27.11.2017 - 20:10 Uhr
Deutschland & Welt

Währungsverfall und Niedrigzinsen Erdogan und die "Zinslobby"

Die türkische Lira verfällt, die Inflation ist so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Doch entgegen der gängigen Lehre fordert Präsident Erdogan Zinssenkungen. Was steckt dahinter?

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan rechnet mit einem weiteren Wertverfall der Landeswährung Lira. Archivbild: Burhan Ozbilici/dpa
von Agentur DPAProfil

Istanbul. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hält beinahe täglich Ansprachen, und bei einigen Reden lässt sich schon vor deren Ende erahnen, dass die Lira nun weiter an Wert einbüßen wird. Vor einigen Tagen war so ein Fall, als Erdogan ein weiteres Mal die Zentralbank anging. An die Adresse derjenigen, die auf deren Unabhängigkeit pochen, sagte er: "Eben weil wir nicht eingreifen, ist es soweit gekommen." Denn die Lage ist aus Erdogans Sicht unbefriedigend: Die Inflation ist zweistellig, die Lira sinkt von einem Rekordwert zum nächsten. Im Vergleich zum Euro hat sie innerhalb eines Jahres mehr als 20 Prozent an Wert verloren - und fiel am Freitag auf ein Rekordtief: Für einen Euro musste mehr als 4,7 Lira bezahlt werden. Beim Dollar dürfte die Marke von 4 Lira bald erreicht sein.

Die Inflation lag im Oktober verglichen mit dem Vorjahresmonat bei 11,9 Prozent - der höchste Wert seit der Wirtschaftskrise 2008 und weit über der Zielmarke von 5 Prozent. Die Zentralbank korrigierte ihre Erwartungen für 2017 erst kürzlich nach oben und rechnet nun mit einer Preissteigerungsrate von 9,8 statt 8,7 Prozent. Dafür kann die Türkei beeindruckende Wachstumsraten vorlegen - denen allerdings nicht alle ausländischen Analysten trauen. Im ersten Halbjahr legte die Wirtschaft nach offiziellen Angaben um mehr als 5 Prozent zu, und aus Sicht der Regierung ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht: Erdogan sagte kürzlich, das Wachstum könnte dieses Jahr bei 7 Prozent liegen. Ihm liegt alles daran, dass die Wirtschaft brummt, und zwar mindestens bis November 2019. Dann stehen Wahlen an. Einige Branchen profitieren vom Verfall der heimischen Währung: Der Tourismussektor etwa, der Erlöse meist in Euro macht, Ausgaben aber in Lira bestreitet. Oder die türkische Automobilbranche, in der Löhne in Lira bezahlt werden - und die in den ersten neun Monaten des Jahres 24 Prozent mehr Fahrzeuge exportierte als im Vorjahreszeitraum. Firmen, die auf Importe angewiesen sind, leiden dagegen.

Aus Sicht von Konjunkturexperten müsste die Notenbank die Zinsen deutlich erhöhen, um die Inflation in den Griff zu bekommen und den Verfall der Lira zu stoppen. Langfristig würde das Stabilität schaffen, kurzfristig würde das Wachstum aber gebremst. Erdogan ist aber strikt dagegen. Hinter Experten, die für höhere Zinsen plädieren, sieht Erdogan eine ominöse "Zinslobby", die sich auf Kosten der Türkei bereichern möchte. Entgegen der gängigen Konjunkturlehre hält Erdogan hohe Zinsen nicht für ein Mittel gegen Inflation, sondern als deren Treiber.

Erdogans Einfluss auf die Zentralbank ist nicht der einzige Faktor, der die Märkte verunsichert. Anfang Dezember soll in New York ein Prozess um Verstöße gegen Iran-Sanktionen, um Geldwäsche und um gigantische Schmiergeldzahlungen beginnen. Der Fall könnte nicht nur zu empfindlichen Geldstrafen führen. Er hat auch das Potenzial, die angespannten Beziehungen der Türkei zu den USA weiter zu belasten.

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