Pandas sind uns nicht wichtiger als Schüsse auf einen unbewaffneten schwarzen Amerikaner

Oben auf der Zeitungsseite eine Tiergeschichte, unten ein Artikel über die Proteste nach den Schüssen auf einen schwarzen Amerikaner. "Haben zwei Pandas einen höheren Stellenwert als Menschen?", fragt sich eine junge Leserin.

Black Lives Matter – schwarze Leben zählen, schwarze Leben sind wichtig – steht auf dem T-Shirt dieses Demonstranten in Kenosha, USA. Er hat sich vor Polizisten postiert. Mehrere Schüsse in den Rücken des schwarzen Amerikaners Jacob Blake bei einem Polizeieinsatz im US-Bundesstaat Wisconsin haben Entsetzen und Proteste ausgelöst.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Aileen Stubenvoll ist "schockiert" und "empört", als sie am Mittwoch, 26. August, die Sulzbach-Rosenberger Zeitung aufschlägt. Der Grund: "In Ihrer Rubrik ,Weltgeschehen' ist der Hauptartikel, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass zwei Pandas in dem Berliner Zoo Geburtstag haben. Was ebenfalls in der Welt geschah: Wieder einmal wurde ein schwarzer Bürger in den USA angeschossen."

Auf dieser Zeitungsseite, so meint die Leserin, könne man sofort den Größenunterschied der beiden Artikel erkennen. Die Geschichte "Pit und Paule feiern Geburtstag" trage eine wesentlich größere Überschrift, sie sei zudem deutlich länger als der Beitrag "Proteste nach Schüssen auf Schwarzen", der, so empfindet es Aileen Stubenvoll "auf den unteren Rand der Seite gepresst wurde".

"Liegt es an meiner Hautfarbe?"

Zeitungsinhalte bieten immer wieder Diskussionsstoff

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"Da stellt sich mir die Frage", schrieb die junge Frau in ihrer Mail an die Redaktion, "haben Tiere in unserer Gesellschaft einen höheren Wert als das Leben und die Benachteiligung von Menschen? Man könnte argumentieren, dass der schwarze Mann (...) weiter entfernt ist als die zwei Pandas. Ja, er wurde in den USA angeschossen. (...) Doch nur, weil das Geschehen lokal weiter entfernt ist, bedeutet das nicht, dass das Problem - Rassismus des Systems - ebenso nicht in Deutschland existiert."

Aileen Stubenvoll verriet der Redaktion auch einiges über sich selbst: "Ich bin eine gebürtige Sulzbach-Rosenbergerin, 20 Jahre alt, und studiere Religions- und Literaturwissenschaft. Zudem bin ich selbst dunkelhäutig, jedoch europäisch sozialisiert." Vielleicht denke jetzt mancher, es sei verständlich, dass sie dieses Thema besonders interessiert. Aber es gehe alle an. "Denn Rassismus existiert ebenso in Deutschland, wie in den USA. Er wird nicht von Ländergrenzen gestoppt und ist selbst in unserer bayerischen Kleinstadt Sulzbach aufzufinden. Natürlich möchte ich das Problem des systematischen Rassismus in Deutschland nicht gleichstellen mit der Ausprägung in den USA, dennoch ist er genug ausgebreitet, dass sich mir des Öfteren die Frage in meinem Leben gestellt hat: Liegt es an mir oder doch an meiner Hautfarbe?"

Appell an die Redaktion

Aileen Stubenvoll bat uns, auch einmal darüber nachzudenken, dass wir mit unserer Zeitung "besonders eine ältere Zielgruppe" ansprächen. Im Gegensatz zur jüngeren Generation sei diese meist nicht im Internet unterwegs und kenne "keinen #blackouttuesday oder weitere antirassistische Bewegungen". "Daher ist es Ihre Aufgabe, liebe Redaktion, besonders den älteren Menschen den Stellenwert von Gleichberechtigung im 21. (!) Jahrhundert nahezubringen." Dies erreiche man nicht, wenn ihnen vermittelt werde, "dass Tiere einen höheren Stellenwert haben als dunkelhäutige Menschen".

Falls die Redaktion nun entgegnen wolle, dass das Thema Rassismus in den letzten Wochen oftmals in der Zeitung aufgegriffen worden sei, dann, so Aileen Stubenvoll, könne sie dazu nur sagen: "Zu oft gibt es in dem Themenbereich Rassismus nicht, solange keine Gleichstellung existiert. Solange nicht alle Menschen in Deutschland gleich behandelt werden, solange es nicht egal ist, ob man hell- oder dunkelhäutig ist, solange ist es Ihre Aufgabe als Medium, den Menschen dies zu vermitteln. Nicht nur an den Tagen, an denen der Hype einen dazu zwingt, ein schwarzes Bild auf Instagram oder dem Facebook-Profil zu posten."

Frank Stüdemann, Redakteur in unserer Zentralredaktion, antwortete der Leserin, dass er ihre Kritik "gut nachvollziehen" könne. Die Gewichtung unserer Artikel, so räumte er durchaus ein, "mag aus der einen oder anderen Perspektive immer wieder schwer nachzuvollziehen sein. Auf der heutigen Seite 10 ,Weltgeschehen' (27. August) haben wir beispielsweise als großen Artikel (,Aufmacher') das Sturmtief Kirsten über Deutschland, bei dem relativ wenig passiert ist - aber die 100 Toten bei einer Sturzflut in Afghanistan ,nur' als kurze Meldung in der Randspalte. Manchmal zählt, was ,näher' an den Leserinnen und Lesern ist."

Tatsache sei, fuhr Frank Stüdemann in seiner Erläuterung fort, dass die Gewichtung einer solchen Seite zwar in der Redaktionskonferenz morgens grob abgesprochen wird, die Umsetzung aber letztlich an dem Redakteur oder der Redakteurin liegt, der oder die die Seite betreut ("In diesen Fällen war das ich"). Und dafür habe er gewisse Rahmenbedingungen:

"Es kann an jedem Tag auf dieser Seite immer nur einen Aufmacher geben, also müssen alle anderen Themen, die mir wichtig sind, zwangsläufig kleiner gefahren werden. Das heißt dann aber nicht, dass sie weniger wichtig sind. Es ist nur eben nicht genug Platz, um alles groß zu fahren."

"Die Seite ,Weltgeschehen‘ ist die einzige Seite, auf der wir von der oft bedrückenden Nachrichtenlage abweichen können und auch mal Themen größer fahren können, die eher der Unterhaltung dienen, etwa Promi-Geschichten oder, wie in diesem Fall, Tiergeschichten. Die Nachrichtenagenturen versorgen uns täglich mit jeder Menge Gerichtsprozessen, in denen es um Mord, Totschlag, Missbrauch und Vergewaltigung geht. Diese Texte ignorieren wir oft und geben etwas ,leichteren‘ Themen den Vorzug. Wie gesagt: Unser Platz ist endlich, wir können nicht alles berichten, was in der Welt passiert."

Intern auch mal Streitthema

"Daher ist der Schluss, dass uns Pandas wichtiger sind als Schüsse auf einen unbewaffneten schwarzen Amerikaner, nicht richtig", unterstrich Stüdemann, "und schon gar nicht, dass wir damit die Haltung der hiesigen Bevölkerung wiedergeben. Wir hatten das Thema Kenosha bereits am Vortag auf der Seite, auch nicht als ,Aufmacher', aber es war im Blatt. Auch in der morgigen Freitagsausgabe (28. August) ist das Thema wieder präsent, diesmal als ,Aufmacher' mit einem ausdrucksstarken Bild. In der Samstagsausgabe ist es dann vielleicht ,nur' wieder ein kleinerer Text, falls es nachrichtlich nicht viel Neues zu diesem Fall gibt. Wir müssen das immer von Tag zu Tag entscheiden, und nicht immer liegen wir dabei richtig. Oft ist die Gewichtung der Inhalte auch intern ein Streitthema, weil manchmal jede Kollegin und jeder Kollege dazu eine andere Meinung hat und es anders gemacht hätte."

Geschichte über Alltagsrassismus

Frank Stüdemann wies zudem darauf hin, dass wir auch über den Tod von George Floyd und die folgenden Proteste mehrfach und immer wieder berichtet und auch dazu kommentiert haben. "Vor einigen Wochen hatten wir auf drei Seiten im Wochenendmagazin die Geschichte der Oberpfälzerin Amba Kohlschmidt, die von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus berichtet. Das hat sicher nicht allen Leserinnen und Lesern in dieser Größe ,geschmeckt'. Umso wichtiger, dass wir es gemacht haben."

Das Thema werde von der Redaktion also nicht unter den Teppich gekehrt, nur weil es oft um die USA geht, wenn von Rassismus gesprochen wird. "Wir sagen aber auch nicht: Jetzt ist es aber mal genug, das Thema ist zu präsent."

Abschließend versicherte Frank Stüdemann der Leserin: "Natürlich nehmen wir Ihre Anregung gerne auf und werden versuchen, das Thema Rassismus nicht nur dann aufzugreifen, wenn es die Nachrichtenlage erforderlich macht." Es werde allerdings immer auch andere wichtige Themen geben, die anderen Leserinnen und Lesern am Herzen liegen - und auch die gelte es zu berücksichtigen.

Amba Kohlschmidt erzählt von negativen Erfahrungen, die sie im Alltag machen muss

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