04.09.2017 - 13:34 Uhr
Deutschland & Welt

Gut für Verbraucher und Versicherungen? Chancen und Risiken von Fitnessdaten

Seit gut einem Jahr ist der Versicherer Generali mit Tarifen für gesunde Lebensweise auf dem Markt. Zum Start war die Aufregung groß. Welche Folgen hat das Modell für Verbraucher und die Branche bisher?

Gesünder leben, Daten mittels Smartwatch an die Versicherung oder Krankenkasse übermitteln und geringere Versicherungsprämien zahlen: Das könnte ein Modell für die Zukunft sein. Bild: Kay Nietfeld/dpa
von Agentur DPAProfil

Frankfurt. Sie messen Schritte, errechnen verbrauchte Kalorien und erheben jede Menge individuelle Daten: Fitnessarmbänder (Wearables) oder Fitnessapps liegen im Trend. Die Nutzung der Datenflut könnte den Versicherungsmarkt umkrempeln und Folgen für Verbraucher haben. Noch gibt es allerdings eine Menge Fragezeichen.

Einen ersten Schritt, gesunde Lebensweise mit einem Belohnungssystem bei der Berufsunfähigkeits- sowie der Risikolebensversicherung zu verbinden, wagte vor gut einem Jahr der Versicherungskonzern Generali in Deutschland. Zunächst wird der Gesundheitszustand des Versicherten ermittelt. Anschließend sammelt er mit Joggen oder dem Kauf von gesunden Lebensmitteln Punkte fürs Rabatt-Konto. Die Daten werden per Fitness-Armband oder Kassencomputer an eine Generali-Tochter übermittelt.

Das Unternehmen wirbt damit, dass die Prämie für die Berufsunfähigkeitsversicherung oder Risikolebensversicherung dadurch im Idealfall um 16 Prozent sinken kann. "Das Interesse der Kunden ist durchaus groß", sagt ein Generali-Sprecher. Genaue Zahlen will das Unternehmen am Jahresende nennen.

Nachahmer im großen Stil hat das Modell Branchenexperten und Verbraucherschützern zufolge in Deutschland bisher allerdings nicht gefunden. "Man braucht eine langfristige und stabile Datenbasis, die den Zusammenhang zwischen Verhalten und den Auswirkungen auf bestimmte Risiken sicher abbildet", erläutert Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). "Jemand, der täglich 10 000 Schritte geht, muss nachweisbar ein geringeres Sterberisiko haben, als jemand, der das nicht macht. Von solchen Daten sind wir aber noch weit entfernt."

Der Bund der Versicherten kritisiert Fitness-Tarife als "ein reines Lockmittel, um sich die jungen, gesunden, fitten und gesundheitsbewussten Menschen als Versicherte zu sichern". Doch was passiere, wenn sich bei vielen, die einen Bonus bekommen haben, das Verhalten ändere: "Statt Sport also Couch und rauchen, statt Gemüse sind auf einmal Chips angesagt". Sind dann "extreme Beitragssteigerungen zu fürchten"?

Die elf Landes-AOKen, die von den jeweiligen Sozialministerien beaufsichtigt werden, bieten seit geraumer Zeit Bonusprogramme an, die gesundheitsbewusstes Verhalten belohnen. "Den bundesweit tätigen gesetzlichen Krankenversicherungen hat das Bundesversicherungsamt dagegen Wahltarife verboten", erläutert Gatschke. "In der privaten KV wiederum muss die Prämie laut Kalkulationsverordnung anhand der durchschnittlichen Pro-Kopf-Schäden berechnet werden."

Gatschke rechnet allerdings damit, dass die Verwendung großer Datenmengen langfristig bei Versicherungen auf breiter Front Einzug halten wird - mit entsprechenden Folgen für die Prämiengestaltung. In der Kfz-Versicherung sind Tarife, bei denen sich die Fahrweise auf die Prämie auswirkt, bereits verbreiteter. Die Frage der Daten-Nutzung sollte möglichst jetzt in einer Ethik-Kommission diskutiert werden, empfiehlt der Verbraucherschützer. "Die Frage ist doch: Will ich mir von einem Versicherer vorschreiben lassen, wie ich zu leben habe?"

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