Leserbriefe: Wo sind die Grenzen?

"Hätte Herr Löw einen Funken Anstand, wäre er sofort nach der WM-Blamage zurückgetreten", hatte es in einem Leserbrief geheißen. Ein anderer Leser stört sich an der Wortwahl, die in vielen Ohren eher harmlos klingen mag.

Joachim Löw schaut auf die Uhr. Die Kritiker des Bundestrainers sagen, seine Zeit wäre nach dem WM-Aus eigentlich abgelaufen.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

"Sehr geehrte Herren Sport-Redakteure", wandte sich Franz Beyerlein aus Sulzbach-Rosenberg per Mail an uns, "man kann zu Löws Entscheidung, Bundestrainer zu bleiben, geteilter Meinung sein. Auch ich meine eher, er sollte eigentlich von sich aus zurücktreten. Aber ich wende mich dagegen, immer gleich solch verächtliche Kommentare zu veröffentlichen, die einem unbescholtenen Menschen jeden ,Funken Anstand' abstreiten. Dass der eine oder andere so was schreibt, fällt auf ihn selbst zurück."

Die Redaktion jedoch, so der Standpunkt von Beyerlein, trage mit der Veröffentlichung dazu bei, "dass die Sprache und ganz allgemein der Umgang miteinander mit übertreibenden Kritiken und Schmähungen im Niveau sinken und schrittweise verrohen". Das, rät der Sulzbach-Rosenberger, sollte man auch in den Redaktionen bedenken und nicht nur darüber lamentieren. Selbstverständlich gehörten Meinungsäußerungen der Leser zu einer lebendigen Presse. Allerdings sollten die Redakteure "von ihrem Vorbehaltsrecht auch wirklich Gebrauch machen, Leserbriefe sinnwahrend zu kürzen", hält Beyerlein abschließend fest.

So sieht's der Leser

Längere Diskussion anschließend am Telefon auch aus der Neugierde heraus, warum in diesem Fall die Schmerz- und Toleranzgrenze sehr eng gezogen ist. "Ich lese viele andere Dinge, die noch schlimmer sind", räumte Franz Beyerlein im Gespräch ein. Grundsätzlich aber sollte eine Zeitung für jegliche Art von Verunglimpfungen "kein Forum bieten". Da werde seitens der Redaktion häufig "zu viel erlaubt". Jemandem jeden Funken Anstand abzusprechen, sei für ihn "an der Grenze zur Beleidigung", machte Beyerlein deutlich und fügte hinzu: "Das ließe ich mir nicht gefallen."

Wie weit darf also Meinung gehen? Dazu eingangs eine Aussage der "Initiative Tageszeitung" (ITZ): "Eine demokratisch pluralistische Gesellschaft braucht die Meinungsvielfalt und die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Meinungen, deshalb muss sie auch langwierigen, lästigen oder lähmenden Meinungsstreit in Kauf nehmen." Auch das Bundesverfassungsgericht hat in vielen Urteilen die Meinungsfreiheit hochgehalten. Das ergänzt die ITZ mit den Worten: "Der Schutz des Grundrechts bezieht sich vor allem auf die im Werturteil zum Ausdruck kommende eigene Stellungnahme des Redenden, durch die er auf andere wirken will. Dabei ist gleichgültig, ob die Meinung ,richtig' oder ,falsch', ob sie emotional oder rational begründet ist, ob es sich um ,wertvolle' Meinungen handelt oder nicht."

Pointierte Form erlaubt

Nun ist ein Leserbrief eine klassische Meinungsäußerung, sie gilt, so sagt die Rechtsprechung, als Werturteil, weil der Verfasser in seiner Zuschrift seinen Standpunkt darlegt. Zu beachten sind von der Redaktion bei der Veröffentlichung von Leserbriefen die publizistischen Grundsätze. Der Deutsche Presserat betont in seinem Kodex: "Es dient der wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit, im Leserbriefteil auch Meinungen zu Wort kommen zu lassen, die die Redaktion nicht teilt."

Erlaubt ist, in Leserbriefen Standpunkte und Sichtweisen auch in pointierter Form wiederzugeben. Das gilt selbst für die Auseinandersetzung mit Religionen. Beleidigungen oder ehrabschneidende Äußerungen jedoch dürfen nicht sein. Auch aus dem Grund, weil die Redaktion verantwortlich ist für die von ihr veröffentlichten Zusendungen.

Werden strafrechtliche Grenzen nicht überschritten, sind Meinungsäußerungen und Kritik in einem Leserbrief in der Regel unbedenklich. "Meistens ist es unproblematisch, wenn Leser lediglich ihre negative Meinung zum Verhalten in der Öffentlichkeit stehender Personen oder Unternehmen kundtun", bekräftigt die ITZ. Vor diesem Aspekt muss man einem Leserbriefschreiber zugestehen, zum Bundestrainer folgende Aussage zu tätigen: "Hätte Herr Löw einen Funken Anstand, wäre er sofort nach der WM-Blamage zurückgetreten." Im Einzelfall, das haben höchstrichterliche Entscheidungen gezeigt, müssen auch Schärfen und Übersteigerungen in Kauf genommen werden.

Selbst abwertende und kränkende Formulierungen sieht die Rechtsprechung als erlaubt an - solange sie, wie die ITZ erläutert, zum Gegenstand der Auseinandersetzung "Sachnähe" haben. "Dann handelt es sich um überspitzte, griffige, einprägsame Formulierungen, die nicht wörtlich genommen werden wollen, aber leichter erkennen lassen, in welche Richtung die Vorwürfe gehen."

Das wäre Zensur

Kritiker Franz Beyerlein hatte ja vorgeschlagen, die Redaktion hätte den gegen die Weiterbeschäftigung von Joachim Löw gerichteten Leserbrief "sinnwahrend kürzen" können. Das geht hingegen nicht so einfach, wie sich der Sulzbach-Rosenberger das vorstellt. Zum einen: Der Bundestrainer wurde nicht beleidigt, auch wenn es Beyerlein so empfinden mag. Zum anderen: Hätte man die Passage mit dem "Funken Anstand" mit einem redaktionellen Eingriff herausgenommen, wäre die beabsichtigte Aussage des Leserbrief-Verfassers verfälscht worden. Und drittens: Wird der "Funken Anstand" herausgestrichen, könnte das durchaus als Zensur verstanden werden.

In diesem Zusammenhang abschließend ein Blick in den Pressekodex, wo es zum Thema Leserbriefe heißt: "Änderungen oder Kürzungen von Zuschriften ohne Einverständnis des Verfassers sind grundsätzlich unzulässig. Kürzungen sind jedoch möglich, wenn die Rubrik Leserzuschriften einen regelmäßigen Hinweis enthält, dass sich die Redaktion bei Zuschriften, die für diese Rubrik bestimmt sind, das Recht der sinnwahrenden Kürzung vorbehält. Verbietet der Einsender ausdrücklich Änderungen oder Kürzungen, so hat sich die Redaktion, auch wenn sie sich das Recht der Kürzung vorbehalten hat, daran zu halten oder auf den Abdruck zu verzichten."

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