30.08.2019 - 12:34 Uhr
Deutschland & Welt

Vor 80 Jahren: Der Krieg, den außer Hitler niemand wollte

Hitlers Worte vor dem Reichstag markierten vor 80 Jahren den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Verleger German Vogelsang – damals Bayern-Redakteur – schrieb vor 40 Jahren einen bemerkenswerten Beitrag, den wir nachstehend wiedergeben.

Führer und Reichskanzler Adolf Hitler begründet in seiner Rede vor dem Reichstag in Berlin am 1. September 1939 den Angriff auf Polen. Hitler, in Soldatenuniform, vermeidet das Wort Krieg und erklärt, dass die Wehrmacht auf polnische Aggression hin zurückgeschossen hätte.

"Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!" Diesen kurzen, schicksalsschweren, zerstörerischen Satz schleuderte Adolf Hitler am 1. September 1939 dem Reichtstag in Berlin entgegen. Und allein in diesem Satz steckten ein kleiner Fehler (denn der Polenfeldzug begann eine Stunde früher, also um 4.45 Uhr) und eine große Lüge, die Kriegslüge, die den Weltbrand auslöste, der schließlich Europa verwüstete und zu einem Gebeinhaus des Todes machte. Von "Zurückschießen" konnte keine Rede sein. Die Zwischenfälle an der östlichen Reichsgrenze und die kurzfristige "polnische Besetzung" des Senders Gleiwitz - auslösende Momente für den Kriegsbeginn - waren durch den Sicherheitsdienst Reinhard Heydrichs unter der Bezeichnung "Unternehmen Tannenberg" selbst inszeniert worden.

Es ist sinnlos, Hitler nur zu dämonisieren, als luziferischen Teufel, der er sicher war, als das Böse an sich, das er auch war, auszustellen, wie das deutsche Geschichtsschreibung - etwas hilflos - in den ersten Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkrieges getan hat. Hitler war schließlich auch gewählt worden. Mit moralischer Abscheu allein ist es nicht getan. Er konnte schließlich ein Volk von 75 Millionen in den Krieg treiben. Die Ursachen dafür waren freilich vielfältig. Geeinigt hat man sich heute auf folgende Gründe: Da war der Versailler Vertrag mit seinen erbarmungslosen, phantasielos engstirnigen und drakonisch hartherzigen Bedingungen; da war die Weltwirtschaftskrise, die drückende Armut verbreitete, da war Heinrich Brünings Deflationspolitik, der kein kurzfristiger Erfolg beschieden war und die nur eines vermehrte: Arbeitslosigkeit, Hunger und Unzufriedenheit. Die Entwicklung wurde nicht mehr steuerbar, sie lief dem Staat aus dem Ruder.

Aber zurück zum Spätsommer des Jahres 1939. Der "Führer" hatte systematisch die Grundlagen für einen Angriffskrieg geschaffen, hatte seit Mitte der dreißiger Jahre die Rüstungsindustrie in beispielloser Weise angeheizt. Hitler war immer dreister geworden, ein gieriger und gefräßiger Moloch, der vor nichts mehr haltmachen mochte und wohl auch nicht mehr konnte.

1938 wurde Österreich "heim ins Reich" geholt, danach die "Sudetendeutsche Frage" gelöst, die Westmächte in eine demütigende, beschämende und auch verräterische Rolle beim "Münchner Abkommen" getrieben: Das hehre, hochstolze England zumal, dessen Premier Neville Chamberlain zur Rettung des Friedens Entgegenkommen und Nachgiebigkeit bis zur eigenen Charakterunkenntlichkeit gezeigt hatte. Als tatsächlich alles ausgereizt schien, brachen die braunen Schergen auch noch das Münchner Abkommen, löschten die Tschechoslowakei als autonomen Staat aus. Am 23. August vernahm eine staunende, vor allem aber beklommene Welt, dass die beiden großen Diktatoren, Hitler und Josef Stalin, ein Abkommen trafen. Es war ein Nichtangriffspakt, dessen geheime Zusatzprotokolle Polen als Angriffsobjekt und Kriegsbeute zum Ziele hatten.

Hitler jedenfalls hatte schon früh, definitiv aber am 5. November 1937 den Spitzen der Wehrmacht klargemacht, dass es zur Lösung der Frage des "Lebensraumes für das deutsche Volk" nur den Weg der Gewalt geben könne. Im Mai 1939 wiederholt er ohne Umschweife: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht ... Es entfällt also die Frage, Polen zu schonen, und es bleibt der Entschluss, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen." Die passende Gelegenheit war dann jener 1. September. Das Absurde der Historie war: Niemand wollte diesen Krieg, die deutsche Generalität nicht, das deutsche Volk nicht - niemand in Europa! Nur Hitler wollte. Und er bekam, was er wollte. Nach dem Überfall auf Polen stellten England und Frankreich ein auf zwei Tage befristetes Rückzugsultimatum, das am 3. September ablief und zur Kriegserklärung an Deutschland führte. Der Polenfeldzug war am 6. Oktober beendet. Die Sowjetunion - am 17. September in Ostpolen einmarschierend - und Deutschland teilten sich die Beute ihres Überfalls.

Im Westen begann die deutsche Offensive im Mai 1940. Sie war im Juni beendet und galt als ein triumphaler Erfolg des "Führers". Die holländische Armee kapitulierte nach drei Tagen, die belgische nach drei Wochen und die französische nach sechs.

Aber die erste tatsächliche große Kraftprobe im Westen, die Luftschlacht über England, ging mit verheerenden Verlusten verloren. Sie begann im August 1940. Ende März 1941 hatte die deutsche Luftwaffe 2265 Maschinen verloren, 3363 Tote zu beklagen, 2117 Verwundete und 2641 Vermisste oder Gefangene. Damit war die Entscheidung im Westen bereits vorweggenommen. Die epileptische Raserei, der unstillbare Machtrausch des Diktators führten schließlich zum wahnwitzigsten Unternehmen, zur Tollheit des Falles "Barbarossa", zum Angriff auf Rußland! Damit sollte der "englische Festlanddegen" ausgeschaltet und weiterer "Lebensraum im Osten" erobert werden. Der deutsche Angriff begann am 22. Juni 1941 um 3.15 Uhr. Zwischen totalem Sieg und Untergang war angesiedelt, was Hitler gespenstisch, aber in diesem Falle nicht ohne Logik proklamierte: "In diesem Kampf wird nur ein Volk leben bleiben, und das wird das deutsche sein!" In einer Rede an die Nation machte er deutlich: "Eine geschichtliche Revision einmaligen Ausmaßes wurde uns vom Schöpfer aufgetragen, die zu vollziehen wir nunmehr verpflichtet sind!" Die deutschen Truppen kamen zunächst diesem "Auftrag" in bemerkenswert erfolgreichem Umfang nach. Die Russen, vom Angriff total überrascht, konfus und perplex, wurden, wo sie sich stellten, überrannt und geschlagen. Doch dann kam ",Väterchen Frost", der große Verbündete der Roten Armee. Der Winter 1941/42, der kälteste seit hundert Jahren, forderte der Wehrmacht im Osten furchtbare Strapazen ab, zumal ein Winterfeldzug nie geplant, nichts vorbereitet, kein Nachschub organisiert worden war.

Die endgültige Entscheidung im Osten, der Umschwung vollzieht sich schließlich bei der Schlacht um Stalingrad, als über den Winter ins Jahr 1943 die 6. deutsche Armee, über 280 000 Mann, von der russischen Offensive eingekesselt, von Hitler das Verbot für einen Ausbruch erhält. Als sich schließlich der deutsche Befehlshaber, Generaloberst Paulus, am 1. Februar 1943 ergibt, zieht der Rest der 6. Armee, 90 000 Mann von über 280 000, in die russische Gefangenschaft. "Für Stalingrad", so sagt Hitler stolz, "trage ich allein die Verantwortung." Und keine drei Wochen später, am 18. Februar, ruft jener Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister, intellektueller, bedenkenloser Aufpeitscher, im Berliner Sportpalast gellend in die Menschenmenge: "Wollt ihr den totalen Krieg? "

Zu diesem Zeitpunkt freilich war der Krieg bereits verloren. Was weiter geschah, hieß das Leid verlängern, die Zahl der Totenliste, den aussichtslosen Kampf. Bei der Invasion in der Normandie setzten am 6. Juni 1944 aus England 176 000 Mann mit 20 000 Fahrzeugen über den Kanal. Die Alliierten trafen auf einen Gegner, der sich nur noch mehr oder weniger geordnet und planvoll zurückziehen konnte, und an der Ostfront betrug zum Jahreswechsel 1944/45 die Überlegenheit der Sowjets nach Berechnungen durch das Oberkommando des Heeres bei der Infanterie 11:1, bei den Panzern 7:1 und bei der Artillerie 20:1. Das erste Halbjahr 1945 brachte das Ende. Noch einmal bewies der "GröFaZ" ("Größte Feldherr aller Zeiten"), wie sehr ihm sein deutsches Volk am Herzen lag. Bei der Bedrohung des Ruhrgebietes gab er die Anweisung, die später als "Nero-Befehl" in die Geschichte einging: Sämtliche Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sollten zerstört werden. Hitler: "Wenn der Krieg verlorengeht, wird auch das Volk verloren sein." Die Guten seien ohnehin gefallen, übriggeblieben seien nur die "Minderwertigen".

General Dwight D. Eisenhower ging von der irrigen Annahme aus, die deutsche Führung werde sich in eine schwer einnehmbare "Alpenfestung" zurückziehen. Obwohl Winston Churchill anderer Meinung war und dafür eintrat, dass wenigstens Montgomerys Truppen nach Berlin weitermarschieren sollten, um den Sowjets nicht die alleinige Einnahme der Reichshauptstadt zu ermöglichen, setzte sich Eisenhower, gestützt von den US-Stabschefs, durch. Hätte sich der politische Scharfsinn Churchills behauptet, die Teilung Deutschlands sähe anders aus, der Einflußbereich der Sowjetunion wäre vermutlich geringer geblieben. Hitler, zugleich Memme und Unglücksbringer für die ganze Welt, nahm sich kurz vor der Kapitulation das Leben. Es ist nicht wert, das Datum zu erwähnen. Der Mann, der in seinem Größenwahn, in seiner Hybris keinen Maßstab mehr kannte und sogar seinen eigenen Namen ("Heil Hitler!") zum Gruß erhoben hatte, stahl sich am Ende davon wie ein minderwertiger Dieb.

Zu sagen gäbe es noch viel, vor allem über das Entsetzlichste von allem, das Schandbarste und Ruchloseste: die Vernichtung von fünf bis sechs Millionen Juden, von Männern, Frauen, Kindern und Greisen, ihre systematische Ausrottung in den KZs. Zu reden wäre aber auch über den deutschen Widerstand, über die Hecks, Stauffenbergs, Goerdelers und Lebers, die allesamt beim Westen kein Gehör gefunden hatten. Nicht vergessen werden dürfen allerdings auch jene furchtbaren Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, der Feuerregen auf Dresden, die Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten.

Hundertzehn Millionen Soldaten hatten im Zweiten Weltkrieg unter Waffen gestanden. 27 Millionen fanden den Tod, 25 Millionen Zivilisten ebenfalls; dazu kam noch der Todestreck der Juden in die Gaskammern! So stellt sich heute die Bilanz der größten kriegerischen Heimsuchung, die die Menschheit in ihrer Geschichte hat ertragen müssen. Und das alles war ausgelöst worden von einem wirren, haßlodernden Fanatiker, einer tief in sich gespaltenen Persönlichkeit, und von seinen braunen Horden! Eine Anzahl von Deutschen hatte das Unheil früh kommen sehen, viele hatten gewarnt - vergeblich. Die Nationalsozialisten schon zuzeiten durchschaut, präzise beschrieben und ihr Ende vorausgesagt - das hat keiner besser getan als Erich Kästner, der Moralist und politische Dichter. Er nahm die Nazis zum Nennwert, als er schrieb: "Glaubt nicht, daß wir uns wundern, wenn ihr schreit. Denn was ihr denkt und tut, das ist zum Schreien!" Und an anderer Stelle, prophetisch zum Kampfruf "Deutschland, erwache!": "Wie ihr's euch träumt, wird Deutschland nicht erwachen. Denn ihr seid dumm und seid nicht auserwählt. Die Zeit wird kommen, da man sich erzählt: Mit diesen Leuten war kein Staat zu machen!"

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