Über Randale am Gardasee nicht berichtet

Deutschland und die Welt
05.08.2022 - 10:01 Uhr

Waren der Besuch des deutschen Kanzlers und des französischen Präsidenten in Kiew oder die Rüge des Bundesverfassungsgerichts für Angela Merkel wichtiger als Ausschreitungen am Gardasee? Diese Frage stellte sich nach einer Leserkritik.

Bilder, die auf Twitter zu finden waren. Bei diesen Aufnahmen soll es sich um Szenen der Randale in Peschiera am Gardasee handeln.

Die Nachfrage ist schon einige Zeit her, ich greife sie hier aber dennoch auf, weil sie Entscheidungsfindungen in der Redaktion betrifft. Leser E. N. aus Amberg hatte am 21. Juni wissen wollen, warum unsere Zeitung "nicht über die Randale bei der Flashmob-Party ,Afrika am Gardasee' Anfang Juni in Peschiera berichtet hat". Dabei, so führte N. in seiner Mail aus, "sollen in Deutschlands beliebtester Urlaubsregion nicht nur eminente Sachbeschädigungen verübt worden sein, sondern auch rassistische Pöbeleien und sexuelle Übergriffe von Afrika-stämmigen Männern gegenüber ,weißen' Frauen vorgekommen sein. Ich frage mich, passt dieser ,umgekehrte' Rassismus dem Zeitgeist nicht oder hat dpa gepennt? Auch der ,Spiegel' hat erst jetzt darüber geschrieben."

Die dpa berichtet verspätet

Die Geschehnisse von Peschiera, so antwortete ich E. N., wurden von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) tatsächlich erst am 15. Juni thematisiert. Unter anderem bot die Agentur unter der Überschrift "Ausschreitungen am Gardasee beschäftigen Parlament in Rom" folgenden Artikel an, den wir hier in voller Länge wiedergeben, damit klar wird, was sich zugetragen hatte:

"Nach heftigen Ausschreitungen am Gardasee fürchtet Italien weitere Randale an öffentlichen Plätzen. Die Vorfälle vom 2. Juni im Städtchen Peschiera, als teils betrunkene Jugendliche aufeinander losgingen, auf Autos sprangen und später in einem Zug auch Frauen sexuell belästigt haben sollen, beschäftigen seit zwei Wochen die Politik. An diesem Mittwoch wollte nun Innenministerin Luciana Lamorgese im Parlament in Rom Auskunft über die bisherigen Ermittlungen und die künftige Taktik der Ordnungskräfte geben.

Da es sich bei den Jugendlichen großteils um Männer mit Migrationshintergrund handelte, debattieren das Land und vor allem rechte Politiker wieder intensiv über Integration. Einige Randalierer, die von der Polizei und den Medien in Italien häufig ,Baby Gangs' genannt werden, kündigten über die sozialen Netzwerke bereits weitere Zusammenkünfte an. Unter anderem sei der Adriaort Riccione bei Rimini als Treffpunkt auserkoren. Matteo Salvini von der rechten Lega verbreitete ein entsprechendes TikTok-Video auf seinem Twitter-Kanal. ,Gewalt und Drohungen werden bei uns nicht geduldet', schrieb er dazu.

Auch sexuelle Übergriffe

Am 2. Juni, dem italienischen Nationalfeiertag, hatten sich Berichten zufolge etwa 2000 junge Leute aus mehreren Städten Norditaliens an dem bei Touristen beliebten Gardasee in Peschiera zu einem Flashmob verabredet. Die Situation eskalierte: Es kam zu Schlägereien mit Verletzten und Diebstählen; Touristen wurden belästigt, Autos und Schaufenster demoliert.

Darüber hinaus soll es zu sexuellen Übergriffen gekommen sein: Einige minderjährige Frauen wurden eigenen Angaben zufolge in dem völlig überfüllten Regionalzug vom Gardasee in Richtung Mailand von jungen Männern bedrängt und sexuell belästigt. Sie konnten die Bahn vorzeitig verlassen und erstatteten Anzeige. Die Staatsanwaltschaft von Verona ermittelt nun gegen mögliche Tatverdächtige. In einem zweiten Ermittlungsstrang geht es um die vorherigen Vorfälle in Peschiera."

Das stand dann weiter in meiner Antwort auf die Kritik von E. N.: "Nach der Doppelausgabe 15./16. Juni erschien die nächste AZ erst am Freitag, 17. Juni. Wo hätte man den Peschiera-Artikel unterbringen können? Nur auf einer unserer Politik-Seiten. Für diesen Tag schwierig. Themen auf der Politik-Seite 4: Scholz und Macron in Kiew, Gazprom drosselt Gaslieferungen. Politik-Seite 5: Bundesverfassungsgericht rügt Merkel in Sachen AfD, Streit über Relevanz der Corona-Inzidenzen. Peschiera wichtiger als diese Themen? - eher nicht, denke ich, und dachten wohl auch die Kollegen der Nachrichtenredaktion.

Die dpa bietet an einem Tag viele Hundert Meldungen an, manchmal nähert sich die Zahl der 1000er-Marke. In unserer regional und lokal ausgerichteten Tageszeitung üben die Kollegen dann täglich den Spagat, irgendwie die wichtigsten Ereignisse aus unserer Heimat und (zu einem Bruchteil) der Welt ins Blatt aufzunehmen. Das gelingt mal besser, mal vielleicht nicht so gut. Liegt in der Natur der Sache.

Passt dieser ,umgekehrte' Rassismus dem Zeitgeist nicht?, fragen Sie. Da kann ich Ihnen versichern: Solche Überlegungen spielen in der Redaktion bei der Auswahl der Nachrichten keinerlei Rolle."

Wir können nicht über alles berichten, was in der Welt passiert

Deutschland und die Welt04.09.2020
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