Prügelnde Pressefeinde

Vom Fahrrad gezerrt, getreten und geschlagen: Nach einem Angriff aus der Querdenker-Szene landet ein Medien-Gewerkschafter im Krankenhaus. Pressefeinde schrecken offensichtlich vor nichts mehr zurück.

Am vergangenen Wochenende war es bei ungenehmigten Protesten der sogenannten Querdenker in Berlin zu Ausschreitungen gekommen. Es gab rund 600 Festnahmen.

Es waren Tausende von Menschen, die sich am vergangenen Sonntag in Berlin überhaupt nichts darum scherten, dass die Querdenker-Demos eigentlich verboten worden waren. Aus einem der Demonstrationszüge heraus wurde dann ein Medien-Gewerkschafter angegriffen. Es handelte sich um einen hochrangigen Vertreter der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju), den Landesgeschäftsführer für Berlin-Brandenburg, Jörg Reichel. Jetzt ermittelt die Polizei wegen gefährlicher Körperverletzung und weiterer Straftaten.

Auch die Bundesregierung hat sich zu dieser Gewalttat geäußert. Der Angriff sei absolut unverständlich und zu verurteilen, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer. Sie sprach von einem "Missbrauch des Demonstrationsrechts". Laut Berliner "Tagesspiegel" wurde Reichel von Teilnehmern einer Querdenken-Demonstration vom Fahrrad gezerrt, getreten und geschlagen. Er musste danach im Krankenhaus behandelt werden. Die Täter hätten nur durch das Eingreifen von Passanten von ihm abgelassen, hieß es. Reichel habe Verletzungen an Schulter und Beinen erlitten.

Auch der Bundesvorstand, der Landesverband Berlin-Brandenburg und die dju-Bundesgeschäftsführung der Gewerkschaft ver.di verurteilten den Angriff scharf. "Diese brutale Gewalttat zeigt überdeutlich, dass es bei den sogenannten Querdenker-Demos nicht um Kritik und Meinungsfreiheit geht, sondern um eine Ansammlung von Feinden der Demokratie", erklärte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz. Sicherheitsorgane und Behörden dürften die "selbsternannten Querdenker nicht länger als Impfkritiker verharmlosen". "Wir erwarten, dass diese Gewalttat mit Nachdruck aufgeklärt und die Täter vor Gericht gestellt werden", betonte Frank Wolf, ver.di-Landesbezirksleiter für Berlin-Brandenburg. Solche Taten seien besonders schwerwiegend, wenn sie gezielt gegen einzelne Personen begangen werden. "Wir werden alles daran setzen, dass die Täter schnell ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden", erklärte dju-Bundesgeschäftsführerin Monique Hofmann.

Nach Angaben der Gewerkschaft wurde Reichel bereits seit einigen Monaten von Personen aus der Querdenken-Szene diffamiert und bedroht. Sein Name und ein Foto hätten in einschlägigen Telegram-Kanälen kursiert. Reichel habe sich jedoch nicht einschüchtern lassen und die Demonstrationen weiter beobachtet sowie Journalistinnen und Journalisten unterstützt und sich für deren ungehinderte Arbeit eingesetzt.

Nach Informationen des Evangelischen Pressedienstes (epd) hatte Reichel das Krankenhaus am Montag wieder verlassen. Körperlich gehe es ihm den Umständen entsprechend gut, sagte Hofmann dem epd in Berlin. Er sei jedoch traumatisiert und stehe für Anfragen derzeit nicht zur Verfügung.

"Lieber Kollege Reichel, gute Besserung und vollständige Genesung wünschen wir von ganzem Herzen. Lassen Sie sich nicht unterkriegen! Das Pack wird nicht die Oberhand gewinnen", schrieb auf der Internetseite des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) dessen Pressesprecher Hendrik Zörner. "Die Pressefeinde haben jedes Maß verloren", kommentierte er.

In Deutschland sind im Jahr 2020 laut einer Studie 69 Journalistinnen und Journalisten tätlich angegriffen worden. 49 Angriffe (71 Prozent) wurden auf Versammlungen der Querdenker-Bewegung oder ähnlichen Protestveranstaltungen gegen die Corona-Politik verzeichnet. Die Zahlen gehen aus der jährlichen Erhebung des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) in Leipzig hervor, die im März veröffentlicht worden war. Demnach lag die Zahl der Attacken gegen Medienvertreter 2020 so hoch wie noch nie seit der ersten Erhebung 2015. Damals war mit 44 der bisherige Höchststand registriert worden. 2019 wurden nur 14 Fälle gezählt. (epd/kan)

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