Wieder Rüffel für "Bild"-Berichterstattung

Reichlich Arbeit hatten die in Berlin tagenden Beschwerdeausschüsse des Deutschen Presserats. Sie sprachen dieser Tage zwölf Rügen aus. Allein fünf kassierten "Bild" und "bild.de".

Christian Drosten, der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, war ins Visier der „Bild“ geraten. Der Presserat erkannte in diesem Artikel mehrere schwere Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht.

Rüge für Bericht über angeblich "grob falsche" Corona-Studie

In dem "Bild"-Artikel "Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch" erkannte der Beschwerdeausschuss mehrere schwere Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex. Nach Auffassung der Mitglieder ist die Formulierung, die Studie sei "grob falsch", von den zitierten Expertenmeinungen im Text nicht gedeckt. Weiter erwähne der Artikel nicht, dass es sich um eine Vor-Veröffentlichung handelte, deren Ergebnisse noch nicht von Fachleuten überprüft waren. Zudem habe die Redaktion die Studie unsauber zitiert und behauptet, Kinder "können" so ansteckend sein wie Erwachsene, was im englischsprachigen Original viel vager mit "könnten" formuliert gewesen sei.

Der Beschwerdeausschuss befand außerdem, dass die Frist von einer Stunde, die die Redaktion dem Virologen Christian Drosten zur Stellungnahme eingeräumt hatte, zu kurz war. Zudem sei mit dem Artikel unterstellt worden, Drosten habe womöglich Tatsachen unterdrückt.

Der Presserat und seine Rügen

Deutschland und die Welt

Detaillierte Schilderungen eines sexuellen Missbrauchs

Eine Rüge für die Berichterstattung über einen Strafprozess erhielt "Nordkurier.de". Darin wird der sexuelle Missbrauch eines Kindes in einer Passage detailliert geschildert. Diese Schilderung war aus Sicht des Presserats nicht notwendig, um die Grausamkeit der Tat zu verstehen. Die Darstellung sei dazu geeignet, das Missbrauchsopfer dauerhaft zu stigmatisieren. Gemäß Ziffer 11 verzichtet die Presse auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Diese Grenze wurde überschritten.

Redaktion zeigt Erschießung eines Passanten

Als unangemessene Darstellung von Brutalität und Leid nach Ziffer 11 des Pressekodex beurteilte der Presserat das Video einer Tötungsszene. Unter dem Titel "Mann in New York aus Auto erschossen" zeigte "bild.de", wie eine Person beim Überqueren einer Straße erschossen wird und zu Boden fällt. Die Redaktion hatte das Fahndungsvideo vom Twitter-Account der New Yorker Polizei übernommen. Nach Ansicht des Presserats bediente das Video - in dem die Tötung wiederholt gezeigt wurde - reine Sensationsinteressen. Der ursprüngliche Fahndungszweck des Videos hatte in der deutschen Öffentlichkeit keine Bedeutung. Für die Presse gelte bei der Veröffentlichung von Ermittler-Material der Pressekodex, betonte der Beschwerdeausschuss.

Foto von falschem Täter veröffentlicht

Eine Rüge sprach der Ausschuss gegen "Bild" aus für die Berichterstattung "Kinder-Psychologin und Ehemann von Sohn erschossen". Die Redaktion hatte darin ein getötetes Ehepaar identifizierbar abgebildet und deren ebenfalls getöteten Sohn gezeigt und als Täter bezeichnet. Kurz danach stellte sich heraus, dass der Sohn nicht der Täter war, sondern selbst ein Opfer. Die Berichterstattung verletzt die Kriterien der Vorverurteilung nach Richtlinie 13.1 des Pressekodex. Zudem liegt durch die identifizierbare Abbildung der Familie ein schwerer Verstoß gegen den Opferschutz nach Richtlinie 8.2 vor.

Redaktion zeigt Vergewaltigungsopfer

Eine weitere Rüge bekam "bild.de" für die Berichterstattung "Mein Papa hat mir gesagt, dass er ein Vergewaltiger ist". In der Berichterstattung zeigte die Redaktion das unverpixelte Foto eines Vergewaltigungsopfers kurz nach seinem Auffinden durch die Polizei. Der Ausschuss sieht in der erkennbaren Abbildung einen schweren Verstoß gegen den Opferschutz nach Richtlinie 8.2 des Pressekodex.

Facebook-Foto von Mordopfer veröffentlicht

Wiederum "bild.de" erhielt eine Rüge wegen eines Verstoßes gegen den Opferschutz im Artikel "Junge Mutter in Leipzig getötet - Myriams Traum war eine eigene Pension am Meer". Die Redaktion zeigte im Teaser das unverpixelte Foto eines Mordopfers, das dessen Facebook-Seite entnommen worden war. Eine ausdrückliche Einwilligung der Angehörigen zur Veröffentlichung hatte die Redaktion nicht vorgelegt. Dies verstößt gegen die Richtlinie 8.2, wonach Opfer besonders geschützt werden. Nur weil jemand Opfer eines Verbrechens wird, dürfe er nicht automatisch identifizierend in der Presse gezeigt werden, so der Beschwerdeausschuss.

Unbegründete Hoffnungen auf Schutz vor Corona

Gerügt wegen eines Verstoßes gegen die Ziffer 14 des Pressekodex wurde die "Sächsische Zeitung". Unter dem Titel "Mit Mundspray gegen das Virus" hatte die Redaktion über einen möglichen Schutz vor Corona-Viren durch Benutzung eines Sprays mit ätherischen Ölen berichtet. Die Beschreibung der möglichen - positiven - Wirkung des Produktes erfolgte dabei "undifferenziert und unkritisch", so dass der Presserat eine unangemessen sensationelle Darstellung eines medizinischen Themas erkannte, mit der unbegründete Hoffnungen erweckt werden könnten. Zudem, so hielt der Beschwerdeausschuss fest, sei durch die Berichterstattung ein Werbeeffekt für das Spray entstanden, wodurch Ziffer 7 des Pressekodex verletzt wurde.

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