Meinung: Debakel des Westens hinterlässt betrogene Afghanen

Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt, hieß es einmal. Jetzt fliehen die westlichen Truppen hektisch aus Afghanistan. Jürgen Herda kommentiert den Verrat an afghanischen Helfern und Volk.

Wir müssen leider drinnen bleiben: Angesichts des rasanten Vormarschs der Taliban in Afghanistan will die Bundeswehr am Montag mit der Evakuierung deutscher Staatsbürger und afghanischer Ortskräfte aus Kabul beginnen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil
Kommentar

Das Afghanistan-Debakel des Westens macht deutlich, wie viel von den Lippenbekenntnissen zu Menschenrechten und Demokratie zu halten ist: Gar nichts. Die Intervention in diesem seit Jahrzehnten zum Spielball internationaler Machtinteressen degradierten Land hinterlässt nach 20 Jahren ein betrogenes Volk, das schutzlos den Steinzeit-Islamisten ausgeliefert ist.

Erös' Warnungen verhallten

Seit fast ebenso langer Zeit warnt der Oberpfälzer Bundeswehr-Arzt Reinhard Erös, ein in Afghanistan hoch angesehener Entwicklungshelfer, ungehört vor diesem Desaster: Die Taliban, die von den Nachbarstaaten Iran und Pakistan stark gerüstet wurden, sind nicht im Land selbst zu besiegen. Deren Siegeszug kann nun die ganze Region in ein neues Chaos stürzen.

Eine halbe Million Menschen sind bereits als Binnenflüchtlinge vor den Kämpfen unterwegs. Statt panisch abzuziehen, wäre das Einfliegen humanitärer Hilfsgüter das Mindeste, was die Kriegsflüchtlinge jetzt leisten müssten. Stattdessen evakuiert die blamierte Nato-Streitmacht amerikanische und europäische Diplomaten. Die versprochene Rettung der afghanischen Mitarbeiter gerät zu einer Farce wie beim Abzug der Amerikaner aus Vietnam. Erinnerungen an verzweifelte Menschen, die sich an Hubschrauber-Kufen hängen werden wach.

Wenn sich die Bundesregierung - "Deutschlands Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt" - einen Rest an Glaubwürdigkeit erhalten will, muss sie mit gleicher Konsequenz wie bei deutschen Staatsangehörigen alle afghanischen Helfer, ohne die die Bundeswehr handlungsunfähig gewesen wäre, ausfliegen.

Und sie hier mit aller Gastfreundlichkeit aufnehmen. Statt sie in Kategorien - wie direkt bei der Bundeswehr angestellt, über Subunternehmer beschäftigt, sonstige Helfer - einzuteilen und sie hilflos und ratos vor Visa-Stellen im Land oder am Bahnhof in Deutschland ihrem Schicksal zu überlassen.

Der Präsident ist bereits geflohen

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