Meinung: Corona-Chaos: Verzettelt, verrannt, verzögert

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Keiner außer einigen Verquerdenkern behauptet, diese Krise sei leicht zu lösen. Wer aber Millionen Menschen Geduld und Einkommensverluste zumutet, sollte tunlichst Kardinalfehler vermeiden, kommentiert Jürgen Herda.

Fata Morgana Osterurlaub: Eine Osterhasen-Skulptur aus Strohballen im Boddenhafen. Angesichts hoher Corona-Infektionszahlen müssen sich die Menschen in Deutschland auf eine grundsätzliche Verlängerung des Lockdowns bis weit nach Ostern einstellen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Es erinnert an den famosen Aufstieg und Niedergang der Fußballnationalmannschaft: Vom Triumph von Rio zur Blamage von Kasan in nur einer WM-Vorbereitung. Die Bundesregierung schafft es in einem Jahr vom globalen Vorbild zur Lachnummer. Nicht jede Häme ist berechtigt, Stichwort „Unsere erste Pandemie“, aber die hausgemachten Fehler häufen sich.

Föderal und bürokratisch

Die föderale Struktur der Bundesrepublik ist in dieser Lage nicht immer hilfreich. Niemand aber zwingt die Ministerpräsidenten dazu, bei jeder Bund-Länder-Runde wieder Sonderwege zu beschreiten, die kurz danach an der Realität scheitern. Dass der Virus sich weder an Staaten- und schon gar nicht an Ländergrenzen orientiert, kann man inzwischen bemerkt haben. Und auch die politische Profilierung durch Alleingänge hält sich in Grenzen. Inzwischen wandelt sich der anfängliche Macher-Bonus einzelner in einen Versagens-Malus aller.

Die bürokratische Verfasstheit Deutschlands ist ein weiteres Hemmnis. Die Verwaltung ist weder personell noch infrastrukturell für eine solche Krise ausgelegt. Analoge Ämter, die auf Strichlisten angewiesen sind, anstatt vernetzt Daten auszuwerten zu können; Schulen mit Lehrermangel und ohne digitales Rüstzeug; Einwohnermeldeämter, die die Einladung der Impfkandidaten an externe Dienstleister vergeben, ohne Zugriff auf das Geburtsdatum.

Wiederkehrende Scheuklappenblindheit

Dazu kommt eine wiederkehrende Scheuklappenblindheit: Erst werden Masken für unbrauchbar erklärt, um sie dann in einem finanziellen Gewaltakt über ein betrugsanfälliges Verfahren freihändig zu vergeben. Ähnliches wiederholt sich jetzt bei den Schnelltests. Und die vorab zum Allheilmittel erklärte Corona-App erwies sich schnell als Rohrkrepierer. Es brauchte einen Popmusiker, um zu zeigen, wie man das besser macht. Und dann auch noch die Versuchung, der einige nicht widerstehen konnten, in der Krise das schnelle Geld zu machen.

Keiner außer einigen Verquerdenkern behauptet, es sei leicht diese Krise zu bewältigen. Aber wer Millionen Selbstständigen, Schülern, Eltern, Krankenpflegern, Kurzarbeitern und geschassten Minijobbern Geduld und Einkommensverluste bis zu 100 Prozent zumutet, der sollte doppelt darauf achten, vermeidbare Fehler zu vermeiden – und nicht zu Beginn der dritten Welle Lockerungen in Aussicht stellen, die absehbar bei der nächsten Runde wieder kassiert werden. Dass dann stundenlang über Ostern auf Mallorca gestritten wird, statt eine stimmige Test- und Impfstrategie auf den Weg zu bringen, ist der Tiefpunkt des Corona-Managements. Sozusagen das pandemische Ausscheiden gegen Südkorea.

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