Deutsche Unternehmen bauen Standorte in den USA aus - Droht der Bundesrepublik die ...
Preiswerte Energie lockt zum Umzug über den Atlantik

In der Industrieanlage des BASF-Verbundstandorts in Freeport (US-Bundesstaat Texas) werden Grundchemikalien, Zwischenprodukte und Faserprodukte hergestellt. Bild: Pressefoto BASF/dpa
Die günstigen Energiepreise in den USA verführt deutsche Unternehmen, Kapazitäten über den Atlantik zu verschieben - und wegen des teuren Stroms daheim Investitionen zu kappen. Zwar hören sich die Warnungen der Wirtschaft nicht mehr so schrill an wie noch vor der jetzt greifenden Ökostrom-Reform. Doch obwohl das System der umstrittenen Industrierabatte weithin unangetastet bleibt, drohen manche Großverbraucher mit Folgen für die Bundesrepublik. Zugleich versichern sie: Ein Aufstocken in Amerika sei nicht gleichbedeutend mit einem umfangreichen Abbau in Deutschland.

Rabatte kaum eingedämmt

"Welche Auswirkungen Detailregelungen haben, lässt sich noch nicht genau sagen", heißt es bei BASF. Der Chemiekonzern hatte bereits angekündigt, wegen der hohen Energiekosten den Anteil heimischer Investitionen zusammenzustreichen. Parallel dazu baut und erweitert BASF - auch aufgrund der dank Fracking gesunkenen Gaspreise - neue Standorte in den USA. Die Rabatte für energieintensive Industrien, durch die die Kosten für die Verbraucher bei der Ökostrom-Förderung steigen, sind trotz harter Verhandlungen mit der EU-Kommission nicht so stark eingedämmt worden wie von Kritikern gefordert. In der Summe bleiben sie mit einem Umfang von rund fünf Milliarden Euro sogar konstant. "Beim neuen EEG passiert kein Erdrutsch", sagt Jörg Rothermel, Chef des Branchenverbands EID. Das Fördersystem bleibe aber komplex - und die Verdoppelung der EEG-Mindestumlage auf 0,1 Cent je Kilowattstunde belaste die Unternehmen durchaus. Nicht wenige Betriebe mit hohem Stromverbrauch wie Stahl-, Baustoff-, Chemie- oder Papierhersteller überlegten daher, in den Vereinigten Staaten draufzusatteln.

Nach einer Umfrage der Deutsch-Amerikanischen Handelskammern von Ende 2013 planen drei Viertel der deutschen Firmen in den USA, ihre Mitarbeiterzahl (zuletzt insgesamt 581 000) zu erhöhen. Ein wesentlicher Standortfaktor neben besserem Marktzugang, geringeren Wechselkursrisiken und günstigeren Arbeitskosten: die meist deutlich niedrigere Energierechnung - der US-Schiefergas-Boom macht's möglich.

Wettbewerbsfähige Kosten

Einen Investitionsstau zu Hause auf breiter Front fürchten zumindest kurzfristig nur wenige. Aber die Gefahr "schleichender Abwanderung" (BDI-Chef Ulrich Grillo) wegen teurer Energie wollen Beobachter nicht ausschließen. Rothermel versucht, die Wogen etwas zu glätten: "Es ist ja nicht der Anreiz gegeben zu sagen: Ich mache meine Bude sofort dicht und gehe anderswo hin. Aber das grundsätzliche Problem der steigenden Energiekosten in Deutschland ist durch dieses EEG noch nicht gelöst."

Der Kohlenstoff-Spezialist SGL erklärte zur Verdreifachung seiner Kapazitäten in Moses Lake (US-Bundesstaat Washington) mit dem Joint-Venture-Partner BMW ganz unverblümt: "Für die Entscheidung waren wettbewerbsfähige Energiekosten maßgebliche Faktoren." Besonders die Chemie-Branche bleibt vorsichtig. Die höhere Umlage-Beteiligung sei verschmerzbar, sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), Utz Tillmann. Aber: "Es gibt eine ganze Reihe von Unternehmen, die ähnliche Pläne haben wie die BASF." Strom koste in den USA eben nur halb so viel wie an der Strombörse in Deutschland.

2012 habe der Anstieg der Auslandsinvestitionen in der Chemie um 1,4 Milliarden Euro über dem Inlandswert gelegen. "Der größte Teil ging mit 41 Prozent in die USA", berichtet Tillmann. Dass dies angesichts gebremster Rabattkürzungen nur Jammern auf hohem Niveau sei, finden einige Ökonomen und Umweltverbände - wie auch die grüne Bundestagsopposition. Die Gewerkschaften üben beim Thema drohende Deindustrialisierung indes den Schulterschluss mit den Arbeitgebern. "Unsere Sorge gilt weniger der unmittelbaren Gefahr von Schließungen, sehr wohl aber der Beschäftigungsfähigkeit am Standort Deutschland in der Zukunft", sagt Ralf Bartels, Abteilungsleiter Energiewende bei der Gewerkschaft BCE.
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