Presserat rüffelt Redaktionen, die sich nicht an die ethischen Standards gehalten haben

Der Deutsche Presserat hat über ein Dutzend Rügen gegen Redaktionen ausgesprochen. Unter anderem ging es um Verletzungen des Opferschutzes, Diskriminierung und Vorverurteilung. Sechs Rügen betrafen den Onlineauftritt der "Bild".

„Covid“ steht auf einem der Särge in einem Dresdener Krematorium. Für einen irreführenden Bericht über die Corona-Todesstatistik des Robert-Koch-Instituts (RKI) hat sich „Bild.de“ eine von gleich mehreren Rügen des Presserats eingehandelt.
  • CSU-Funktionsträger schreibt "wohlwollendes" Porträt über CSU-Bürgermeister

Wegen eines schwerwiegenden Verstoßes gegen das Gebot zur Trennung von Tätigkeiten gemäß Ziffer 6 des Pressekodex wurde die "Mittelbayerische Zeitung" gerügt. Die Redaktion ließ unter der Überschrift "Wenn spät im Rathaus Licht ist" einen Autor, der gleichzeitig Schriftführer im CSU-Ortsvorstand war, ein nach Ansicht des Beschwerdeausschusses "überaus wohlwollendes Porträt" über den der CSU angehörenden Bürgermeister der Gemeinde schreiben. In der Partei-Tätigkeit des Autors ist laut Presserat eine Doppelfunktion gemäß Ziffer 6, Richtlinie 6.1 zu sehen. Die Redaktion hätte entsprechend auf eine strikte Trennung der Funktionen achten müssen. Entweder hätte ein anderer Mitarbeiter für die Berichterstattung eingesetzt werden müssen, oder aber man hätte den Lesern zumindest den offensichtlichen Interessenskonflikt des eingesetzten Autors offenlegen müssen.

  • Prozessbericht schürt rassistische Vorurteile

Die "Ludwigsburger Kreiszeitung" erhielt eine Rüge für einen Prozessbericht über Stalking. Unter der Schlagzeile "Verliebter Afghane vor Gericht" hatte die Redaktion die Herkunft des Angeklagten mehrfach im Text benannt und auch in der Überschrift hervorgehoben. Die Herkunftsnennung trage nicht zum Verständnis des Geschehens bei und sei dazu geeignet, rassistische Vorurteile zu schüren, befand der Presserat. Ein begründetes öffentliches Interesse an der Nennung der Herkunft habe nicht bestanden. Die Redaktion hat damit die Grenze zur Ziffer 12, Richtlinie 12.1 des Pressekodex verletzt.

  • Vorverurteilung trotz Freispruch in Berliner Strafprozess

"B.Z." und "bz-berlin.de" erhielten eine Rüge für eine vorverurteilende Berichterstattung über einen Strafprozess in Berlin. Dem Angeklagten war vorgeworfen worden, das Auto eines Politikers angezündet zu haben. Obwohl er freigesprochen wurde, titelte die "B. Z.": "Extremisten-Krieg in Neukölln - Hat linker Wirrkopf rechtem Wirrkopf das Auto abgefackelt?". Auf den Freispruch wies die Redaktion lediglich in einem kleinen Kasten hin. Die Überschrift stellte nach Ansicht des Beschwerdeausschusses eine Vorverurteilung nach Ziffer 13, Richtlinie 13.1 des Pressekodex dar, weil das Gericht keine Schuld des Angeklagten festgestellt hatte. Die Bezeichnung "Wirrkopf" wertete der Ausschuss als ehrverletzend. Zudem wurden persönliche Details des Angeklagten genannt, die ihn für einen weiteren Personenkreis identifizierbar machten. Damit lag ein Verstoß gegen den Persönlichkeitsschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.1 des Pressekodex vor.

  • Gewinnspiel mit dem Ziel, Einfluss auf das Kommunikationsverhalten des US-Präsidenten zu nehmen

"Bild.de" wurde für ein Gewinnspiel zur US-Präsidentenwahl gerügt. Die Redaktion hatte unter der Überschrift "10 000 Dollar Cash für einen Retweet von Trump" (nach Kritik war die Aktion auf den Herausforderer Biden erweitert worden) offeriert: "Wer in der US-Wahlnacht einen Tweet absetzt und von US-Präsident Donald Trump retweetet wird, kann von BILD 10 000 US-Dollar kassieren!" Der Beschwerdeausschuss sah darin eine Aufforderung, das Kommunikationsverhalten eines Amtsträgers zu beeinflussen. Eine solche Aktion gehöre nicht zu den Aufgaben der Presse und stelle einen schweren Verstoß gegen die in der Präambel des Pressekodex festgeschriebenen ethischen Grundsätze dar, der geeignet ist, das Ansehen der Presse zu beschädigen.

  • Corona-Statistik des Robert- Koch-Instituts falsch dargestellt

"Bild.de" erhielt eine Rüge für einen irreführenden Bericht über die Corona-Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI). Der Beitrag mit der Überschrift "Experten sicher: RKI-Zahlen stimmen nicht - es sterben weniger Menschen als täglich gemeldet" erwähnte zwar, dass die Daten der Gesundheitsämter zu Corona-bedingten Todesfällen das RKI erst mit einer Verspätung von etwa drei Wochen erreichten. Nach Auffassung des Beschwerdeausschusses legte die Überschrift aber nahe, dass die Statistiken des RKI sachlich falsch seien und die Gefahr durch Corona-Infektionen geringer sei als angenommen. Die Überschrift verstieß gegen Ziffer 1 des Pressekodex, die Redaktionen zur Wahrung des Ansehens der Presse und Achtung der Wahrheit verpflichtet. Zudem verletzte sie Ziffer 14 des Pressekodex, wonach bei der Berichterstattung über medizinische Themen eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden ist, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen erwecken könnte.

  • Opfer einer Sexualstraftat wurde erkennbar

Die "Volksstimme" erhielt eine Rüge für einen Gerichtsbericht. Die Redaktion hatte im Blatt und online über eine schwere Sexualstraftat berichtet und den abgekürzten Namen des jugendlichen Opfers genannt. Dadurch wurde das Opfer, das in einer Kleinstadt lebt, vor allem in seinem näheren Umfeld identifizierbar. Die Redaktion hätte auf mögliche Folgewirkungen der Berichterstattung für das Opfer Rücksicht nehmen und es anonymisieren müssen, betonte der Presserat. Es sei der Schutz der Persönlichkeit nach Ziffer 8 des Kodex in Verbindung mit Richtlinie 8.2 (Opferschutz) verletzt worden. Ein öffentliches Interesse an einer Identifizierbarkeit habe nicht bestanden. Der Presserat ergänzte: "Um dem Opfer kein weiteres Leid zuzufügen, ist diese Rüge nichtöffentlich. Daher ist die Zeitung hier nicht zum Abdruck der Rüge verpflichtet."

  • Vergrößertes Porträtfoto von Unfall-Gedenkort veröffentlicht

"Bild am Sonntag" und "Bild.de" kassierten eine Rüge für die Berichterstattung über einen tödlichen Verkehrsunfall. Unter der Überschrift "Drogendealer rast Polizisten-Paar tot" hatte die Redaktion ein abfotografiertes Porträtbild veröffentlicht, das Angehörige an der Unfallstelle zum Gedenken an das getötete Paar aufgestellt hatten. Grundsätzlich sei die Abbildung solcher Unfall-Gedenkorte zulässig, unterstrich der Beschwerdeausschuss. Für die Veröffentlichung des herangezoomten Porträts hätte die Redaktion laut Kodex-Ziffer 8, Richtlinie 8.2 aber eine Erlaubnis der Angehörigen einholen müssen. Denn das Aufstellen eines Fotos zum Gedenken an Verstorbene bedeute nicht automatisch eine Einwilligung in eine Presseveröffentlichung.

  • Opferfoto einem sozialen Netzwerk entnommen

Für die identifizierbare Abbildung eines Opfers eines Gewaltverbrechens bekam "Bild.de" eine Rüge. Die Redaktion hatte unter der Überschrift "Jana (19) erstochen im Auto" ein Porträtfoto der jungen Frau gezeigt, welches sie einem sozialen Netzwerk entnommen hatte. Die Redaktion verstößt mit der nicht anonymisierten Abbildung gegen den Schutz der Persönlichkeit des Opfers nach Ziffer 8 in Verbindung mit Richtlinie 8.2 des Kodex, nach der die Identität eines Opfers besonders zu schützen ist. Für das Verständnis des Tathergangs sei das Wissen um dessen Identität unerheblich, so der Presserat. Dass das Opfer mit diesem Foto in einem sozialen Netzwerk angemeldet war, sei demnach nicht mit einer Einwilligung zur Veröffentlichung dieses Fotos in der Berichterstattung gleichzusetzen.

  • Redaktion berichtet identifizierend über ermordetes Ehepaar

"Bild.de" wurde wegen eines schweren Verstoßes gegen den Schutz der Persönlichkeit nach Ziffer 8 des Pressekodex gerügt. Die Redaktion hatte unter der Überschrift "Lehrer-Paar (69, 70) in Heide-Villa ermordet" über ein Tötungsdelikt berichtet und die Opfer durch ein unverpixeltes Foto sowie persönliche Informationen, insbesondere über den Wohnort, identifizierbar gemacht. Die Redaktion hatte gegenüber dem Presserat angegeben, das Foto von Nachbarn erhalten zu haben. Der Beschwerdeausschuss betonte, dass Namen und Fotos von Opfern gemäß Richtlinie 8.2 des Pressekodex nur dann veröffentlicht werden dürfen, wenn Angehörige oder sonstige befugte Personen dem zugestimmt haben. Nachbarn zählten grundsätzlich nicht zu diesem befugten Personenkreis.

  • Opferfoto nicht verpixelt

Einen weiteren schweren Verstoß gegen den Opferschutz erkannte der Ausschuss ebenfalls bei "Bild.de" in der Berichterstattung unter der Überschrift "In diesem Auto ertranken Vater (43) und Sohn (9)". Der Beitrag beschreibt einen Autounfall, bei dem Vater und Sohn ums Leben kamen. Die Redaktion hatte neben das Foto mit dem von der Feuerwehr geborgenen Autowrack ein Porträtfoto des verstorbenen Vaters eingeklinkt. Der Presserat hielt die Darstellung des Verstorbenen für einen schweren Verstoß gegen den Opferschutz nach Richtlinie 8.2 des Kodex. Eine Einwilligung für die Veröffentlichung des Fotos seitens der Angehörigen lag nicht vor. Das Opfer hätte verpixelt werden müssen.

  • Anti-Corona-Bonbons: Redaktion hätte das Wirkversprechen hinterfragen müssen

Die Online-Ausgabe der "Neuen Osnabrücker Zeitung" wurde wegen gravierender Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex und die besonderen Anforderungen an die Medizin-Berichterstattung nach Ziffer 14 gerügt. Die Redaktion hatte unter der Überschrift "Fraunhofer-Institut: Extrakt aus Glandorf wirkt gegen Coronavirus" lediglich auf Grundlage eines vorab veröffentlichten Manuskripts über eine Studie zur Wirksamkeit des "Cystus Pandalis-Extrakts" berichtet. Die Untersuchung habe die antivirale Wirksamkeit beweisen können, heißt es im Manuskript.

"Der Artikel ließ - insbesondere angesichts der dünnen Quellenlage - die notwendige journalistische Distanz vermissen", kritisiert der Beschwerdeausschuss des Presserats. So habe beispielsweise eine Einordnung durch einen unabhängigen Experten nicht stattgefunden. Stattdessen formulierte die Redaktion insbesondere in der Überschrift ein Wirkversprechen für die frei verkäuflichen Lutschpastillen, das geeignet gewesen sei, bei den Lesern unbegründete Hoffnungen zu wecken.

Leserin wirft kritischen Blick auf den Presserat

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