14.02.2018 - 21:42 Uhr
Deutschland & Welt

Deutsche hängen an Münzen und Scheinen Nur Bares ist Wahres?

Bargeld bräuchten Verbraucher in Deutschland rein technisch längst nicht mehr. Doch die Bundesbürger hängen an Scheinen und Münzen. Dabei gibt es in Deutschland schon seit 25 Jahren "Karten". Andernorts ist die bargeldlos Welt dagegen fast Realität.

Ein Verkäufer steckt in einem Kaufhaus in München eine Kreditkarte in ein Kartenlesegerät. Archivbild: Marc Müller/dpa
von Agentur DPAProfil

Frankfurt/Kopenhagen. Den Einkaufskorb im Supermarkt per Smartphone bezahlen, den Cappuccino im Café per App und Restaurants, in denen Bargeld längst verboten ist: Was viele Bundesbürger für Zukunftsmusik halten, ist gerade in Skandinavien, angelsächsischen Staaten oder den Schwellenländern schon Realität.

In Indien etwa werde das digitale Zahlen 2022 Scheine und Münzen ablösen, sagt die Beratungsgesellschaft BCG voraus. Und Deutsche-Bank-Chef John Cryan hat eine andere "Zahlungsfrist" für Bargeld vor Augen: Binnen zehn Jahren werde es verschwinden, da es "fürchterlich teuer und ineffizient" sei. Doch die Deutschen lieben Bargeld. Als der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Obergrenzen für Bares gegen Kriminalität ins Spiel brachte, schlugen die Wellen hoch. Einige fürchteten gleich die Abschaffung - allen Dementis zum Trotz.

Viele Zahlungen in bar

In kaum einer anderen Nation wird so gerne mit Münzen und Scheinen bezahlt wie in Deutschland. "Bargeld bleibt am beliebtesten, aber Kartenzahlungen legen zu", sagte Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele am Mittwoch in Frankfurt. 74 Prozent aller Geschäfte an der Ladenkasse werden einer Studie der Bundesbank zufolge mit Scheinen und Münzen bezahlt, vor allem kleine Beträge unter 5 Euro. Gemessen am Umsatz sanken die Barzahlungen allerdings erstmals unter 50 Prozent auf 48 Prozent. Beim Plastikgeld gewinnt seit Jahren vor allem die Girocard (EC-Karte) an Boden. 35 Prozent der erfassten Umsätze werden der Studie zufolge inzwischen auf diesem Weg bargeldlos bezahlt. Im Schnitt haben die Menschen in Deutschland demnach 107 Euro Bargeld im Portemonnaie, davon knapp über 6 Euro in Münzen. Die deutliche Mehrheit (88 Prozent) der im vergangenen Jahr befragten gut 2000 Bundesbürger möchte auch in Zukunft mit Scheinen und Münzen bezahlen können.

Wegen der Liebe zum Cash hinkt Deutschland auch beim bargeldlosen Zahlen hinterher. "Restaurantbesuche und Lebensmittel werden in Deutschland mehr als doppelt so oft bar bezahlt wie im europäischen Durchschnitt", sagt BCG-Experte Holger Sachse. Zudem hätten viele Verbraucher Bedenken bei neuen Verfahren. "Nur ein Viertel der Verbraucher glaubt, dass bargeldlose Zahlungen sicher sind", erklärt er.

In den USA, Großbritannien und Skandinavien sind Kreditkarten indes selbst für kleine Beträge üblich. Statt Geldbörse haben die Leute ein flaches Visitenkartenetui in der Tasche. Darin: nur Führerschein und Geldkarte. In Schweden wurde 2015 nur jeder fünfte Einkauf im Laden mit Bargeld bezahlt. Einige Restaurants akzeptieren gar kein Bargeld mehr - im Gegenteil etwa zu Berlin, wo es bei vielen Cafés und Bars "Cash only" heißt.

Auch das Sparschwein in den Kinderzimmern hat ausgedient, weil Taschengeld schon bei den Kleinsten aufs Konto überwiesen wird. Sogar auf dem Flohmarkt zahlen viele Schweden inzwischen bargeldlos - mit dem Smartphone. Einer aktuellen Deloitte-Studie zufolge zahlt fast jeder dritte Däne und etwa jeder vierte Schwede sogar im Laden mit dem Handy. Smartphone-Apps werden auch genutzt, um Freunden und Bekannten Geld zu überweisen oder Ebay-Einkäufe zu bezahlen. "Die Dänen sind auf dem Weg zu einer bargeldlosen Gesellschaft schon weit", sagt Deloittes Technologie-Experte Frederik Behnk. Dafür sorge unter anderem die Mobilepay-App der dänischen Bank. Das Land könne eins der ersten wirklich bargeldlosen Länder der Welt werden. Technisch gesehen bräuchte auch in Deutschland kaum jemand Bargeld. In einigen Supermärkten können Verbraucher kontaktlos kleinere Beträge zahlen, indem sie ihre Kreditkarte ohne Pin oder Unterschrift an Terminals halten. Dass sich das bargeldlose Zahlen in der Breite noch nicht durchsetzt, liegt nicht nur an den Verbrauchern. Viele Restaurants oder Geschäfte akzeptieren nur Bargeld, und im Handel mangelt es oft an Terminals zum bargeldlosen Zahlen. So kommen hierzulande auf einen Geldautomaten 13 Terminals für bargeldloses Zahlen, zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. In Schweden sind es 91.

Skeptische Deutsche

Dass die Deutschen gleichwohl neue Zahlverfahren skeptisch beäugen, zeigt die ernüchternde Bilanz von Paydirekt. Mit dem Zahldienst wollten deutsche Banken dem US-Konkurrenten Paypal entgegentreten. Nutzer können Rechnungen beim Einkauf im Netz direkt vom Konto begleichen, ohne Datenweitergabe an Dritte. Rund zwei Jahre nach dem Start zählt der Dienst 1,6 Millionen Kunden, während Paypal auf 19 Millionen kommt. Auch stehen Paydirekt-Kunden erst 20 Prozent der wichtigsten Online-Händler in Deutschland offen.

Schon bald könnte indes ein mächtiger Konkurrent den Markt betreten. Apple will in Deutschland unbestätigten Berichten einen eigenen Zahldienst einführen. Damit könnten Verbraucher ihr Smartphone wie einen digitalen Geldbeutel nutzen.

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