Die "Serientäter"

Ein Teil der Beschwerden, die beim Presserat eingehen, richtet sich gegen Boulevardblätter – vor allem gegen eines. Zuletzt sprach der Presserat 13 Rügen aus, gleich 7 betrafen „Bild“. Den Machern dort scheint das ziemlich egal zu sein.

Das Logo der Boulevardzeitung «Bild» an einem Kiosk.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Medienkritiker Stefan Niggemeier titelte am vergangenen Sonntag in "Übermedien" (setzt sich mit der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten auseinander): ",Bild' findet nach Jahren erstmals Platz im Blatt für Presserats-Rügen". Niggemeier verweist in seinem Beitrag darauf, dass die öffentlichen Rügen des Presserates von den Medien, die betroffen sind, eigentlich veröffentlicht werden. Die Print-Ausgabe von "Bild" jedoch habe das seit Mitte 2019 nicht getan. Jetzt habe das Blatt immerhin ein paar Beanstandungen abgedruckt.

In ihren September-Sitzungen in Berlin hatten die Beschwerdeausschüsse des Deutschen Presserates, der freiwilligen Selbstkontrolle der gedruckten Medien und ihrer Online-Auftritte, "Bild" wiederum mehrfach wegen Verstößen gegen den Pressekodex gerügt. Gleich zwei Rügen handelte sich die Redaktion dabei wegen der Veröffentlichung von unverpixelten Fotos eines Kindes ein, das den tödlichen Seilbahnabsturz am Lago Maggiore überlebt hatte. Sie hatte damit gegen den Opferschutz verstoßen. Bei dem Unglück am Pfingstsonntag waren 14 Menschen gestorben, unter ihnen auch mehrere Verwandte des Buben. Insgesamt betrafen 7 von 13 Rügen "Bild".

Medienkritiker Niggemeier findet die "demonstrative Missachtung" des Gremiums Presserat "erstaunlich". Und sie ist in der Tat bemerkenswert: Denn eine der Trägerorganisationen des Presserates ist der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV). Dessen Präsident heißt Mathias Döpfner. Der ist Vorstandsvorsitzender von Axel Springer. Just von dem Verlag also, der Herausgeber von "Bild" ist.

Wiederholt wurde in der Vergangenheit vor allem mit Blick auf "Bild" die Wirkungslosigkeit des Presserates thematisiert. Im Juli vergangenen Jahres äußerte auch eine Leserin von Oberpfalz-Medien Zweifel an der Wirksamkeit von Rügen. Sie schrieb uns damals: "Wenn doch eine Redaktion, ein Verlag oder eine bestimmte Zeitung immer wieder gegen den Pressekodex verstoßen, erwarte ich als Laie schon eine Folge daraus. Wird jemand persönlich zur Verantwortung gezogen? Oder ist es eine Formalität des Deutschen Presserates? Wozu wäre es dann gut?"

Stefan Niggemeier hat hierzu eine klare Meinung. Heuer im Februar befand er in "Übermedien": "Der Presserat ist ein Selbstkontroll-Gremium ohne Sanktionsmöglichkeiten. Das ist nicht neu. Die fehlende Bissfähigkeit oder -willigkeit ist legendär." Niggemeier steht mit dieser Sichtweise nicht allein da: Gerne wird der Presserat als "zahnloser Tiger" bezeichnet. "Die Rüge ist die schärfste Waffe des Presserates", hält Niggemeier fest. Die meisten großen Verlage hätten sich verpflichtet, sie in ihren Medien abzudrucken. Das sehe der Pressekodex auch so vor. "Doch tun sie es nicht, hat das keine Konsequenzen", bedauert Niggemeier.

Nun berichtet Niggemeier in seinem von ihm und Boris Rosenkranz gegründeten Online-Magazin, dass sich "Bild" Ende September "unauffällig zumindest teilweise einer lästigen Pflicht entledigt und in einem Rutsch" gleich fünf Rügen veröffentlicht habe, die der Presserat für seine Berichterstattung bereits im vergangenen Jahr ausgesprochen hatte.

Niggemeier merkt dazu an, dass sich "Bild" in der gedruckten Zeitung - anders als online - seit über zwei Jahren nicht einmal mehr an die Pflicht gehalten habe, solche Rügen abzudrucken. Mehrere Rügen aus den Vorjahren habe "Bild" immer noch nicht veröffentlicht, zum Beispiel auch nicht die "für eine grob falsche Schlagzeile auf Seite 1 am 14. Dezember 2019, die wahrheitswidrig behauptete, ein ,GEZ-Kassierer', der ,wegen offener Gebühren klingelte', sei an der Haustür erstochen worden".

Anders als "Bild" suggeriere, schreibt Niggemeier weiter in seinem Artikel vom 17. Oktober, seien damit auch die Rügen aus dem Jahr 2020 nicht komplett. Es fehle nämlich die Beanstandung einer Seite-1-Schlagzeile, die besonders viel Wirbel ausgelöst habe: "Schulen und Kitas wegen falscher Corona-Studie dicht". Der Artikel sei am 26. Mai 2020 erschienen und vom Presserat am 11. September 2020 wegen "mehrerer schwerer Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht" gerügt worden, tauche aber in der "Bild"-Übersicht über die Presserats-Rügen 2020 nicht auf. "Eigentlich sollen Rügen übrigens ,zeitnah' veröffentlicht werden", verdeutlicht Niggemeier abschließend.

Die sieben Rügen, die "Bild" betrafen

Presserat sieht Respektlosigkeit

„Bild.de“ kassierte zwei Rügen für Berichte über das einzige überlebende Kind des Seilbahnunglücks am Lago Maggiore, bei dem an Pfingsten 14 Menschen gestorben waren. Die Redaktion hatte unverpixelte Familienfotos gezeigt, auf denen der überlebende Junge mit seinen ums Leben gekommenen Eltern und seinem Bruder zu sehen war. Der Hinweis unter einigen Fotos, die Familie habe diese freigegeben, war für den Presserat kein hinreichendes Kriterium für deren Veröffentlichung. „Losgelöst von einer möglichen Einwilligung von Angehörigen hätte die Redaktion die schützenswerten Interessen des Kindes und der verunglückten Familie beachten müssen“, befand er. Die Redaktion habe damit gegen den Opferschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2, verstoßen sowie gegen Richtlinie 8.3, wonach Kinder bei der Berichterstattung über Unglücke in der Regel nicht identifizierbar sein dürfen. In der Überschrift „Eitan (5) weiß noch nicht, dass seine Familie tot ist“ sah der Presserat zudem eine gegenüber dem Leid des Opfers und der Angehörigen respektlose Berichterstattung gemäß Ziffer 11, Richtlinie 11.3 des Pressekodex. Insgesamt bewertete er die Berichterstattung als Verstoß gegen die Würde des überlebenden Kindes nach Ziffer 1.

Eine zweite Rüge erhielten „Bild“ und „Bild.de“ für die Veröffentlichung eines Fotos, das den überlebenden Jungen wenige Minuten vor dem Absturz mit dessen Urgroßvater zeigte. Unter der Überschrift „Das letzte Foto aus der Todes-Gondel“ sieht man die Betroffenen zwar nur mit dem Rücken zur Kamera, jedoch wird der damals Fünfjährige auf einem weiteren Foto im Artikel klar identifizierbar. Hier sei der tragische Fall des überlebenden Kindes zur Illustrierung einer Katastrophe genutzt worden, kritisierte der Beschwerdeausschuss. Er sah hierin einen schweren Verstoß gegen den Opferschutz nach den Richtlinien 8.2 und 8.3 des Pressekodex.

Täter und Opfer eines Tötungsdelikts gezeigt

Wiederum „Bild.de“ wurde für die Berichterstattung über einen Mann gerügt, der seine Familie und dann sich selbst getötet hatte. Unter der Überschrift „Warum zerstörte der Vater dieses Glück?” zeigte die Redaktion ein privates Familienfoto, auf dem der Mann und seine Ehefrau unverpixelt zu sehen waren. In einem weiteren Artikel übernahm die Redaktion Bilder von einer Quizshow, an der das Paar teilgenommen hatte. Weil zur Veröffentlichung keine Einwilligung von Angehörigen vorlag, verletzte die Redaktion den Opferschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2. Der Presserat erkannte darüber hinaus einen Verstoß gegen den Täterschutz nach den Richtlinien 8.1 und 8.7, wonach gerade bei Selbsttötungen Zurückhaltung bei der Veröffentlichung von Fotos geboten ist.

Opfer eines Bungee-Jumping-Unglücks gezeigt

Die nächste Rüge für „Bild.de“ betraf die Berichterstattung über einen tödlichen Unfall in Kolumbien. Unter der Überschrift „Frau springt ohne Bungee-Seil von 50-Meter-Brücke – tot” nannte die Redaktion den vollen Namen der Verunglückten und veröffentlichte mehrere Porträts von deren privatem Facebook-Account. Nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2 hätte die Redaktion vor der Veröffentlichung die Familie um Erlaubnis bitten müssen. Der Presserat stellte heraus: Auch wenn die Angehörigen an anderer Stelle mit Fotos an die Verstorbene erinnerten, war nicht davon auszugehen, dass sie automatisch auch mit der Veröffentlichung auf „Bild.de“ einverstanden waren.

Persönlichkeitsschutz einer Mutter verletzt

„Bild.de“ wurde gerügt für einen Beitrag unter der Überschrift „Mutter lässt Tochter (3) von Balkon fallen – tot!“. Der Artikel informierte über Medienberichte, nach denen in Russland eine Frau ihre dreijährige Tochter zur Bestrafung über ein Balkongeländer gehalten hatte. Das T-Shirt des Mädchens sei gerissen, und das Kind in den Tod gestürzt. Ein Foto der Frau, die in Untersuchungshaft sitzt, wurde veröffentlicht. Der Presserat erkannte in der identifizierenden Darstellung der Mutter in dieser Phase des Verfahrens eine Verletzung ihres Persönlichkeitsschutzes nach Ziffer 8, Richtlinie 8.1 des Pressekodex.

Redaktion veröffentlicht Foto eines verunglückten Piloten

Einen schweren Verstoß gegen den Opferschutz erkannte der Presserat bei „Bild.de“ in der Berichterstattung unter der Überschrift „Rundflug in den Tod“. Der Beitrag beschreibt einen Flugzeugabsturz, bei dem der Pilot und drei Teenager, die mit an Bord waren, ums Leben kamen. Die Redaktion hatte ein Porträtfoto des Piloten veröffentlicht. Diese identifizierende Darstellung des Verunglückten bewertete der Presserat als schweren Verstoß gegen den Opferschutz nach Richtlinie 8.2 des Kodex. Eine Einwilligung der Angehörigen in die Veröffentlichung des Bildes lag nicht vor, das Foto des Opfers hätte verpixelt werden müssen.

Fotos von Hochwasser-Opfern von Facebook übernommen

„Bild.de“ bekam eine weitere Rüge für eine Verletzung des Opferschutzes einer Familie, deren Haus vom Hochwasser weggerissen wurde. Unter der Überschrift „Ganze Familie von Flut verschluckt” übernahm die Redaktion Fotos der Eltern und der drei Kinder von privaten Facebook-Accounts. Die Zustimmung durch den Bruder des abgebildeten Familienvaters habe in diesem Fall nicht ausgereicht, machte der Presserat klar. Auch Angehörige der Mutter hätten um Erlaubnis zur Veröffentlichung gebeten werden müssen. Der Beschwerdeausschuss sah einen schweren Verstoß gegen die Richtlinien 8.2 und 8.3 des Pressekodex, wonach unter anderem Kinder und Jugendliche bei der Berichterstattung über Unglücksfälle in der Regel nicht identifizierbar sein dürfen.

Eine Leserin macht sich Gedanken zum Presserat

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