22.01.2018 - 21:00 Uhr
Deutschland & Welt

Erster Supermarkt ohne Kassen Amazon fordert den Lebensmittelhandel heraus

Bücher, Elektronik oder Spielwaren zu verkaufen, reicht dem Internetgiganten Amazon nicht mehr. Schritt für Schritt versucht der US-Konzern auch im Milliardengeschäft mit Lebensmitteln eine Führungsrolle zu übernehmen.

Ein Mitarbeiter von Amazon Fresh packt im Depot der Firma in Berlin bestellte Waren in eine Transporttasche. Archivbild: Monika Skolimowska/dpa
von Agentur DPAProfil

Düsseldorf. Im amerikanischen Seattle öffnet Amazon am Montag seinen ersten "Supermarkt ohne Kassen" für das breite Publikum. Wer dort einkauft, braucht nicht mehr an der Kasse anzustehen, um die ausgewählten Produkte zu bezahlen. Er meldet sich beim Betreten des Ladens mit einer App an, packt ein, was er braucht und geht wieder. Möglich wird das durch Kameras und Sensoren, die jeden Schritt und jede Bewegung des Kunden beobachten. Nach dem Verlassen des Ladens wird automatisch in Rechnung gestellt, was mitgenommen wurde.

Das Experiment dürfte von der Konkurrenz mit Argusaugen beobachtet werden. Denn in den USA beschränkt sich der Internetgigant längst nicht mehr darauf, Lebensmittel online zu verkaufen. Nach der milliardenschweren Übernahme der Bio-Supermarktkette Whole Foods im vergangenen Sommer hat er auch ein kräftiges Standbein im stationären Handel.

In Deutschland ist der US-Konzern noch nicht ganz so weit. Zwar hielt der Lebensmittelhandel den Atem an, als Amazon im Mai 2017 den Lebensmittellieferdienst Amazon Fresh auch in der Bundesrepublik startete. Die Sorgen waren groß. Denn niemand wusste, wie dramatisch der durch den US-Konzern ausgelöste Wandel sein würde. Doch nicht einmal ein Jahr später sind die größten Ängste erst einmal verflogen. "Im Lebensmittelhandel ist eine Ernüchterung zu beobachten, was das Online-Geschäft angeht. Viele haben einen Gang zurückgeschaltet, was den Ausbau ihrer Internet-Aktivitäten angeht", sagt der E-Commerce-Experte Kai Hudetz vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH). Die Erwartung, dass durch den Start von Amazon Fresh der Online-Handel mit Lebensmitteln unheimlich an Fahrt gewinne, habe sich noch nicht erfüllt.

Zwar stieg der Online-Umsatz mit Lebensmitteln nach den vom E-Commerce-Verband BEVH veröffentlichten Zahlen 2017 um 21 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Doch gemessen am Gesamtumsatz mit Nahrungsmitteln entspricht dies nur einem Anteil von rund einem Prozent. Die durch ein dichtes Ladennetz verwöhnten Deutschen erweisen sich als schwierige Kunden für die Onliner.

Das hat Konsquenzen: Beim Internet-Vorreiter Rewe stagniert die Zahl der vom Lieferservice abgedeckten Regionen seit geraumer Zeit bei 75. Statt das Netz weiter zu verdichten, testet Rewe lieber in gut 50 Läden Servicestationen, bei denen der Kunde per Internet bestellte Waren abholt. Edeka beschränkt sich mit dem Lieferdienst Bringmeister auf Berlin und München.

Die zur Schwarz-Gruppe gehörenden Handelsketten Lidl und Kaufland haben das Online-Geschäft mit Lebensmitteln wieder weitgehend aufgegeben. Ein Lieferservice im Lebensmittelbereich lasse sich "auf Sicht nicht kostendeckend betreiben", hieß es zur Begründung bei Kaufland. Aldi lässt bisher in Deutschland die Finger von dem Thema. Der Discounter investiert Milliarden in die Verschönerung seines Ladennetzes.

Amazon legt beim Ausbau seiner Lebensmittel-Aktivitäten in Deutschland bisher auch ein geruhsames Tempo vor. Bislang ist Amazon Fresh nur in Berlin, Hamburg und München am Start. Doch wuchs die Zahl der angebotenen Artikel von mehr als 85 000 beim Start in Berlin auf mehr als 300 000 in München.

"Die Händler stehen vor einem Dilemma: Wer zu früh in den Online-Handel einsteigt, verliert Geld. Wer zu spät kommt, verliert Marktanteile. Die Kunst ist es, bereit zu sein, um auf den Zug aufzuspringen, wenn er losfährt. Aber nicht vorher", meint Hudetz. Für den E-Commerce-Experten Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein sind die bislang überschaubaren Auswirkungen von Amazon Fresh auf den deutschen Lebensmittelhandel allerdings kein Grund zur Entwarnung. Amazon sei bereit, auf Jahre hinaus auf Profite zu verzichten, um einen Markt zu erschließen und beweise dies einmal mehr auf dem deutschen Lebensmittelmarkt, meint der Branchenkenner. Am Ende werde Amazon damit erfolgreich sein.

Online-Handel mit Waren wächst zweistellig

Das Internet als Vertriebsweg für Waren aller Art wächst kräftig. Die Verbraucher in Deutschland kauften im vergangenen Jahr Waren für 58,5 Milliarden Euro im Internet, teilte der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) am Montag in Hamburg mit.

Das entsprach einer Steigerung von knapp elf Prozent. Damit entfiel jeder achte Euro des gesamten Einzelhandels-Umsatzes auf den Handel im Internet. Im laufenden Jahr sei abermals mit einem Wachstum von 9,3 Prozent zu rechnen, hieß es.

Dazu kamen 2017 noch einmal rund 3,7 Milliarden Euro im klassischen Versandhandel ohne Internet sowie knapp 16 Milliarden Euro für Dienstleistungen wie Bahn- und Flugtickets, Konzertkarten oder Reisen, so dass insgesamt mehr als 78 Milliarden Euro im sogenannten interaktiven Handel umgesetzt wurden. "Die höchsten Umsätze machen Online-Marktplätze wie Amazon und Ebay, aber das stärkste Wachstum sehen wir bei Versendern, die ihre Heimat im stationären Handel haben", sagte Verbandspräsident Gero Furchheim. Sie konnten um 26,2 Prozent zulegen. Das zeige, dass sich der Fachhandel auch ohne den Ruf nach staatlicher Regulierung im Internet behaupten könne.

Die größten Umsätze im Internet erreichen Bekleidung, Elektronik, Computer und Schuhe, die zusammen mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes ausmachen. Zunehmend auf dem Vormarsch sind Haushaltswaren, Möbel und Inneneinrichtung, sowie auch Waren des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel, Drogerieartikel und Tierbedarf. Der Umsatz mit Lebensmitteln im Internet habe erstmals die Milliardengrenze überschritten. (dpa)

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