Reporter ohne Grenzen prangern an: Wie Sexismus Journalistinnen bedroht

Journalismus kann für Männer wie für Frauen ein ziemlich gefährlicher Job sein. Journalistinnen gehen in ihrem Berufsalltag jedoch oft doppelte Risiken ein.

Auf ihr Gesicht hat sie mit roter Farbe eine Hand gemalt: So protestiert diese Frau gegen Sexismus und Geschlechtergewalt.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

(nt/az) Sexuelle Belästigung durch Interviewpartner, frauenverachtende Hasskommentare im Netz, Benachteiligung gegenüber männlichen Kollegen: Viele Journalistinnen haben das bereits erlebt. Darauf wirft ein neuer Themenbericht von Reporter ohne Grenzen (ROG) ein Schlaglicht. Veröffentlicht wurde er zum Internationalen Frauentag am Montag, 8. März. Basierend auf einer nichtrepräsentativen Umfrage unter 112 Expertinnen und Experten stellt der Bericht zudem zahlreiche Fallbeispiele von Journalistinnen vor, die aufgrund ihrer Arbeit mit Sexismus und geschlechtsspezifischer Gewalt konfrontiert waren.

"Anlässlich des Weltfrauentags möchten - und müssen - wir erneut deutlich machen, dass für Journalistinnen überall auf der Welt die Ausübung ihres Berufes oft schwieriger und gefährlicher ist als für ihre Kollegen. Sie müssen sich gegen sexuelle Belästigung wehren, wenn sie einfach nur ihren Job machen wollen. Sie müssen damit rechnen, dass eine Welle des Hasses über sie hereinbricht, wenn sie sich in den sozialen Netzwerken äußern. In manchen Ländern wie Pakistan oder Indien riskieren sie sogar ihr Leben", wird ROG-Vorstandssprecherin Katja Gloger in einer Pressemitteilung der Journalistenorganisation zitiert. Die Debatten rund um die #MeToo-Bewegung hätten für viele dieser Aspekte das öffentliche Bewusstsein geschärft, doch es müsse noch viel mehr getan werden, sagt Gloger.

Befragung in 112 Ländern

"Unser Bericht macht dafür zahlreiche Vorschläge", betont Gloger und fordert: "Redaktionen sollten sich selbst zu Strukturen verpflichten, die helfen, Übergriffe zu verhindern und begangene Übergriffe zu ahnden. Soziale Netzwerke müssten koordinierte Hetzkampagnen wirksam unterbinden. Und durch die Einsetzung eines oder einer UN-Sonderbeauftragten für den Schutz von Journalistinnen und Journalisten könnte deren Schutz auf höchster Ebene bei den Vereinten Nationen institutionalisiert werden."

Der Bericht basiert laut Presse-Info auf einer Befragung, an der im vergangenen Sommer 112 Personen aus 112 Ländern teilgenommen haben - Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Reporter ohne Grenzen sowie auf Genderfragen spezialisierte Journalistinnen und Journalisten. Die Bilanz sei erschreckend: 40 der Teilnehmenden stufen ihr eigenes Land als "gefährlich" oder "sehr gefährlich" für Journalistinnen ein. Unter den "sehr gefährlichen" sind Länder wie Mexiko, Indien und Syrien, die ROG jedes Jahr auch geschlechtsunabhängig zu den gefährlichsten Ländern für Medienschaffende weltweit zählt. Aber auch europäische Länder wie Polen, die Ukraine und Serbien wurden als riskant bewertet.

Bereits zum Weltfrauentag 2018 hatte ROG einen Bericht über die Schwierigkeiten vorgelegt, mit denen sich männliche und weibliche Medienschaffende konfrontiert sehen, die über das Thema Frauenrechte berichten. Seitdem, sagt ROG, habe sich das Klima gegenüber feministischen Journalistinnen und Journalisten, aber auch gegenüber Journalistinnen im Allgemeinen, deutlich verschärft.

Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen für ROG die Beobachtungen, die die Organisation in den vergangenen Jahren gemacht hat: So sei das Internet mittlerweile der gefährlichste Ort für Journalistinnen - 73 Prozent der Befragten gaben an, dass in ihrem Land Journalistinnen sexistischer Gewalt im Netz ausgesetzt seien. Die indische Kolumnistin und Investigativ-Journalistin Rana Ayyub wird in der Pressemitteilung von ROG als ein prominentes Beispiel dafür angeführt. Sie erhalte täglich Vergewaltigungs- und Morddrohungen in den sozialen Medien. Nachdem ein gefälschter pornografischer Film von ihr im Netz verbreitet wurde, erlitt sie einen Zusammenbruch.

Prominente Fälle

58 Prozent der Befragten gaben zudem an, dass am Arbeitsplatz geschlechtsspezifische Gewalt gegen Journalistinnen ausgeübt werde. "Die Vermutung liegt nahe, dass dieser relativ hohe Prozentsatz auf das gestiegene Bewusstsein für das Thema zurückzuführen ist", schreibt ROG.. Für Aufklärung hätten vor allem die internationale sowie nationale #MeToo-Debatten und prominente Fälle von Journalistinnen etwa in den USA (die ehemaligen Fox-News-Moderatorinnen Gretchen Carlson und Megyn Kelly), Japan (Shiori Ito) oder Indien gesorgt, die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz anprangerten. Vor wenigen Monaten machte die bekannte dänische TV-Moderatorin Sofie Linde im Rahmen einer Fernsehgala öffentlich, vor Jahren von einem hochrangigen Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sexuell belästigt worden zu sein. In Dänemark, das weltweit als Vorbild bei der Gleichberechtigung von Männern und Frauen gilt, habe dies, wie ROG anmerkt, ein landesweites gesellschaftliches Erdbeben ausgelöst.

"Es ist (...) unsere dringende Pflicht, den Journalismus mit aller Kraft gegen alle drohenden Gefahren zu verteidigen, zu denen auch geschlechtsspezifische und sexuelle Übergriffe und Einschüchterungen gehören", schreibt ROG-Generalsekretär Christophe Deloire in seinem Vorwort zum Bericht. "Es ist unerträglich, dass Journalistinnen mit deutlich größeren Gefahren konfrontiert sind als ihre männlichen Kollegen und sich an einer zusätzlichen Front verteidigen müssen - einer komplexeren Front, die außerhalb von Redaktionen, aber manchmal auch innerhalb dieser lauert."

Übergriffe bei diesen Themen

In besonderem Maße Gewalt ausgesetzt seien Journalistinnen, die auf Frauenrechte, Politik und Sport spezialisiert sind. ROG dazu: "Die saudi-arabische Journalistin Nouf Abdulaziz al-Jerawi wurde inhaftiert, weil sie sich öffentlich dagegen ausgesprochen hatte, dass Frauen in ihrem Land einen männlichen Vormund haben müssen. Während ihrer Haft wurde sie mit Elektroschocks gefoltert und sexuell missbraucht. In Brasilien musste die Journalistin Patricia Campos Mello einen hohen Preis für ihre Recherchen darüber bezahlen, wie sich Jair Bolsonaro im Präsidentschaftswahlkampf eine Desinformationskampagne illegal finanzieren ließ. Nachdem sie von Präsident Bolsonaro und seinen Söhnen beschuldigt worden war, sich Informationen dazu mit sexuellen Gefälligkeiten erschlichen zu haben, wurde sie zur Zielscheibe einer frauenverachtenden Hetzkampagne. Ebenfalls in Brasilien riefen etwa 50 Sportjournalistinnen die Bewegung #DeixaElaTrabahlar (#LassSieArbeiten) ins Leben, um anzuprangern, dass immer wieder bei Live-Berichten Sportfans Reporterinnen Küsse aufzwingen. Und in Frankreich taten sich nach Berichten über Belästigungen in Sportredaktionen fast 40 Journalistinnen der Sportzeitung L'Equipe zusammen, um sich mit betroffenen Kolleginnen solidarisch zu zeigen."

In dem Bericht untersucht ROG auch die Auswirkungen dieser Gewalt. So brächten etwa erlittene Traumata die Betroffenen dazu, sich selbst zu zensieren oder gar ihren Beruf aufzugeben - was in der Konsequenz dem journalistischen Pluralismus insgesamt schade. 43 Prozent der Befragten gaben an, dass Journalistinnen in ihrem jeweiligen Land als Reaktion auf geschlechtsspezifische Diskriminierung und Gewalt ihre Konten in sozialen Netzwerken vorübergehend oder sogar dauerhaft löschen, 48 Prozent berichteten von Selbstzensur, je 21 Prozent von Wechseln des Spezialgebiets und Berufsaufgabe.

Grenzüberschreitungen sind leider an der Tagesordnung

Oberpfalz
Hintergrund:

So definiert Reporter ohne Grenzen den Begriff Sexismus

Unter Sexismus sind im ROG-Bericht alle Formen geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt zu verstehen:

  • Diskriminierung
  • Beleidigungen
  • sexuelle Belästigung
  • Berührungen
  • verbale und körperliche Übergriffe sexueller Natur
  • Vergewaltigungsdrohungen
  • Vergewaltigung
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