Der IG BAU-Vorsitzende tritt beim Gewerkschaftstag im September noch einmal an
Wiesehügel denkt noch nicht ans Aufhören

Klaus Wiesehügel. Archivbild: dpa
Hätte der Gewerkschafter Klaus Wiesehügel sein Leben lang im erlernten Beruf des Betonbauers gearbeitet, müsste er sich wahrscheinlich gerade Sorgen um Hartz IV machen. Bauarbeiter wie er erleben äußerst selten im Beruf den Übertritt in die Rente, sagt der Gewerkschafter, der am 1. Mai 60 Jahre alt wird. "Die Leute können nicht bis 67 arbeiten. Und da sie in den vielen Kleinbetrieben keinen Kündigungsschutz haben, können sie bei Gesundheitsproblemen im Alter einfach entlassen werden. Für viele bedeutet das am Ende Hartz IV vor der Rente." Und da Wiesehügel statt Betonbauer dann doch Vorsitzender der IG Bauen Agrar Umwelt (IG BAU) geworden ist, hat er noch ein paar Jahre, um für die Interessen seiner Leute zu kämpfen.

Dass er beim Gewerkschaftstag im September in Berlin noch einmal für vier Jahre den Spitzenposten anstrebt, steht für den 60-Jährigen außer Frage. "Ich bin topfit und spüre in der Organisation gute Unterstützung." 2009 hatte Wiesehügel eine Zustimmung von 90,1 Prozent erhalten, vier Prozentpunkte unter seinem besten Ergebnis vier Jahre zuvor. Wenn im November NGG-Chef Franz-Josef Möllenberg wie angekündigt nicht mehr antritt, ist der seit 1995 amtierende IG-BAU-Chef der dienstälteste Chef einer DGB-Gewerkschaft. Als größten Erfolg sieht er den bundesweit ersten Branchen-Mindestlohn aus dem Jahr 1997.
In anderen Belangen liest sich die Bilanz erstmal bitter: Die Mitgliederzahl der IG BAU ist von fast 700 000 im Jahr 1996 auf unter 300 000 geschrumpft. Dem Schwund ging ein Strukturwandel der Bauindustrie voraus, den viele der mittelgroßen und großen Unternehmen, in denen die Gewerkschaft stark war, nicht überlebt haben. An ihre Stellen sind extrem kleinteilige Strukturen getreten, auf den vielen Baustellen sind fast nur noch Sub- und Werkvertragsunternehmen unterwegs. Für die IG BAU seien vielleicht noch 200 000 der 700 000 Baubeschäftigten organisatorisch erreichbar, lauten Schätzungen in der Gewerkschaftszentrale.

Stetige Kampfbereitschaft

Nicht immer ist dem verheirateten Vater eines Sohnes nur Sympathie entgegengeschlagen. Bei der Übernahme von Hochtief durch den Konzern ACS standen IG BAU und ihr Chef frühzeitig auf der Seite der Spanier gegen den alten Hochtief-Vorstand und Teile des Betriebsrats. Heftige Auseinandersetzungen folgten. Jetzt muss Wiesehügel zittern, ob der geplante Verkauf der Servicesparte ohne Nachteile für die Belegschaft über die Bühne geht. Er sei kein Mann für den langsamen Tod, hat Wiesehügel seine stetige Kampfbereitschaft mal beschrieben. Entschlossen legt sich der begeisterte Wanderer mit seinen Gegnern an, kanalisiert auch mal seine Wut in den Blog auf seiner privaten Internet-Seite. Als Bundestagsabgeordneter der SPD von 1998 bis 2002 gehörte der Gewerkschafter zu den schärfsten internen Kritikern der ungeliebten Reform-Agenda 2010.

Gegen "Rente mit 67"

Die später von Franz Müntefering durchgesetzte "Rente mit 67" hat die IG BAU unter Wiesehügels Führung am heftigsten von allen DGB-Gewerkschaften bekämpft. Ausgetreten aus der Partei ist Wiesehügel nicht, auch wenn ihm Hans Eichel 2002 den letztlich einzigen sicheren Listenplatz auf der hessischen Landesliste weggeschnappt habe und der Gewerkschafter überraschend zunächst ohne Mandat dastand. "Weglaufen wäre falsch gewesen", grummelt Wiesehügel, der nach den jüngsten Rentenbeschlüssen seiner Partei wieder Morgenluft wittert.

Es versöhne ein bisschen, dass nach SPD-Beschlusslage Arbeitnehmer nun nach 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Rente gehen könnten, doch das reiche nicht aus. Er wird weitere Vorschläge machen. Unter anderem schwebt ihm ein Modell vor, mit dem die Übergangszeit zwischen 58 und 63 Jahren für die Betroffenen besser gestaltet werden könne. Dieses Konzept eines "Alters-Flexi" wolle er in den kommenden Wochen den Bundestagsfraktionen vorstellen, sagt Wiesehügel.
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