Die Corona-Erkrankung eines Trainers geht die Öffentlichkeit nichts an

Der Trainer eines Handball-Kreisoberligisten erkrankt an Corona. Eine Lokalzeitung berichtet online darüber. Der Coach sieht daraufhin sein Persönlichkeitsrecht verletzt.

Daran besteht durchaus öffentliches Interesse, deshalb kann dieses Bild auch veröffentlicht werden: Medizinisches Personal in Schutzanzügen wartet am Rollfeld auf die deutsche Handball-Nationalmannschaft, die vor dem Start der derzeit laufenden Weltmeisterschaft 2021 in Ägypten auf dem Flughafen von Kairo gelandet war. Am Fuße der Gangway wird bei Bundestrainer Alfred Gislason die Temperatur gemessen.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Kerstin Lange ist beim Presserat Referentin für Recht und Redaktionsdatenschutz. In der neuesten Ausgabe der "Drehscheibe", herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit dem Projektteam Lokaljournalisten, stellt sie einen aktuellen Fall aus der Rechtssprechung des Gremiums vor. Es geht dabei um ein Thema, das derzeit alles beherrscht: Corona. Und es geht in diesem Zusammenhang um das Persönlichkeitsrecht.

Mit Foto des Trainers

Eine Lokalzeitung hatte online über mehrere örtliche Handballmannschaften berichtet, die von einem coronabedingten Saisonabbruch betroffen sind. Laut Kerstin Lange hieß es dabei unter anderem, ein an Covid-19 erkrankter Trainer sei wieder genesen. Der Mann habe sich allem Anschein nach als Zuschauer eines Handballspiels infiziert, die Ansteckung aber nicht bemerkt und das Virus anschließend im Trainingsbetrieb verbreitet. Zu dem Artikel wurde auch ein Foto des Trainers veröffentlicht, weshalb sich dieser mit einer Beschwerde an den Presserat wandte.

Der Coach sah, wie Kerstin Lange weiter schildert, in der Veröffentlichung Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht und den Schutz der Persönlichkeit. Als Trainer eines Handballteams in der Kreisoberliga sei er keine Person des öffentlichen Interesses. Die Corona-Erkrankung hätte daher nur mit seiner Zustimmung öffentlich gemacht werden dürfen. Die Informationen über weitere Krankheitsfälle in der Mannschaft und verschiedene Ansteckungsorte seien zudem nicht richtig.

Im Pressekodex ist auch der Schutz der Persönlichkeit verankert

Deutschland und die Welt

Redaktion räumt Fehler ein

Die Redaktion, so schreibt Kerstin Lange, habe die Beschwerde für berechtigt gehalten und die Veröffentlichung ausdrücklich bedauert. Sie reagierte auch entsprechend und löschte den Hinweis auf die Erkrankung des Trainers nach dessen Mitteilung von der Website.

Das Ergebnis des Beschwerdeverfahrens fasst Kerstin Lange wie folgt zusammen: "Der Presserat sieht Verstöße gegen die journalistische Sorgfalt nach Ziffer 2 und den Schutz der Persönlichkeit nach Ziffer 8 Pressekodex und spricht einen Hinweis aus. Die identifizierende Berichterstattung über die Erkrankung des Handballtrainers ist ein Eingriff in dessen Persönlichkeitsschutz, der nicht durch ein berechtigtes Informationsinteresse gedeckt ist. Der Ausschuss-Vorsitzende nimmt Bezug auf Richtlinie 8.6. des Pressekodex, nach der Erkrankungen zur Privatsphäre gehören. In der Regel soll über sie nicht ohne Zustimmung des Betroffenen berichtet werden. Außerdem enthielt der Beitrag falsche Tatsachenbehauptungen und verstößt damit gegen die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2. Da die Redaktion die Kodex-Verstöße unverzüglich eingeräumt und den Beitrag gelöscht hat, belässt der Presserat es bei einem Hinweis."

Unter Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) des Pressekodex heißt es unter anderem: "Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen."

Bloße Sensationsinteressen, so die Ziffer 8, rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie auch wirksam sein.

Erkrankungen sind Privatsache

In der Richtlinie 8.6 (Erkrankungen) ist festgehalten: "Körperliche und psychische Erkrankungen oder Schäden gehören zur Privatsphäre. In der Regel soll über sie nicht ohne Zustimmung des Betroffenen berichtet werden."

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