"Da kann das Gefühl aufkommen, dass das Opfer eigentlich selbst schuld ist"

"Wir brauchen eine neue Sprache für die Verkehrsberichterstattung", fordert der Sozialwissenschaftler Dr. Dirk von Schneidemesser. Kritiker beklagen eine "Windschutzscheiben-Perspektive".

Spurensicherung an einem Lkw, der eine Radfahrerin erfasst und lebensgefährlich verletzt hatte. Wissenschaftler aus Großbritannien und den USA sagen, dass bei der Berichterstattung über Verkehrsunfälle die gewählte Sprache eine wesentliche Rolle für unser Urteil darüber spiele, bei wem die Schuld liegt.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Meldungen der Polizei von Unfällen sind Informationen, die in sogenannten Presseberichten an die Redaktionen geschickt werden. Dort besteht die Neigung, sie nahezu 1 : 1 weiterzugeben, in der Regel ohne eigene Recherche (denn in den meisten Fällen war die Redaktion ja nicht am Unfallort). Das ist von der Rechtsprechung gedeckt. Sie betrachtet die Polizei als privilegierte Quelle. Heißt: In einem juristischen Streitfall wird man der Redaktion zubilligen, dass sie die Informationen der Polizei nicht mehr überprüfen musste. Die Gefahr des Abdrucks nach dem Prinzip "copy and paste" (kopieren und einfügen): Es entstehen Texte, die durchaus zu einer verzerrten Wahrnehmung des Unfallgeschehens führen können.

"Kritiker beklagen zu Recht eine darin vorherrschende Windschutzscheiben-Perspektive", sagt Anton Sahlender, ebenfalls Leseranwalt, und zwar bei der in Würzburg erscheinenden Main-Post. Er ist zugleich Vorsitzender der Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO), der auch Oberpfalz-Medien und der Autor dieses Beitrags angehören. Was diese Perspektive bedeute, beschreibt Sahlender so: Autofahrer "übersehen" oder "sind von der Sonne geblendet", wenn ein Fußgänger oder Radler unter ihr Fahrzeug "gerät" und "sich verletzt", obwohl der schlichtweg von einem Auto umgefahren oder verletzt worden ist. "Da kann das Gefühl aufkommen, dass das Opfer eigentlich selbst schuld ist und damit Autofahrer entlastet werden."

Sprache prägt das Bewusstsein

Mit diesem Phänomen befassen sich auch Wissenschaftler. Einer von ihnen ist Dr. Dirk von Schneidemesser vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. "Wir brauchen eine neue Sprache für die Verkehrsberichterstattung", lautet seine Forderung. Ob "Vierjähriger läuft gegen Auto" oder "Radfahrerin stürzt in abbiegenden Lkw" - die Wortwahl in Polizeimeldungen und Zeitungsartikeln halte die Schuld häufig von Autofahrer:innen fern, schreibt er in einem auf der IASS-Homepage veröffentlichten Beitrag. Auch von Schneidemesser unterstreicht: Das präge das Bewusstsein.

Sozialwissenschaftler von Schneidemesser wartet mit folgendem Beispiel auf: ",Radfahrerin prallt gegen Autotür und zieht sich schwere Kopfverletzungen zu.' Diese Schlagzeile betrifft einen Vorfall in der Kreuzberger Wilhelmstraße, bei mir um die Ecke. Ich kenne die Straße, dort wird man als Radfahrerin schnell angehupt, sobald man den sogenannten ,Radschutzstreifen' verlässt. Dass dieser in der Dooring-Zone liegt - also dem Bereich, in den die Türen von abgestellten Autos hineinragen, sobald sie geöffnet werden - wird in der Berichterstattung nicht erwähnt. Im Artikel wird der Vorgang wie folgt beschrieben: ,Die Frau war demnach mit ihrem Fahrrad gegen die Tür eines ordnungsgemäß geparkten Wagens am Fahrbahnrand der Wilhelmstraße gekracht, als der 43-jährige Autofahrer gerade aussteigen wollte. Die Frau, die auf dem Radstreifen unterwegs war, stürzte zu Boden.'"

Diese Schilderung, so führt von Schneidemesser vor Augen, weise dem Autofahrer eine passive Rolle zu, obwohl dieser es sei, der aktiv falsch und gefährlich handele. Die Erzählung aber lasse keinen Raum dafür, die Schuld bei dem Autofahrer zu sehen, der nicht aufgepasst habe, als er die Tür öffnete. Das, was von Schneidemesser beschreibt, ist eine Täter-Opfer-Umkehr

In Großbritannien und den USA, merkt der Potsdamer Forscher an, hätten Wissenschaftler:innen viel über Berichterstattung zu Verkehrskollisionen geschrieben und die entscheidende Rolle der Sprache, mit der Kollisionen beschrieben werden, für unsere Wahrnehmung analysiert. Sie hätten gezeigt, dass die Sprache eine wesentliche Rolle für unser Urteil darüber spiele, bei wem die Schuld liegt und was für Maßnahmen helfen könnten, Verkehrsgewalt zu minimieren.

Er nutze hier bewusst das Wort "Kollision" anstatt "Unfall", hält von Schneidemesser fest. Denn "Unfall" bedeute: "unvorhersehbares Ereignis (mit Personen- oder Sachschaden), Missgeschick, Unglück". Unvorhersehbar, fragt sich der Wissenschaftler? Mit zwischen 3000 und 4000 im Straßenverkehr getöteten Menschen jährlich über das letzte Jahrzehnt in Deutschland könne die Rede wohl kaum von "unvorhersehbar" sein. Das Wort "Unfall" beschreibe Ereignisse der Verkehrsgewalt so betrachtet schlecht.

"Wir bräuchten eine Formulierungshilfe für Journalist:innen, um in diesem Bereich weiterzukommen", meint Dirk von Schneidemesser. Inzwischen haben britische Forscher:innen publizistische Leitlinien zur Verkehrsberichterstattung veröffentlicht. Darin stehe, dass Journalist:innen bei der Beschreibung von Straßenkollisionen nicht den Begriff "Unfall" verwenden sollten - "Kollision" oder "Zusammenprall" seien zutreffender, insbesondere, wenn die Fakten nicht bekannt sind.

Davon, fügt von Schneidemesser hinzu, könnten wir uns in Deutschland eine Scheibe abschneiden, damit wir künftig nicht mehr in der Zeitung so was lesen müssten wie "Vierjähriger läuft gegen Auto" oder "45-jährige Radfahrerin stürzt in abbiegenden Lkw".

Wörter können verharmlosen

"Wie Polizeimeldungen Autounfälle verharmlosen": Unter dieser Überschrift befasste sich Berlin-Redakteur Stefan Jacobs im "Tagesspiegel" ebenfalls mit dem Thema. Jacobs verweist auf den gelernten Stadtplaner und Journalisten Roland Stimpel vom Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS). Er teile die Kritik an der Formulierung vieler Polizeimitteilungen. So ist für Stimpel "erfassen" und "touchieren" eine Verharmlosung für "rabiates Rammen oder Überfahren". "Nach unseren Maßstäben sind Presseinformationen, insbesondere schriftliche Pressemitteilungen, sachlich zu halten und müssen objektive Fakten wiedergeben. Wertende oder dramatisierende Äußerungen, wie zum Beispiel ,rabiates Rammen', entsprechen nicht dem Gebot der Sachlichkeit und sollten daher unterbleiben", entgegnet Florian Beck von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberpfalz.

Die Thematik hat auch den Deutschen Presserat mehrfach beschäftigt. So habe dieser Jacobs zufolge die Meldung eines Bonner Online-Portals mit der Überschrift "45-jährige Radfahrerin stürzt in abbiegenden Lkw" als Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht gewertet, weil eine Schuld der Radfahrerin suggeriert werde, der ein rechts abbiegender Lkw die Vorfahrt genommen hatte. Im Pressekodex heißt es in der Richtlinie 11.3 (Unglücksfälle und Katastrophen): "Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden."

Mit einem Fall aus Hannover hatte der Presserat laut Jacobs hingegen kein Problem: "Ein Radfahrer war in einer Baustelle von einem überholenden Auto gerammt und schwer verletzt worden. In der Meldung stand gleich zwei Mal, dass der Radfahrer keinen Helm trug - und erst im letzten Satz, dass der Autofahrer den Unfall verursacht hatte. Damit seien die Fakten korrekt wiedergegeben worden, befand der Presserat."

Gudrun Kirfel (NDR-Medienmagazin Zapp) lässt in "Polizeimeldungen: Schuldlose Autofahrer?" den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin zu Wort kommen. Er moniert: Formulierungen wie "konnte nicht mehr bremsen" seien vor der kriminaltechnischen Untersuchung eine willkürliche Annahme. Habe der Autofahrer objektiv nicht mehr bremsen können? Oder sei er abgelenkt, mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs gewesen? Solange die Polizei das nicht wisse, sollte sie solche Formulierungen nicht verwenden, sagt Stefanowitsch.

Polizei: "Unfall" ist okay

Polizeisprecher Beck verweist darauf, dass die polizeiliche Berichterstattung immer den aktuellen Ermittlungsstand wiedergebe und dementsprechend formuliert sein sollte. "Wenn also die festgestellte Unfallursache nach vorläufigem Stand beispielsweise das Übersehen eines anderen Verkehrsteilnehmers ist, so kann dies entsprechend so angeführt werden", bekräftigt Hauptkommissar Beck. Wäre die polizeiliche Berichterstattung an das endgültige Ermittlungsergebnis beziehungsweise den Verfahrensabschluss geknüpft, so würden Infos ja teilweise um Wochen verzögert an die Medien gehen.

Zur von Dirk von Schneidemesser geäußerten Kritik am Gebrauch des Wortes "Unfall" sagt Florian Beck: "Dieser Begriff wird als Kurzform des Verkehrsunfalls verwendet. Ein Verkehrsunfall ist per Definition ein plötzliches, zumindest von einem der Beteiligten nicht gewolltes Ereignis, das im ursächlichen Zusammenhang mit dem öffentlichen Straßenverkehr und seinen Gefahren steht und zu einem nicht gänzlich belanglosen fremden Sach- oder Körperschaden führt. Insofern erschiene es zumindest fragwürdig, wenn die Polizei davon abweichen würde."

Hintergrund:

Verkehrsunfälle in der Oberpfalz

  • Jährlich über 30 000.
  • Im Jahr 2020 waren es 31 386.
  • 3745 mit Personenschaden.
  • 21 149 im Kurzaufnahmeverfahren (z. B. Parkunfälle).

(Quelle: Polizeipräsidium Oberpfalz)

Verkehrsberichterstattung kann durchaus problematisch sein

Oberpfalz

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