Meinung: Die Taliban könnten bald das geringere Übel sein

Erst totales Versagen der westlichen Welt, dann große Töne spucken: Jürgen Herda kommentiert die instabile Lage in Afghanistan und befürchtet, dass der IS-K nicht nur den Hindukusch in ein völliges Chaos stürzen könnte.

Ein Taliban-Kämpfer liegt am internationalen Flughafen Hamid Karzai vor einem Auto auf dem Boden. Die militant-islamistischen Taliban fordern von Deutschland nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan offizielle diplomatische Beziehungen und finanzielle Hilfen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil
Kommentar

Seit 40 Jahren brachten die wechselnden Machthaber und Besatzer Afghanistans vor allem Konflikt und Vertreibung. Ende 2020 lebten 2,6 Millionen Afghanen als Flüchtlinge - ein Großteil in den Nachbarländern Iran und Pakistan. Über drei Millionen Afghanen sind innerhalb ihres eigenen Landes auf der Flucht. Etwa 65 Prozent der Geflüchteten sind Kinder und Jugendliche.

Peinliche Scheinargumente

Gegen die Aufnahme von Flüchtlingen müssen peinliche Argumente herhalten: Ja, es ist in dem Chaos, das der panische Truppenabzug auslöste, nicht zu vermeiden, dass einzelne Straftäter unter den Schutzsuchenden sind. Soll die westliche Welt deswegen zuschauen, wie 99 Prozent anständige Helfer terrorisiert werden?

Die Afghanen sollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen: Wie kämpft man als Jugendlicher gegen archaische Stämme, die Sowjetunion oder US-Drohnen?

IS-K und Bürgerkrieg drohen

Nach dem selbst verschuldeten Debakel sollte der Westen aufhören, große Töne zu spucken. Stattdessen bleibt nicht viel mehr, als das Versprechen gegenüber den Helfern einzulösen und mit den Taliban das bestmögliche Ergebnis zu verhandeln.

Ein Sprecher der neuen Regierung signalisiert Deutschland Gesprächsbereitschaft gegen finanzielle Unterstützung, humanitäre Hilfe und Kooperation bei Gesundheit, Landwirtschaft und Bildung. Ein Geben und Nehmen bietet allemal mehr Chancen als den starken Mann zu geben. Schenkt man US-Militärs Glauben, werden die Taliban bald das geringste Übel am Hindukusch sein: Der angeblich besiegte IS-K und ein endloser Bürgerkrieg drohen.

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