Fehler in Studie rütteln an EU-Strategie zur Krisenbewältigung
Zweifel an Sparpolitik

(dpa/paa) Datenfehler und Zweifel an der Methodik erschüttern das Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse, auf die sich das Krisenmanagement in der europäischen Staatsschuldenkrise stützt. Die Diskussion, ob die Sparpolitik Krisenstaaten hilft oder sie weiter abstürzen lässt, erhält neuen Schub. Denn eine einflussreiche Studie, mit der Forderungen nach radikalen Sparmaßnahmen begründet wurden, steht massiv in der Kritik.

Das ist brisant - nicht nur für die europäischen Politiker, sondern auch für die Wirtschaftswissenschaften. Es geht um eine entscheidende Frage: Wann sind die Staatsschulden so hoch, dass sie ein Land wirtschaftlich abwürgen? Darüber diskutiert auch die Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G 20). Vergangenes Jahr haben sie beschlossen, Ziele zum Schuldenabbau festzulegen. Allerdings konnten sie sich noch nicht über die Ausgestaltung einigen. Eine Entscheidung wurde beim Treffen im Februar in St. Petersburg auf September verschoben.

90-Prozent-Grenze

Die These, dass Staatsschulden in Höhe von mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Wachstum verhindern und die Wirtschaft erdrücken, wird nun angezweifelt. Zu diesem Ergebnis waren die Star-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart von der amerikanischen Eliteuniversität Harvard gekommen. Deshalb sollte die Verschuldungsquote unter dieser Schwelle gehalten werden, so das Fazit der im Jahr 2010 vorgelegten Analyse. Aufgegriffen wurden die Argumente unter anderem von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) oder EU-Währungskommissar Olli Rehn. Sie rechtfertigten so die Sparauflagen für hilfsbedürftige EU-Länder. Nun sehen alle Beteiligten schlecht aus.
Denn Rogoff, ehemaliger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), und Reinhart sollen gepfuscht haben, behaupten die Ökonomen Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin von der Universität von Massachusetts Amherst. Sie haben die Studie nachgerechnet und sind zum Schluss gekommen, dass eine Schuldenquote von mehr als 90 Prozent die Wirtschaft nicht - wie von Rogoff und Reinhart ermittelt - schrumpfen ließ, sondern im Schnitt sogar ein BIP-Wachstum von 2,2 Prozent ermöglichte. Gegner der Sparpolitik, wie Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, triumphierten. Die Harvard-Professoren haben Pannen bei der Dateneingabe in das Computerprogramm Excel eingeräumt. Doch Rechenfehler machen nur einen kleinen Teil der Abweichungen aus. Daten und Zeitfenster, die nicht zur These passten, sollen nicht berücksichtigt worden sein. Rogoff und Reinhart wehren sich, wollen sich aber damit auseinandersetzen.

Am Ende wird abgerechnet

Was bedeutet die Kritik für den Euro-Raum? Nicht viel, meint Ökonom Tyler Cowen, Professor an der George Mason University: Die Forderung nach strikter Sparpolitik beruhe nicht in erster Linie auf der Studie von Rogoff und Reinhart, sondern auf dem Gedanken, dass Rechnungen bezahlt werden müssten. Cowen nimmt die Beiden in Schutz: Sie hätten stets betont, dass der ermittelte Zusammenhang zwischen Staatsschuldenquote und Wachstumspotenzial nicht die Regel sein müsse.
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