Und schon bald wurde der Kanzler als Zauderer kritisiert

Deutschland und die Welt
20.01.2023 - 08:02 Uhr

Eine Studie hat die Qualität der Medienberichterstattung über den Ukraine-Krieg untersucht. Die Autoren fanden unter anderem heraus: von Regierungsfreundlichkeit keine Spur.

Ein Staatsanwalt betrachtet eingesammelte Teile russischer Raketen, mit denen Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, angegriffen wurde.

Forscher der Uni Mainz analysierten auf einer breiten Datenbasis die Medienberichterstattung über den Krieg. Das Papier stammt von Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Marcus Maurer, Dr. Pablo Jost (beide Johannes-Gutenberg-Universität Mainz) und Dr. Jörg Haßler (Ludwig-Maximilians-Universität München), finanziell unterstützt hat dieses Projekt die Otto-Brenner-Stiftung.

Eingangs schreiben die Autoren in ihrem Forschungsbericht: "Der russische Krieg gegen die Ukraine ist nach der ,Flüchtlingskrise' und der Corona-Pandemie das dritte große Thema innerhalb der letzten Jahre, bei dem sich die Nachrichtenmedien in Deutschland massiver Kritik ausgesetzt sehen: Die Berichterstattung lasse Meinungsvielfalt vermissen, unterstütze einseitig die Positionen der Bundesregierung und befürworte dabei auch die militärische Unterstützung für die Ukraine, obwohl dies mit wirtschaftlichen und militärischen Risiken für die deutsche Bevölkerung und die ganze Welt verbunden sei. Ob diese Vorwürfe zutreffen, ist bislang unklar, weil sie auf subjektiven Eindrücken Einzelner basieren, die stark durch ihre eigene Konfliktsicht geprägt sind."

Und weiter: "Eine Antwort auf die Frage, ob die Inhalte von Nachrichtenmedien den publizistischen Grundsätzen von Vielfalt, Ausgewogenheit usw. entsprechen, ist aber aus unterschiedlichen Perspektiven bedeutsam: Zum einen können Erkenntnisse darüber dazu beitragen, journalistische Berichterstattung kritisch zu reflektieren. Zum anderen können sie aber auch dazu beitragen, den Journalismus vor ungerechtfertigten Angriffen zu schützen. Im Zentrum der Analyse steht die Frage, wie vielfältig und ausgewogen deutsche Nachrichtenmedien über den Krieg und unterschiedliche Positionen zum Krieg berichtet haben und ob sich dies im Verlauf der ersten drei Kriegsmonate verändert hat."

Teils sehr einheitlich berichtet

Für Jupp Legrand, den Geschäftsführer der Otto-Brenner-Stiftung, liegt mit dieser Analyse "erstmals eine solide Grundlage" für die weitere Diskussion über die Qualität der Medienberichterstattung zum russischen Angriffskrieg vor, "die nicht auf persönlichen Eindrücken beruht oder auf individuellen Mutmaßungen fußt".

"Das Fazit unserer Studie fällt durchaus differenziert aus", halten die Autoren fest. In einigen Fällen hätten die untersuchten Medien tatsächlich sehr einheitlich über den Krieg berichtet. Das betreffe insbesondere die Zuschreibung der Kriegsverantwortung an Russland und die Bewertung der beiden Kriegsparteien. "Dieses Berichterstattungsmuster ist aber wenig verwunderlich, weil Russland - bei allem möglichen Verständnis für eine dort vielleicht als bedrohlich wahrgenommene Ost-Erweiterung der Nato - einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, der wenig Spielraum für andere Bewertungen lässt", so Maurer, Jost und Haßler.

In anderen Fällen sei die Einheitlichkeit der Berichterstattung allerdings weniger trivial. Dies betreffe vor allem die Bewertung der unterschiedlichen Maßnahmen zur Beendigung des Krieges. "Dass die militärische Unterstützung der Ukraine im Allgemeinen und die Lieferung schwerer Waffen im Besonderen in den meisten der untersuchten Medien als deutlich überwiegend sinnvoll und auch als sinnvoller als diplomatische Maßnahmen dargestellt wurden, ist angesichts der schrecklichen Bilder aus der Ukraine verständlich, überrascht in dieser Deutlichkeit aber dennoch und ist in früheren vergleichbaren Fällen vermutlich (hierzu liegen allerdings keine empirischen Daten vor) anders ausgefallen", heißt es in der Studie.

Spiegel fällt aus dem Rahmen

Umso bemerkenswerter sei, dass der Spiegel als einziges Medium zumindest über die Lieferung schwerer Waffen sehr abwägend berichtet und eine diplomatische Lösung als sinnvoller dargestellt habe. "Vollkommen einheitlich berichteten die untersuchten Medien also nicht", halten die Autoren fest. Warum sich die meisten der betrachteten Medien in diesem Fall so deutlich für eine militärische Unterstützung der Ukraine ausgesprochen haben, sei eine sehr wichtige Frage, "die wir mit unseren Inhaltsanalyse-Daten aber nicht klären können."

"Schließlich fiel die Medienberichterstattung in einigen Fällen auch gar nicht einheitlich und schon gar nicht regierungsfreundlich aus", betonen die Autoren. Kanzler Olaf Scholz sei zwar zunächst für seine Entscheidungsfreudigkeit gelobt, dann aber als Zauderer kritisiert worden, weil er mit der Lieferung schwerer Waffen und einem Besuch in der Ukraine abwartete. Auch wenn ihn insgesamt alle untersuchten Medien überwiegend kritisiert hätten, seien die Urteile doch sehr unterschiedlich stark negativ ausgefallen.

Anders bei Baerbock und Habeck

Ähnlich negativ wurde der Studie zufolge insgesamt auch über die Bundesregierung berichtet, wobei sich teilweise aber auch vollkommen entgegengesetzte Bewertungen in den unterschiedlichen Medien gezeigt hätten und nicht alle Regierungsmitglieder gleichermaßen von der Kritik betroffen gewesen seien. Die einzigen deutschen Politiker, die überwiegend positiv bewertet wurden, waren laut Studie die grüne Außenministerin Annalena Baerbock und ihr Parteikollege Robert Habeck, wobei Baerbock positiver gesehen wurde als alle anderen erfassten Akteure.

"Alles in allem deutet aber vieles darauf hin, dass die Medienberichterstattung - ähnlich wie in der Corona-Pandemie - nicht regierungsnah war, sondern die Regierung eher für ihre zögerliche Haltung kritisierte", fassen die Autoren zusammen. Sie weisen extra darauf hin, dass sie mit der Studie keine Aussagen über "die Medien" machen könnten, sondern nur über die untersuchten Leitmedien. Doch sei die Berichterstattung anderer etablierter Nachrichtenmedien, zum Beispiel von Regionalzeitungen, "mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit zumindest ähnlich".

Gerade bei bewaffneten Auseinandersetzungen ist das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit besonders groß

Deutschland und die Welt04.03.2022
Hintergrund:

Wichtiges zur Studie in Kürze

  • Die Studie untersuchte die Berichterstattung über den Ukraine-Krieg zwischen dem Kriegsbeginn am 24. Februar und dem 31. Mai 2022.
  • Analysiert wurden rund 4300 Beiträge in acht deutschen Leitmedien.
  • Es handelte sich um folgende Leitmedien: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Bild, Spiegel, Zeit sowie die Hauptnachrichtensendungen ARD Tagesschau (20 Uhr), ZDF Heute (19 Uhr) und RTL Aktuell (18.45 Uhr).
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