20.04.2019 - 12:15 Uhr
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Ein Oberpfälzer radelt Buffalo Bills Sohn davon: Josef Fischers irre Geschichte

In Sachen Radsport ist die Oberpfalz beinahe ein weißer Fleck. Und doch: Für ein paar Jahre kam der beste Straßenradsportler der Welt aus der Oberpfalz. Als erster Sieger des größten Eintagesrennens der Welt ist Josef Fischer unsterblich.

Mensch gegen Pferd: Immer wieder stellte sich Josef Fischer dieser Herausforderung, immer war ers stärker. Dieses Bild soll aus dem Jahr 1895 stammen.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Millionen jubelnde Zuschauer im Staub einiger nordfranzösischer Feldwege. Das prestigeträchtigste und härteste Eintagesrennen des Profiradsports hatte sie vergangenen Sonntag angelockt: Paris-Roubaix. Seit 123 Jahren blickt die Radsportwelt jedes Frühjahr auf dieses rund 260 Kilometer lange „Monument des Radsports“ – und immer spielt dann ein Oberpfälzer eine Hauptrolle in den Anekdoten der so geschichtsbewussten Radsportexperten. Josef Fischer aus der Nähe von Furth im Wald mag in der Heimat vergessen sein. In der Radsportwelt hat er ewig seinen Platz als erster Sieger dieses Rennens. Im Jahr 1896 gewann Fischer die Premiere der Fahrt von Paris hinauf an die belgische Grenze, ins Radsportstadion von Roubaix.

Fischers Geschichte ist aber auch die eines Vergessenen, nicht nur in der Heimat. Nach seiner Karriere ist kaum etwas bekannt vom Schicksal des am 20. Januar 1865 in Atzlern in der heutigen Gemeinde Neukirchen beim Heiligen Blut geborenen Fischer. Dabei galt er für einige Jahre als bester Straßenradsportler der Welt. „Je weiter die Fahrt ging, desto besser standen Fischers Chancen, und je schwieriger das Terrain war, desto leichter gewann er sein Rennen. Im Bergauffahren fand Fischer keinen Meister, aber noch weniger im Bergabfahren“, zitiert die Liebhaber-Seite Cycling4fans.de aus dem 1907 erschienenen „Sport-Album der Radwelt“. Fischer stand 1899 beim ersten modernen Sechstagerennen im Madison Square Garden in New York am Start und wurde dort Vierter. Zum Ende der Karriere absolvierte er 1903 als einziger Deutscher die erste Tour de France und kam als 15. ins Ziel.

Was danach kam, ist kaum belegt. Pascal Sergent hat über 50 Radsport-Bücher verfasst. In einem Werk zum 100. Paris–Roubaix-Jubiläum beschreibt er minuziös wie überlegen Fischer 1896 gewann, trotz Stürzen und Angriffen eines Hundes und einer wild gewordenen Rinderherde. Als Siegerpreis erhielt Fischer unter anderem zwölf Flaschen Champagner, die noch am Abend bei der Siegesfeier im Hotel geleert wurden. Doch zur Zeit nach der Karriere kann auch er wenig beitragen: Immerhin weiß Sergent, dass der Oberpfälzer als Chauffeur in Paris gearbeitet haben soll, bis er wegen des Ersten Weltkriegs Frankreich verlassen musste. Danach soll Fischer bis zu seinem Tod am 3. März 1953 in Bayerns Landeshauptstadt gelebt haben.

Eine stattliche Erscheinung: Josef Fischer auf seinem Rad.
Josef Fischer - Ein Oberpfälzer an der Spitze der Radsportwelt

Der Münchener Radsporthistoriker Walter Lemke weiß, dass das nicht stimmen kann. „Ich habe die Sterbebücher der Stadt studiert.“ Fischer kommt darin nicht vor. Lemke ist bekannt für seine Akribie, er hat mehrere Radsportler-Biografien erforscht, zum Beispiel die von Thaddäus Robl. „Thaddy“ Robl war etwas jünger und ähnlich erfolgreich wie Fischer. Durch den Sport verdiente er so viel Geld, dass er sich nach der Karriere ein Flugzeug leisten konnte, mit dem er später tödlich verunglückte – als erstes ziviles Opfer der deutschen Luftfahrt. Auch Fischer nutzte die Popularität seines Sports. Immer wieder trat er bei lukrativen Show-Veranstaltungen an – im Jahr 1894 etwa vor einer „kolossalen Menschenmenge“ in einem mehrere Tage dauernden Rennen gegen den Reiter G. F. Cody. Der Sohn des legendären Buffalo Bill war mit seinen Pferden aus den USA nach Europa gekommen. Fischer siegte deutlich, wie die „Deutsche Illustrierte Zeitung“ damals schrieb.

Trotzdem ist heute nicht einmal sein letzter Ruheort bekannt. Auch die „Passauer Neue Presse“ konnte diesen bei ihrer Recherche zum „Radphänomen aus dem Bayerwald“ nicht ausfindig machen: „Die Spuren Josef Fischers verlieren sich im Ersten Weltkrieg. Der letzte bislang auffindbare Hinweis stammt aus dem Jahr 1916, als er laut Münchener Meldeunterlagen nach Mainz zog – vermutlich mit seiner zweiten Ehefrau, die Fischer wohl zwei Jahre zuvor in London geheiratet hatte“, schreibt Autor Martin J. Freund in seinem Artikel in der PNP. In Mainz gebe es keine Meldedaten mehr. Fischers Sohn, Anton Josef, aus erster Ehe soll im Ersten Weltkrieg gefallen sein. Eine Enkeltochter ist laut PNP bis 1948 in München nachweisbar.

Das Starterfeld bei der ersten Austragung des Rennens von Paris nach Roubaix. Josef Fischer steht in der Mitte, etwa unter dem o des Wortes Roubaix auf dem über die Straße gespannten Banner.
Das Siegerfoto nach dem Rennen von Wien nach Berlin im Jahre 1893: Josef Fischer (Dritter von links) siegte damals deutlich. MIt ihm auf dem Bild (von links) P. Mündner, Andersen, G. Sorge, Gerger, Rehais
Die Pflasterstein-Pfade sind das Erkennungszeichen des Rennens. Heute erhält jeder Sieger einen solche „Katzenkopf“ als Trophäe. Am Ziel beim Radstadion in Roubaix ist zudem jedem Sieger ein solcher Stein gewidmet. Josef Fischers Name steht dort neben denen von Eddy Merckx, Bernard Hinault oder Fausto Coppi.

Etwas besser belegt sind dank des Further Heimatforschers Hermann Plötz die frühen Jahre. In einem Aufsatz zeichnet Plötz die familiären Umstände nach. Demnach kam Josef unehelich in einfachen Verhältnissen zur Welt. Mutter war die „Inwohnerstochter“ Johanna Brandl. Sie heiratete später den Vater Georg Fischer, einen Häusler. Auf der Suche nach besseren Lebensumständen zog das Paar mit dem Sohn in die Stadt, erst nach Regensburg, später nach München. Dort soll Fischer das Schmiedehandwerk erlernt haben – und dabei mit dem Radsport in Berührung gekommen sein. Mit 27 Jahren, im Jahr 1892, machte Fischer mit ersten Siegen auf sich aufmerksam.

Unsterblich machte ihn sein Triumph bei Paris–Roubaix. Neben der langen Geschichte verdankt das Rennen seiner Streckenführung über jahrhundertealte grob gepflasterte Feldwege seinen heutigen Ruf. Am vergangenen Sonntag führten gut 55 der insgesamt 260 Rennkilometer über Kopfsteinpflaster, das wohl schon zu Fischers Zeiten befahren wurde. Bei Trockenheit überzieht der Staub die geschundenen Fahrer mit einer Kruste, bei Regen ist es der Schlamm. Stürze sind nicht Ausnahme, sondern Regel. Als das Rennen nach dem Ersten Weltkrieg durch die zerbombten Schlachtfelder führte, sprach man von der Fahrt durch die „Hölle des Nordens“. Diesen Beinamen hat Paris–Roubaix bis heute behalten: „L’enfer du Nord“. Gleichzeitig gilt es als „Königin der Klassiker“. Die beiden Namen lassen erahnen, welchen Stellenwert das Rennen für die Fahrer hat: Es wird gehasst und gefürchtet, geliebt und verehrt.

1896 hatte Paris–Roubaix diesen Stellenwert nicht. Fischer hat größere Herausforderungen gemeistert. Am meisten Aufsehen erregte sein Sieg bei der ersten Distanzfahrt Wien–Berlin im Jahr 1893 über 580 Kilometer in gut 31 Stunden. Zur damaligen Zeit war das eine Sensation. Die Strecke nutzten deutsche und österreichische Offiziere häufig, um sich im Distanzreiten zu messen. Trotz Pferdewechsel benötigten die schnellsten Reiter mehr als die doppelte Zeit Fischers. Die Bahn schaffte die Strecke nur wenige Stunden schneller.

Danke, i hab gnua gsessn

Josef Fischer

Josef Fischer

Im Internet findet sich ein Rennbericht aus dem 1894 erschienenen „Buch für Alle“. Die Verwunderung des Autors ob der Leistung der 117 Starter lässt sich aus dem Text herauslesen. Die Fahrer kämpften an den beiden Junitagen mit Unwettern und den schlechten Straßen, „die in Oesterreich vielfach nur mit zerschlagenen Steinen beschüttet und nicht chaussiert waren“. Den Sieger Fischer beschreibt der Autor „als großen kräftigen Mann“, der als Prämie für seinen Sieg einen „prächtigen, silbernen Humpen“ erhielt. Von dem Rennen stammt auch das einzig überlieferte Fischer-Zitat: Als man ihm im Ziel nach 30 Stunden im Sattel einen Stuhl anbot, soll er gesagt haben: „Danke, i hab gnua gsessn“. Fischer war als Erwachsener wohl kaum mehr in seiner Oberpfälzer Heimat. Aber aus dieser Antwort spricht eindeutig ein Oberpfälzer.

Josef Fischer war Opel-Fahrer. Der heutige Autohersteller produzierte damals Räder – und warb mit seinen Vertragsfahrern. Fischers Sieg bei Wien-Berlin galt damals allerdings als vorzeigbarer, als der bei Paris-Roubaix.
Josef Fischer
Josef Fischer
Die Ergebnisliste von Paris-Roubaix aus dem Jahr 1896
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