Beschwerdeführer machten falsche Angaben

Das kommt eher selten vor: Der Presserat hat eine Rüge zurückgenommen. Eine von mehreren Entscheidungen aus den Dezember-Sitzungen.

Prinz William und Herzogin Kate werden oft zu "Opfern" der Boulevard-Presse.
  • Rüge wegen falscher Angaben aufgehoben

Eine bereits verhängte Rüge gegen "shz.de" hat der Presserat nach einem erfolgreichen Wiederaufnahmeantrag der Redaktion aufgehoben und die Beschwerde verworfen. Im Juni hatte "shz.de" eine Rüge für Opfer-Fotos erhalten, die sie unter anderem unter der Schlagzeile ",Es war blanker Hass'" in den Jahren 2008 und 2009 veröffentlichte. Die Beschwerden zweier Angehöriger waren trotz des langen Zurückliegens der Veröffentlichungen zugelassen worden, da diese sich auf den redaktionellen Datenschutz berufen und behauptet hatten, erst seit kurzem von den Berichten Kenntnis zu haben. In ihrem Wiederaufnahmeantrag konnte "shz.de" jedoch durch die Vorlage einer E-Mail eines der Beschwerdeführer an die Redaktion glaubhaft machen, dass dieser bereits seit März 2017 von den Veröffentlichungen wusste. Aufgrund des offensichtlich abgestimmten Vorgehens der beiden Beschwerdeführer rechnete der Presserat dieses Wissen auch dem anderen zu. Die Beschwerden waren damit verjährt.

  • Angebliche "Superspreaderin" gezeigt

"Bild.de" wurde gerügt für einen Bericht über eine Frau, die im Verdacht stand, mehrere Personen mit Corona infiziert zu haben. Unter der Überschrift "Mindestens drei Menschen positiv getestet" zeigte die Redaktion das verpixelte Foto der angeblichen "Superspreaderin", nannte den Vornamen und den ersten Buchstaben ihres Nachnamens. Die Erkennbarkeit der Betroffenen war damit nur geringfügig eingeschränkt. Der Presserat: "Für einen erweiterten Personenkreis war sie identifizierbar, ohne dass ein öffentliches Interesse an ihrer Identität bestand - zumal die Vorwürfe gegen sie zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht bewiesen waren. Damit lag ein grober Verstoß gegen den Persönlichkeitsschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.6 vor, wonach in der Regel nicht ohne Zustimmung der Betroffenen über Erkrankungen berichtet werden soll."

So geht verantwortungsvoller Journalismus

Deutschland und die Welt
  • Wunde einer Sportlerin im Fokus

Die Online-Ausgabe der "TZ" erhielt eine Rüge für eine Sportberichterstattung über einen schweren Unfall bei der Straßenrad-WM der Frauen. Die Redaktion hatte unter der Überschrift "Horror-Sturz überschattet Straßenrad-WM" die klaffende Wunde einer Sportlerin gezeigt und herangezoomt. Zudem wurde die Überschrift mit dem Zusatz aufbereitet: "Bild von Verletzung ist nichts für schwache Nerven." Nach Ansicht des Presserats geht die Redaktion damit deutlich über das öffentliche Interesse an dem Vorgang hinaus, indem sie sich bewusst auf den Schockmoment für den Leser fokussiert. Der Beschwerdeausschuss sieht hier die Grenze zur unangemessen sensationellen Berichterstattung nach Ziffer 11 des Kodex verletzt und zudem das Ansehen der Presse nach Ziffer 1 tangiert.

  • Heiler stellt Immunisierung gegen Corona in Aussicht

Für ein unkritisches Interview mit einem "Heiler" über dessen Therapieform ("Willst Du den Körper heilen, musst Du erst die Seele heilen") wurde die Online-Ausgabe des "Merkur" gerügt. In dem Interview machte der Therapeut zahlreiche Heilungsversprechen, beispielsweise zu einer Immunisierung gegen Corona, ohne dass die Aussagen mit journalistischer Distanz eingeordnet worden wären. Darin sah der Beschwerdeausschuss eine mangelnde journalistische Sorgfaltspflicht gemäß Ziffer 2 des Pressekodex sowie eine unangemessen sensationelle Darstellung im Bereich der Medizin-Berichterstattung nach Ziffer 14.

  • Fotos von Absturz-Opfern gezeigt

Ein Bericht auf "Bild.de" über ein Flugzeugunglück verstieß gegen den Schutz der Persönlichkeit nach Ziffer 8 des Pressekodex. Unter der Überschrift "Das ist der Pilot, der in ihre Wohnung stürzte" hatte die Redaktion berichtet, dass zwei Männer mit ihrer Maschine in ein Wohnhaus gestürzt waren. Dabei waren die beiden Flugzeuginsassen sowie eine Bewohnerin des Hauses ums Leben gekommen. In der Berichterstattung wurden sowohl Fotos des Piloten und der getöteten Bewohnerin veröffentlicht als auch deren Vornamen, die abgekürzten Nachnamen und das jeweilige Alter genannt. Diese identifizierende Darstellung verstößt gegen den in Richtlinie 8.2 Pressekodex definierten Opferschutz, da es sich bei den Toten weder um Personen des öffentlichen Lebens handelte noch ihre Hinterbliebenen einer Berichterstattung in dieser Form zugestimmt hatten.

  • Augenbalken reicht nicht als Anonymisierung

"Bild" zeigte unter der Überschrift "Nackter Mann in Münchner U-Bahn" das Foto eines Passanten, der nur mit einem Hemd bekleidet durch einen U-Bahnhof gelaufen war. Der darin verwendete Augenbalken war nach Ansicht des Beschwerdeausschusses nicht geeignet, den Mann zu anonymisieren. Ein öffentliches Interesse an seiner Person bestand nicht. Der Betroffene ist für einen bestimmten Personenkreis nach wie vor eindeutig identifizierbar, wodurch sein Persönlichkeitsschutz verletzt wird. Der Presserat sah zudem eine Verletzung der Menschenwürde des Mannes, der sich augenscheinlich nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte befand.

  • Weltärztebund-Vorsitzender falsch zitiert

"Bild.de" wurde gerügt wegen einer Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht. In einem Artikel über eine Anne-Will-Talkrunde hatte die Redaktion dem Vorsitzenden des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, in der Überschrift die Aussage "Grundrechtseinschränkung, eine Maske tragen zu müssen!" als wörtliches Zitat zugeschrieben. Montgomery hatte diese Feststellung jedoch nicht getroffen, sondern in der Talkshow lediglich die Frage in den Raum gestellt, ob es eine Grundrechtseinschränkung sei, sich eine Maske aufsetzen zu müssen.

  • Irreführende Überschrift über William und Kate

Wegen eines Verstoßes gegen das in Ziffer 1 des Pressekodex geforderte Gebot der Wahrheit und wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit wurde die Online-Ausgabe von "TV Movie" gerügt. Das Portal hatte mit der Überschrift "Prinz William & Herzogin Kate: 'Scheidung bereits vollzogen'" suggeriert, das königliche Paar sei geschieden worden. Der Text bezog sich allerdings auf ein neun Jahre altes Zitat einer Adels-Expertin, die damals in einer Fernsehdokumentation auf eine kurzzeitige Trennung von Prinz William und Herzogin Kate angespielt hatte.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.