23.08.2017 - 18:30 Uhr
Deutschland & Welt

Insolvenz von Air Berlin Zerschlagung vorerst vom Tisch

Erstmals haben die Gläubiger der Air Berlin über das weitere Insolvenzverfahren beraten. Vor einer schnellen Zerschlagung des Unternehmens sind sie einstweilen zurückgeschreckt.

Was wird aus den Maschinen von Air Berlin, was aus der Belegschaft? Am Mittwoch haben die Gläubiger beschlossen, dass das Unternehmen vorerst nicht zerschlagen wird. Bild: Ralf Hirschberger/dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin/Frankfurt. Die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin wird vorerst nicht zerschlagen. In ihrer ersten Sitzung nach Anmeldung der Insolvenz haben die Gläubiger am Mittwoch zunächst beschlossen, den Betrieb als Ganzes weiterzuführen. Aus einer schnellen Zerschlagung in einzelne Unternehmensteile, wie es sich die Lufthansa Medienberichten zufolge vorgestellt hatte, wird daher vorläufig nichts.

Der vom Amtsgericht Charlottenburg eingesetzte Sachwalter Lucas Flöther wurde einstimmig in seinem Amt bestätigt, wie Air Berlin am Unternehmenssitz weiter mitteilte. Der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus kündigte an, die weiteren Verhandlungen mit Hochdruck zu führen. "Unser Ziel ist und bleibt, zügig zu tragfähigen Abschlüssen zu kommen und so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten", sagte er. Der Prozess steht unter großem Zeitdruck, da Buchungen sowohl von Privatleuten als auch von Reiseveranstaltern bei andauernder Unsicherheit ausbleiben.

Lufthansa will nur Teile

Lufthansa bietet nach wie vor für die Touristiktochter Niki und weitere Teile der Air Berlin, nicht aber für das komplette Unternehmen, hieß es in Kreisen des Frankfurter Dax-Konzerns. Die österreichische Niki gehört mit ihren geringen Kosten und einer modernen Airbus-Flotte zu den begehrten Teilen des Air-Berlin-Konzerns. Mehrere Medien hatten spekuliert, dass bereits in der ersten Sitzung des Gläubigerausschusses eine Abspaltung beschlossen werden könnte. Im vergangenen Jahr hatte sich Lufthansa bereits 38 der 144 Air-Berlin-Jets gesichert. Die angemieteten Maschinen sind schon für die Lufthansa-Töchter Austrian und Eurowings unterwegs, gehören aber noch zu Air Berlin. Der Gläubigerausschuss hatte sich am Mittwochmorgen in Berlin getroffen, noch bevor das offizielle Insolvenzverfahren vom Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eröffnet wurde. Das Gremium stimmte der Fortsetzung des Flugbetriebs zu und erstellte einen Zeitplan für die nächsten Schritte.

Ein "Monster" entsteht

Nach der Insolvenzankündigung von Air Berlin am Dienstag vergangener Woche hatte Lufthansa über "fortgeschrittene Verhandlungen" berichtet. Neben der Niki sind die 17 Langstreckenflugzeuge der Air Berlin sowie einige weitere Mittelstreckenflieger interessant für den deutschen Marktführer. Als weitere Interessenten gelten die britische Easyjet und die Thomas-Cook-Tochter Condor. Involviert ist zudem der deutsche Touristikflieger Tuifly, der mit eigenem Personal 14 Flugzeuge für Niki betreibt. Bei einer vollständigen Übernahme der Air Berlin würde Lufthansa insbesondere auf den innerdeutschen Strecken dominieren.

Der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl will die Fluggesellschaft nach eigenem Bekunden als Ganzes kaufen (siehe Infokasten), stößt damit aber auf Ablehnung in der Bundesregierung, die Air Berlin in ihrer bisherigen Form nicht für überlebensfähig hält. Der irische Billigflieger Ryanair hatte die Lufthansa-Pläne und die Umstände der Air-Berlin-Pleite samt staatlicher Bürgschaft scharf kritisiert. Die deutsche Politik schaffe mit ihrer Unterstützung nicht wie erklärt einen nationalen Champion, sondern ein "Monster", das kleinere Anbieter an deutschen Flughäfen in Schach halte, sagte Ryanair-Chef Michael O'Leary der "FAZ".

Hans Rudolf Wöhrl: "Deutschland auf dem besten Weg zur sozialistischen Planwirtschaft"

Der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl ist aus seiner Modehaus-Kette längst ausgestiegen. Jetzt hat der 69-Jährige, der seit Jahrzehnten in der Flugreisebranche investiert, mit seiner Intro-Verwaltungsgesellschaft Interesse an Air Berlin. Folgende Statements hat er als Pressemitteilung verschickt:

Welche Teile der Air Berlin wollen Sie übernehmen?

Hans Rudolf Wöhrl: Die Intro-Verwaltung ist nur an einer Gesamtübernahme und Fortführung der Air Berlin interessiert.

Wie sieht Ihr Angebot aus?

Bisher bestand unser Angebot in einer entsprechenden Absichtserklärung an die Insolvenzverwalter.

Wie hoch schätzen Sie den Kapitalbedarf?

Diese Frage lässt sich ohne genaue Kenntnis über die aktuelle Lage der Firma nicht beantworten.

Thomas Winkelmann, Chef von Air Berlin, hat Sie als "Trittbrettfahrer" bezeichnet ...

Bisher habe ich Herrn Winkelmann als seriösen Manager kennengelernt. Daher halte ich diese Äußerung für einen emotionalen Gefühlsausbruch.

Dieser ist durchaus verständlich, denn Herr Winkelmann kam von Lufthansa zu Air Berlin und vertritt offensichtlich nach wie vor die Interessen seines früheren Arbeitgebers. Das verstößt gegen Treu und Glauben gegenüber den Anteilseignern der Air Berlin, von denen auch Intro mit rund 500 000 Aktien einer ist. Dass wir diesen guten Ruf nicht um eines PR-Gags willen riskieren würden, weiß auch er.

Was halten Sie von der Haltung der Bundesregierung?

Um ehrlich zu sein, bin ich entsetzt. Was in den letzten Tagen passierte, ist einer marktwirtschaftlich ausgerichteten und demokratischen Nation unwürdig. Ich kann gar nicht aufzählen, gegen wie viele Regeln verstoßen wurde und vermutlich noch wird. Es drängt sich der Eindruck auf, dass wir in Deutschland auf dem besten Weg zu einer sozialistischen Planwirtschaft sind, bei der nur noch Großbetriebe erwünscht sind. (exb)

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