12.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Online-Händler fordert für Sendungen Umweg über Polen und Tschechien - Druck auf Disney Amazon lässt die Muskeln spielen

Die Gewerkschaft Verdi hat gelassen auf Meldungen zu einer möglichen Verlagerung von Amazon-Warenströmen von Deutschland nach Polen reagiert. "Durch das Lieferversprechen sind Amazon Grenzen gesetzt", sagte Eva Völpel vom Bundesverband der Gewerkschaft am Montag in Berlin. Wenn Lieferungen etwa für den nächsten Tag zugesagt seien, könnten sie nicht weit entfernt versendet werden.

Bestellungen aus Deutschland will Amazon einem Zeitungsbericht zufolge nicht mehr über die Bundesrepublik (im Bild das Logistikzentrum in Leipzig) abwickeln. Archivbild: dpa
von Agentur DPAProfil

"Die Welt" hatte berichtet, dass der Online-Händler von deutschen Verlagen verlange, rund 40 Prozent der Lieferungen über neue Logistikstandorte in Polen und Tschechien an inländische Kunden zu schicken. In einem Schreiben würden die Verlage informiert, dass im September zwei neue Vertriebszentren in Polen eröffnen. Die "Welt" zitiert einen Amazon-Sprecher, der betonte, dass es keine Pläne gebe, eines der bestehenden 25 Zentren in Europa zu schließen.

Wichtigster Markt

Vermutungen, Amazon wolle mit Verlagerungen den Streiks von Verdi die Spitze nehmen, wollte sich die Gewerkschaft nicht anschließen. Die Gewerkschaft sehe insgesamt auch keine Tendenz, dass vermehrt Amazon-Bestellungen von Polen aus abgewickelt werden könnten, sagte Völpel. Deutschland sei der wichtigste Markt für Amazon in Europa. Der Online-Handelsexperte Gerrit Heinemann, Professor an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, sagte, Amazon versuche mit seiner Marktmacht im Rücken zunehmend die Geschäftsabläufe und -bedingungen zu diktieren. "Warum mobilisiert niemand gegen diese herannahende Feuerwalze namens Amazon?"

"Klimakiller"

Die deutschen Buchbranche kritisierte die mögliche Verlagerung des Versands. "Logistikzentren in Polen bedeuten nicht nur Mehrkosten für die Verlage, sondern wirken sich auch als Klimakiller aus", sagte der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis. Er kritisierte zudem Amazon erneut wegen der aggressiven Methoden im Preiskampf mit Medienunternehmen. "Ein Unternehmen wie Amazon darf keine Regeln diktieren, die wertschaffende Strukturen auf dem Buch- und Literaturmarkt zerstören."

Neuerdings setzt Amazon auch den Unterhaltungsriesen Disney unter Druck. Am Wochenende waren Video-Neuerscheinungen wie der zweite "Captain America"-Film und der jüngste "Muppets"-Streifen in den USA nicht auf DVD oder Blu-ray vorbestellbar. Ähnliches hatte Amazon bei Videofilmen von Time Warner und Büchern des Verlags Hachette eingesetzt. Amazon will so Druck in Verhandlungen über neue Vertriebsabkommen aufbauen.

"Sanktionen beenden"

Während die Gespräche mit Time Warner binnen weniger Wochen abgeschlossen wurden, spitzt sich der Streit mit dem US-Verlag Hachette immer weiter zu. Am Montag forderte Verlagschef Michael Pietsch Amazon auf, "die Sanktionen gegen unsere Autoren zu beenden". Zuvor hatten 909 Schriftsteller mit einem offenen Brief gegen die Methoden des Versandhändlers protestiert. Berühmte Autoren wie Stephen King oder John Grisham verurteilten das Vorgehen von Amazon im Streit um E-Book-Preise scharf und riefen die Leser auf, Amazon-Chef Jeff Bezos per E-Mail die Meinung zu sagen. Amazon bekräftigte als Reaktion die Forderung nach niedrigeren E-Book-Preisen und verteidigte zugleich seine Verhandlungsmethoden. Das Unternehmen verwies erneut auf frühere Berechnungen, wonach mit niedrigeren E-Book-Preisen wie 9,99 Dollar viel mehr Bücher verkauft würden als etwa bei 14,99 Dollar, so dass Schriftsteller und Verlage am Ende sogar mehr verdienen würden. Einen ähnlichen Streit um die Preise für E-Books gibt es auch in Deutschland. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beschwerte sich beim Bundeskartellamt über den Online-Händler. Amazon wies den Vorwurf zurück, im Zuge von Verhandlungen die Auslieferung gedruckter Bücher aus der Verlagsgruppe Bonnier zu verzögern.

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