Voestalpine-Chef über Stahlbranche
"Macho-Industrie"

Voestalpine-Chef Wolfgang Eder vor der Kulisse des Stahlwerkes in Linz (Oberösterreich). Bild: Matthias Röder/dpa

Voestalpine-Chef Wolfgang Eder geht mit seiner eigenen Branche hart ins Gericht. Die Stahlindustrie verschließe mit Unterstützung der Politik die Augen vor ihren Problemen. Dabei habe das Metall als Werkstoff glänzende Aussichten.

Linz. Der aktuelle Aufschwung der Stahlindustrie täuscht nach Ansicht von Voestalpine-Chef Wolfgang Eder über tiefe Strukturprobleme hinweg. Angesichts der Überkapazitäten von 30 bis 40 Millionen Tonnen allein in Europa werde mittel- und langfristig an Kapazitätsverringerungen bis hin zu Werksschließungen kein Weg vorbeigehen, sagte der Chef des österreichischen Stahl- und Industriegüterkonzerns. "Es ist eine Macho-Industrie, in der Millionen Tonnen immer noch mehr zählen als Millionen verdienter Euro, Dollar oder Renminbi." Das Problem sei auch, dass die Politik aus falsch verstandener Standortpolitik um jedes auch unrentable Werk kämpfe, meinte Eder, der auch Vizepräsident des Weltstahlverbands ist.

Opfer des eigenen Erfolgs

Nach Angaben von OECD und Weltstahlverband werden die weltweiten Kapazitäten für die Produktion von Stahl 2018 auf 2,43 Milliarden Tonnen steigen. Der Bedarf liege aber nur bei 1,6 Milliarden Tonnen. Vor allem in Asien sei eine spürbare Produktionsausweitung bis 2019 geplant. Vor 15 Jahren konnten weltweit erst rund eine Milliarde Tonnen produziert werden. "Wir haben eine permanente Aufwärtsentwicklung bei den Kapazitäten, auch in den kritischen Jahren nach der Finanzkrise 2009", kritisierte Eder, dessen Unternehmen mit High-Tech-Qualitätsstählen zu den wichtigen Zulieferern der Automobil-, Luftfahrt- und Eisenbahnindustrie zählt. Für die Voestalpine selbst, die gerade das zweitbeste Quartal ihrer Geschichte hinter sich hat, stehen die Zeichen auf Expansion. In Deutschland, wo aktuell 8000 der 50 000 Beschäftigten arbeiten, werde man kontinuierlich wachsen und mittelfristig mehr als 10 000 Stellen haben, ist er sich sicher.

Die Branche ist laut Eder, der den Konzern seit 13 Jahren führt, in gewisser Weise Opfer ihres eigenen technologischen Erfolgs. Denn die Fortschritte im Leichtbau - eine Autokarosserie wiegt heute um 40 Prozent weniger als vor 30 Jahren - bedeuteten automatisch weniger benötigte Tonnen. Auch die Voestalpine wird demnächst bis zu 300 Millionen Euro in ein neues Edelstahlwerk investieren. Das sei kein Widerspruch zu seiner Klage über Überkapazitäten bei der normalen Stahlproduktion, betonte Eder. Das dort hergestellte Produkt habe "mit herkömmlichem Stahl absolut nichts mehr zu tun - und wir erweitern die Kapazitäten auch nicht."

30 neue Wasserkraftwerke

Ob das Werk am Traditionsstandort Kapfenberg in Österreich entstehe, hänge aber auch von den Energiekosten ab. "Bei einem derart hohen, langen Investment muss alles infrage gestellt werden, was in Richtung kalkulierbarer Kostenstrukturen geht."

Generell erhofft sich Eder mehr Flexibilität der Politik gegenüber der energieintensiven Branche. Würde die Voestalpine ganz von Kokskohle auf Strom umstellen, würden das Unternehmen in etwa 50 Prozent des österreichischen Strombedarfs zusätzlich brauchen, also 30 neue Donaukraftwerke. "Das sollte jedem klarmachen, die Umstellung ist unendlich komplexer als sich manche in der Politik das vorstellen."
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