13.02.2018 - 20:22 Uhr
Deutschland & Welt

Discounter bremst US-Expansion Lidl-Ware aus dem Glaspalast

Schnell noch zum Lidl. In Deutschland ist der Discounter Branchenprimus. Mit der Expansion in die USA geht der Lebensmittel-Riese seit vergangenem Sommer neue Wege. Die sind allerdings deutlich steiniger als erwartet.

Lidl eröffnete im vergangenen Juni seine ersten US-Filialen in Virginia (im Bild Virginia Beach), North und South Carolina. Nun zieht der deutsche Lebensmittel-Discounter eine erste Bilanz. Bild: Steve Helber/AP/dpa
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Neckarsulm/Lake Ridge. Der größte Discounter-Konzern mit weltweit über 10 000 Filialen in 28 Ländern startete 2017 mit Märkten in sechs US-Bundesstaaten, vornehmlich an der Ostküste. Das Expansionstempo soll aber jetzt gedrosselt werden. Mit nur 20 weiteren US-Filialen im Jahr 2018 zu den mittlerweile 47 weicht Lidl vom ursprünglichen Ziel mit 100 geplanten Neueröffnungen innerhalb des ersten Jahres ab. Der Grund: teuere, aufwendig gestaltete Märkte, falsche Standorte, enttäuschende Einnahmen, zu wenig Zulauf.

Seinen enttäuschten Erwartungen auch angesichts geschätzter zwei Milliarden Euro Investitionen macht Klaus Gehrig, Chef der Neckarsulmer Schwarz-Gruppe, zu der Lidl gehört, zuletzt im "Handelsblatt" Luft. Der Markteintritt entwickle sich zum "Debakel". Gehrig kündigt Kurskorrekturen an: Anstelle großer "Glaspaläste" an den Ausfallstraßen suche Lidl kleinere Ladenlokale mit Laufkundschaft in regionalen Zentren.

Das negative Fazit kann Sandra Davis (48) nicht verstehen. Eine der neuen Filialen eröffnete Mitte Januar in ihrem Wohnort Lake Ridge im Bundesstaat Virginia. "Bei uns hab ich nicht den Eindruck, dass der Start holprig verläuft", erzählt die ausgewanderte Fotografin, die bis vor vier Jahren mit ihrer Familie in Vilseck (Kreis Amberg-Sulzbach) lebte. Der Andrang sei gigantisch: "Es war ziemlich schwer einen Parkplatz zu finden, Polizisten versuchten notdürftig, den Verkehr zu regeln. Es kam einem vor, als wäre etwas passiert."

Kaum deutsche Waren

Nur der typische Ansturm aus dem Reiz des Neuen heraus? "Schwer, das jetzt schon zu sagen. Im Moment scheint es jedenfalls sehr gut anzukommen", sagt die Mutter zweier Kinder. "Aber ich denke, der Laden wird auch künftig gut angenommen. Meine Freunde, Familie und ich gehen gerne hin." Lidl werde als europäische Ladenkette beworben. "Das macht neugierig." Auch wenn die Märkte mit dem Lidl, wie er hierzulande aufgestellt ist, nur noch bedingt zu tun haben.

Bei uns habe ich nicht den Eindruck, dass der Start holprig verläuft.Sandra Davis (48) über ihre ersten Shoppingerlebnisse im neuen Lidl-Markt in Lake Ridge (Virginia)

"Ich glaube, was die meisten Deutschen, die hier leben, erwartet haben, ist, dass sie deutsche Produkte im Lidl finden. Das ist aber nicht so. Die Lebensmittel sind auf jeden Fall billig, aber nicht wirklich deutsch", erzählt Davis. Auch durch die Gestaltung der Märkte - weit weg vom eigentlichen Markenkern - kommt bei der deutschen Gemeinde kaum heimische Nostalgie auf. Die sei laut Davis ohnehin zweitrangig. Im komplexen, gesättigten Einzelhandelsmarkt der USA ist die Konkurrenz auch im Großraum Lake Ridge, 30 Kilometer von Washington D. C. entfernt, riesig. Dort leben rund 70 000 Menschen.

Punkten mit Produktpalette

"Es gibt hier mit Walmart, Giant, Safe Way, Food Lion und auch Aldi viele Einkaufsmöglichkeiten", bestätigt Davis. Doch der neue Wettbewerber kann bei ihr punkten: "Mein absoluter Favorit ist die frische Backabteilung - knuspriges Roggenmischbrot, Laugenbrötchen oder Ciabatta. Das allein ist für mich ein Grund regelmäßig dort einzukaufen." Hier scheint ein Teil Marktstrategie von Lidl USA zu greifen, Kunden mit "nachhaltigen" und frischen Produkten wie Brot, Fisch und einer großen Weinauswahl, die man dort bislang eher bei gehobeneren Lebensmittelhändlern findet, zu gewinnen.

Auch sonst sieht Lidl selbst die US-Expansion, anders als Gehrig, nicht als Flop. "Wir sind in unserer Arbeit grundsätzlich nicht auf die kurzfristige Entwicklung ausgerichtet, sondern streben ein nachhaltiges Wachstum an", teilte ein Sprecher mit. Auch wenn es an der einen oder anderen Stelle noch Anpassungsbedarf gebe. Letztendlich zählt vor allem das Angebot. Und das überzeugt nicht nur Sandra Davis.

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