03.07.2017 - 14:18 Uhr
Deutschland & Welt

Tschechische Wirtschaft Vollbeschäftigung im Nachbarland

Vom Sorgenkind der postsozialistischen Transformation zum Musterknaben: Im Boomland Tschechien herrscht fast Vollbeschäftigung. Immer mehr Firmen suchen händeringend nach Fachkräften - eine Chance für manchen Deutschen.

Mit einem Blick ins Mikroskop überprüft Jiri Zita die Qualität des Kupfermasters, der Vorlage für die Schallplatten-Pressungen. Bild: Michael Heitmann/dpa
von Agentur DPAProfil

Prag. Die Maschinen laufen Tag und Nacht: Bei GZ Media in der Nähe von Prag werden Schallplatten für einen wachsenden Markt von Vinyl-Enthusiasten gepresst. Wie hier boomt das Geschäft in vielen tschechischen Betrieben. Doch es gibt auch eine Schattenseite: "Das Hauptproblem für uns und andere Firmen in der Region ist der Mangel sowohl an qualifizierten wie an unqualifizierten Arbeitskräften", sagt Vertriebs- und Marketingmanager Michal Nemec.

Die Arbeitslosenquote im Prager Speckgürtel, in der sich das Platten-Presswerk befindet, liegt bei 3,4 Prozent. In der Hauptstadt herrscht Vollbeschäftigung. Tschechien ist das Land, das unter allen EU-Staaten bei der Arbeitslosigkeit am besten abschneidet. Im Mai waren es nach den Berechnungsmethoden von Eurostat nur 3,0 Prozent - beim Schlusslicht Griechenland mit Stand März hingegen 22,5 Prozent.

Neue Sozialleistungen

GZ Media geht viele Wege: "Wir stellen Ausländer ein, bieten neue Sozialleistungen, probieren neue Anzeigenkanäle aus, arbeiten mit Schulen zusammen und beschleunigen das Auswahlverfahren", berichtet Nemec. Vor drei Jahren öffnete die Firma ein Zweigwerk für Verpackungswaren - im Süden, weit weg vom Stammbetrieb: Dort freute man sich im Rathaus und beim Arbeitsamt über den neuen Arbeitgeber.

Während jahrelang über die Slowakei als neuem Wirtschaftstiger Mitteleuropas gesprochen wurde, blieb der Boom in Tschechien eher unbemerkt. Bernard Bauer, Geschäftsführer der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer, bringt es auf den Punkt: "Deutschland geht es gut, heißt: Tschechien geht es gut", sagt er. "Kurze Wege, ähnliche Industrie- und Warenstrukturen - Wachstumstreiber sind vor allem Automotive und Maschinenbau -, all das macht deutsche Investitionen in Tschechien so interessant."

Im vorigen Jahr lief die Rekordzahl von 1,3 Millionen Autos vom Band. Doch Tschechien will - und kann - mehr sein als nur die verlängerte Werkbank. "Immer mehr internationale Konzerne bauen in Tschechien Entwicklungsabteilungen auf, vor allem auch im digitalen Bereich", sagt Bauer. In Prag gibt es eine lebendige IT-Gründerszene, die etwa Handy-Apps für den Weltmarkt produziert. Dennoch mahnt Ministerpräsident Bohuslav Sobotka, dass der Wandel nicht schnell genug vorangeht. Bei der Förderung ausländischer Investitionen müsse mehr auf Innovationen geachtet werden, fordert der Sozialdemokrat. Sein Lieblings-Schlagwort lautet Industrie 4.0 - die Digitalisierung der Produktion.

Neue Aufträge abgelehnt

Während täglich knapp 16 000 Tschechen zu ihrem Arbeitsplatz nach Bayern pendeln, nehmen inzwischen 1800 Deutsche den umgekehrten Weg und helfen damit, den dortigen Fachkräftemangel abzufedern (siehe Kasten). Wie dramatisch ist der Fachkräftemangel wirklich? "Die meisten Mitgliedsunternehmen haben immer größere Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden", warnt Handelskammer-Chef Bauer. Es sei schon so weit gekommen, dass neue Aufträge abgelehnt werden müssten. "Und das ist eine heftige Wachstumsbremse." Umfragen zeigen, dass weite Teile der Bevölkerung Zuwanderung als Lösung ablehnen: Nur 12 Prozent sehen einen positiven Nutzen, im EU-Schnitt sind es 44 Prozent.

Knapp 16 000 Tschechen pendeln täglich zum Arbeiten nach Bayern

In Bayern arbeiten immer mehr Bürger aus Tschechien. Nach Angaben der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit waren im Vorjahr 25 387 tschechische Arbeitnehmer im Freistaat gemeldet. 2010 waren es gerade einmal rund 7900 - allerdings wurde auch erst danach die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU auch auf die osteuropäischen Mitgliedsstaaten ausgedehnt.

Knapp 16 000 Tschechen pendeln täglich zu ihrem Arbeitsplatz nach Bayern. Und rund 1800 deutsche Arbeitnehmer waren im vergangenen Jahr in Tschechien tätig. Grenzüberschreitende Beschäftigung sei zur Normalität geworden, teilte Manfred Stamm mit, Koordinator des europäischen Netzwerks der Arbeitsmarktservices (Eures) in Bayern.

Hatte es mit der Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit noch vielerorts Ängste gegeben, Arbeitnehmer aus Tschechien könnten den heimischen Kräften ihre Jobs streitig machen, so ist davon nichts mehr zu hören. Etliche Firmen suchen Fachkräfte - und sind froh, wenn sie in Tschechien fündig werden. Nach Berechnungen der Industrie- und Handelskammer (IHK) fehlen alleine in Oberfranken 18 000 Fachkräfte. "Unseren Mitgliedsunternehmen fällt es immer schwerer, ihren Fachkräftebedarf zu decken", sagte die oberfränkische IHK-Präsidentin Sonja Weigand der Deutschen Presse-Agentur. "Tschechische Arbeitnehmer haben einen sehr guten Ruf in unserer Region. Kein Wunder also, dass gut ausgebildete Fachkräfte aus Tschechien im Fokus der Personalabteilungen oberfränkischer Unternehmen stehen."

In allen Landkreisen in der Grenzregion stieg die Zahl der Beschäftigten aus Tschechien von 2012 bis 2016 deutlich an. Insbesondere in der Oberpfalz und in Oberfranken verdoppelte sich die Zahl der Arbeitnehmer aus dem Nachbarland auf knapp 9100 beziehungsweise 3100. Auch in Niederbayern zählen die Arbeitsagenturen immer mehr tschechische Beschäftigte; vergangenes Jahr waren es knapp 6000. (dpa)

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