird. Es gibt jedoch eine Einschränkung: Anders als etwa bei einer GmbH oder einer Aktiengesellschaft greift das Gesetz nicht für den eingetragenen Kaufmann (e.K.), weil der nämlich keine juristische Person ist.

Beim Dachunternehmen Anton Schlecker e. K. ergibt sich somit keine Handhabe - wohl aber gegen seine Kinder als faktische Geschäftsführer eines Logistikunternehmens. Insolvenzverschleppung wird mit bis zu drei Jahren Haft oder Geldstrafe bestraft. (dpa)
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