Presserat rügt Berichterstattung von "Bild.de" über Boatengs Ex-Partnerin

In der Rügen-Rangliste des Presserats steht "Bild" einsam an der Spitze. Nun wurde das Boulevard-Medium schon wieder kräftig gerüffelt - und das gleich sieben Mal.

Nach Auffassung des Presserats hätte „Bild.de“ weder den Alkoholismus-Vorwurf von Kasia Lenhardts Ex-Partner Jérôme Boateng (Bild) noch den Chatverlauf des Models mit einer anderen ehemaligen Freundin des Fußballers veröffentlichen dürfen.

(nt/az) Der Deutsche Presserat hat in der vergangenen Woche insgesamt 17 Rügen ausgesprochen, 9 sind in diesem Text zusammengefasst. Eine der Trägerorganisationen des Presserats, der freiwilligen Selbstkontrolle der Printmedien, ist übrigens der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV). Präsident seit 2016: Dr. Mathias Döpfner, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, der Verlagsgruppe, die unter anderem "Bild" herausgibt.

Behauptung über Kasia Lenhardt verletzt den Persönlichkeitsschutz

"Bild.de" wurde gerügt für eine Äußerung in einem Interview mit Jérôme Boateng über dessen Trennung von seiner Partnerin Kasia Lenhardt. Unter der Schlagzeile "Boateng rechnet mit seiner Ex ab" behauptete der Fußballprofi, Lenhardt habe Alkoholprobleme. Körperliche und psychische Erkrankungen gehörten nach Ziffer 8, Richtlinie 8.6 des Pressekodex jedoch zur Privatsphäre, über die nicht ohne Zustimmung der Betroffenen berichtet werden solle, unterstrich der Presserat. Die Redaktion habe nach eigenen Angaben Lenhardt zwar mit dem Interview konfrontiert, jedoch keine Äußerung dazu von ihr erhalten. Die Redaktion "hätte daher ihrer Eigenverantwortung nachkommen müssen und auf die Veröffentlichung des unbelegten Alkoholismus-Vorwurfs verzichten sollen", zumal dieser dazu geeignet gewesen sei, die persönliche Ehre der Betroffenen nach Ziffer 9 des Pressekodex zu verletzen.

Privater Chat nicht von öffentlichem Interesse gedeckt

Eine weitere Rüge erhielt "Bild.de" für die Veröffentlichung eines Chats zwischen Kasia Lenhardt und einer anderen ehemaligen Partnerin von Jérôme Boateng. Unter der Überschrift "Die privaten Nachrichten von Kasia an Boatengs Ex" zeigte die Redaktion offenbar private Sprachnachrichten Lenhardts, welche die ehemalige Freundin von Boateng auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht hatte. Weder habe an den Chats ein überwiegendes öffentliches Interesse bestanden noch sei eine ausdrückliche Einwilligung Lenhardts in die Veröffentlichung durch "Bild.de" vorgelegen, monierte der Presserat. Damit habe die Redaktion die informationelle Selbstbestimmung der Betroffenen nach Ziffer 8 des Pressekodex verletzt. Das Model Kasia Lenhardt war am 9. Februar in Berlin tot aufgefunden worden.

Den Experten falsch zitiert

"Bild" wurde für einen Verstoß gegen das Gebot zur Wahrhaftigkeit nach Ziffer 1 des Pressekodex gerügt. Die Redaktion hatte unter der Überschrift "'Bild Live ist die Stimme des Volkes'" über einen Aufsatz eines Politikexperten berichtet, der sich mit dem Format "Bild Live" befasste. Der Experte habe darin den Erfolg des TV-Formats auf "Bild.de" gewürdigt, heißt es im Artikel. Die Überschrift ist als wörtliches Zitat markiert. Tatsächlich hatte der Zitierte jedoch geschrieben: "Hier artikuliert sich die zugrundeliegende aggressive, fast schon inquisitorische Geisteshaltung - 'Bild live' als die Stimme des Volkes gegen die Politikerkaste." Darin sah der Beschwerdeausschuss einen gravierenden Verstoß gegen das Gebot zur wahrhaftigen Wiedergabe wörtlicher Zitate. Zudem suggeriere der Artikel, der Zitierte habe sich anerkennend über das TV-Format geäußert. Tatsächlich habe er jedoch eine erkennbar kritische Haltung zu "Bild Live" eingenommen.

Interessenskonflikt eines Autors findet Fortsetzung

"Palstek" wurde für einen schweren Verstoß gegen die in Ziffer 6 des Pressekodex festgeschriebene Pflicht zur strikten Trennung von Tätigkeiten sowie für einen Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 gerügt. Das Fachmagazin, so der Presserat, sei in der Vergangenheit bereits gerügt worden, weil dort ein Autor über Tests von Produkten berichtet habe, die er als Inhaber eines Fachhandels zum Teil selbst vertreibe. Da die Redaktion an dieser Praxis weiterhin festgehalten habe, sei es nun erneut zu einer Rüge gekommen. Zudem habe das Magazin in einem Produkttest angegeben, ein angefragter Hersteller habe sein Produkt nicht zur Verfügung stellen können. "Tatsächlich hatte der Hersteller gegenüber der Redaktion deutlich gemacht, dass er aufgrund der anzunehmenden Interessenkonflikte des Autors auf eine Teilnahme am Test verzichtet", verdeutlicht der Presserat. Die im Artikel gemachte Angabe bewertete er daher als grobe Irreführung der Leser.

Daniel Küblböck für lebendig erklärt

"Intouch.wunderweib.de" erhielt eine Rüge für die Berichterstattung unter der Überschrift "Daniel Küblböck lebt: Jetzt kommt alles raus". Der Beschwerdeausschuss kritisierte die Titelzeile als Clickbaiting. Die Schlagzeile erwecke den Eindruck, dass der bekannte Sänger, der vor mehr als zwei Jahren auf einer Kreuzfahrt auf hoher See verschollen war, noch lebe, wovon im zugehörigen Artikel nicht mehr die Rede sei. Im Text selbst gehe es vielmehr um die juristische Frage, ob Küblböck gerichtlich für tot erklärt wird. Die Überschrift sei nicht vom Artikel gedeckt und verletze die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex. Dieses Klickködern schade zudem dem Ansehen der Presse nach Ziffer 1, da mit der Erwartungshaltung der Leserinnen und Leser gespielt werde und diese bewusst in die Irre geführt würden.

Betroffene eines erweiterten Suizids gezeigt

"Bild.de" und "Bild am Sonntag" wurden gerügt für Berichte über einen erweiterten Suizid, bei dem ein Mann seine Frau, Kinder und Schwiegermutter umgebracht hatte. Unter der Überschrift "Der Soldat, der seine Familie in Radevormwald auslöschte: Daniel K. ließ nur die Hunde leben" zeigte die Redaktion laut Presserat unverpixelte Bilder des Täters und der getöteten Familienmitglieder, ohne sich vorher die Einwilligung von Angehörigen eingeholt zu haben. Nur weil Fotos in den sozialen Netzwerken frei zugänglich sind, seien sie nicht automatisch Material für die Berichterstattung, betonte der Presserat. Die Veröffentlichung verstoße damit gegen den Opferschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2. und 8.3 des Pressekodex. Das Gesicht des Täters hätte ebenfalls nicht gezeigt werden dürfen, da an dessen Identität kein überwiegendes öffentliches Interesse bestanden habe.

Porträtfoto eines minderjährigen Opfers von Polizeigewalt veröffentlicht

"Bild.de" erhielt eine Rüge für die Abbildung einer 15-Jährigen, die in den USA von der Polizei erschossen worden war. Das Porträtfoto hatte die Redaktion offensichtlich ohne Einwilligung der Angehörigen veröffentlicht und damit den Opferschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2 des Pressekodex verletzt. Kinder und Jugendliche dürften zudem nach Richtlinie 8.3 in der Berichterstattung über Straftaten in der Regel nicht identifizierbar sein, hob der Presserat hervor. In dem Artikel unter der Überschrift "US-Cop erschießt 15-Jährige vor laufender Kamera" und dem dazugehörigen Video ging es um eine Auseinandersetzung mehrerer Personen mit der Polizei. Die gezeigten Szenen an sich, fügte der Presserat hinzu, seien vom öffentlichen Interesse gedeckt, da sie einen Fall von Polizeigewalt in den USA dokumentierten.

Foto von 14-jährigem Opfer wiederholt gezeigt

"Bild.de" wurde gerügt für einen Bericht unter der Überschrift "Wenn Kinder Kinder töten", der sich mit Gewaltverbrechen unter Minderjährigen befasste. Gezeigt wurde das Foto eines 14-Jährigen, der Opfer einer Messerattacke geworden war. Die Redaktion verwies darauf, dass dessen Mutter der Veröffentlichung dieses Fotos damals zugestimmt habe. "Diese Zustimmung gilt jedoch nur für die konkrete Berichterstattung. Für den aktuellen Bericht hätte die Redaktion die Mutter erneut um Erlaubnis fragen müssen", kritisierte der Beschwerdeausschuss - zumal nach Ziffer 8, Richtlinie 8.3 für Kinder und Jugendliche besonders strenge Regeln beim Opferschutz gelten würden und diese in der Regel bei Berichten über Straftaten überhaupt nicht identifizierbar werden dürften.

Opfer-Foto von Facebook übernommen

"Bild.de" wurde gerügt für die Übernahme eines Porträtfotos einer getöteten Frau von deren Facebook-Account. Unter der Überschrift "Marvin K. (24) in Holland festgenommen!" hatte die Redaktion über den gewaltsamen Tod einer Frau berichtet. Eine Einwilligung der Angehörigen zur Veröffentlichung des Fotos sei jedoch nicht vorgelegen. "Damit verstieß die Redaktion gegen den Opferschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2 des Pressekodex", urteilte der Presserat.

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