06.04.2018 - 13:56 Uhr
Deutschland & Welt

Platzmangel in den Städten lässt Supermarkt-Ketten kreativ werden Wohnen beim Discounter

Angesichts der Wohnungsnot und knapper Flächen in vielen Städten rücken Handelsketten von der klassischen Filiale mit großem Parkplatz ab. Sie setzen auf Kombinationen mit Wohnungen - nicht ganz uneigennützig.

Die Computer-Darstellung zeigt die vom Discounter Lidl geplante "Metropolfiliale" in Frankfurt-Niederrad. Bild: Lidl/dpa
von Agentur DPAProfil

Frankfurt. Bodentiefe Fenster, breite Gänge, begrüntes Dach mit Photovoltaikanlage, Ladestationen für Elektro-Autos - und das auf engstem Raum. Im Frankfurt-Niederrad will Lidl sein Image polieren und zugleich dem Platzmangel in der Stadt begegnen. Die Enge lässt den Discounter kreativ werden: Parkplätze werden unter der Filiale angelegt, eine Rolltreppe führt zu den Verkaufsflächen.

Die erste "Metropolfiliale" sei eine Blaupause, "wie wir uns Einzelhandel in dicht besiedelten innerstädtischen Gebieten vorstellen", erklärte Alexander Thurn, Geschäftsleiter Immobilien bei Lidl Deutschland, zum Spatenstich. Bräuchten übliche Filialen mit vorgelagerten Parkplätzen eine Fläche von mindestens 6000 Quadratmetern, komme dieser spezielle Bautyp mit der Hälfte aus. Und Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann kündigte eine enge Kooperation mit der Handelskette an - "auch beim Wohnungsbau."

Mit den Plänen ist Lidl nicht allein. Eingeschossige Flachbauten mit üppigen Parkplätzen für den Großeinkauf am Wochenende: Dieses Bild in deutschen Städten dürfte seltener werden. Lebensmittelhändler errichten zunehmend Filialen mit angeschlossenen Wohnungen, Arztpraxen und Büros.

Gab es bisher schon angemietete Geschäfte im Erdgeschoss von Wohnungen und auch einzelne gemischte Projekte, gewinnt die "Nachverdichtung" nun an Fahrt. Norma etwa hat im Obergeschoss einer Filiale in Nürnberg eine Kindertagesstätte errichtet. Ferner hat die Handelskette auf dem Grundstück auch den Neubau von Reihenhäusern und Wohnungen geplant. Das Projekt sei Vorbild für weitere Filialen gerade in Bayern, heißt es.

Aldi Süd hat ähnliche Pläne: In Ballungsräumen wie München würden Filialen in Kombination mit Wohnungen realisiert, teilte das Unternehmen mit. Und Lidl will im Frankfurter Gallus-Viertel eine Filiale abreißen, die samt Parkplatz ein 7700 Quadratmeter großes Grundstück belegt. Zu viel Raum für einen eingeschossigen Bau, findet Lidl, zumal die Gegend durch mehr Wohnungsbau "zunehmend attraktiv" werde. Lidl plant mit der kommunalen Gesellschaft ABG 110 Wohnungen auf dem Gelände, 40 direkt über der neuen Filiale und weitere 70 in einem separaten Gebäude.

"Mit solchen Plänen kommen Händler den Anforderungen von Städten entgegen, die dringend Wohnraum brauchen", sagt Marco Atzberger, Mitglied der Geschäftsleitung beim Handelsinstitut EHI. Mehrgeschossige Handelsimmobilien seien betriebswirtschaftlich effizienter und nebenbei näher am Kunden. "Wer über einem Lebensmittelmarkt wohnt, kauft dort wahrscheinlich auch ein."

Teils agieren Handelsketten aber auch unter politischem Druck. Aldi Nord etwa will in Berlin 2000 Wohnungen errichten. Die ersten in Neukölln und Lichtenberg würden in Kürze gebaut. Mit dem Projekt geht Aldi auch auf den Berliner Senat zu, dem die Discounterflächen wegen der Wohnungsnot ein Dorn im Auge sind. "Handelsketten dürften mit gemischt genutzten Immobilien leichter Baugenehmigungen in Städten erhalten", sagt Atzberger. Zudem setzt der Immobilienboom die Handelsketten selbst unter Druck. In Metropolen seien Planungen für rein eingeschossige Supermärkte plus Parkplätze wegen der hohen Grundstückpreise "wirtschaftlich nicht realisierbar", erklärte Rewe.

Die neuen Filialen haben jedoch auch Nachteile, etwa eine aufwendigere Statik. Aus Anwohnersicht ist ebenfalls nicht alles rosig: Supermärkte liegen oft an Verkehrsachsen und sind so Lärm beim Kommen und Gehen der Kunden ausgesetzt. Zumal manche Geschäfte bis in den späten Abend hinein geöffnet haben.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp