Urlaub in Polen: "Spinnst du?"

Die Coronakrise hat auch die Urlaubspläne von Tobias Gräf umgeworfen: Als Ersatz für Amsterdam musste spontan Danzig in Polen herhalten. Doch Urlaub in Polen – ernsthaft?

Danzig ist Polens Perle an der Ostsee - und beeindruckt mit vielen Sehenswürdigkeiten: Zum Beispiel der Marienbasilika als größter aus gebrannten Ziegeln gebauten Kirche Europas.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Ende September war ich zwei Wochen im Urlaub. Die freie Zeit habe ich nicht Zuhause verbracht, sondern in Polen. Das hat manche verwundert, andere wiederum zum Schmunzeln gebracht. Denn wer im neunten Monat des Jahres verreist, hat oft mit spätsommerlicher Wärme lockende Destinationen wie Griechenland, Italien oder Kroatien im Blick. Auch die Niederlande oder die immerfeuchten britischen Inseln haben zu Herbstbeginn ihren eigenen Charme.

An Polen als Urlaubsland aber denkt wirklich (fast) keiner. Und sind wir ehrlich: Erzählt man Freunden und Bekannten davon, schwingen im Subtext der Kommentare meist einschlägige Vorurteile mit. So wurde auch mir sarkastisch empfohlen, mein neues Auto vor der Abfahrt tunlichst nicht zu waschen – so hätte ich zumindest eine kleine Chance, den geradezu unvermeidlichen Diebstahl zu verhindern.

Vor Ort stellten sich dann zwei Dinge heraus: Erstens, 30 Jahre nach der Wende hat der Kapitalismus den Systemkampf auch im östlichen Nachbarland zweifelsohne für sich entschieden. Von ihren monströsen Audi Q7 S line, BMW X5 M und Mercedes GLE 450 4Matic herab haben mich die Polen in meinem mickrigen Kompaktwagen höchstens mitleidig betrachtet, aber sicher nicht an Diebstahl gedacht.

Zweitens, mit ein bisschen Wetterglück lässt sich in Polen ein hervorragender Badeurlaub verbringen. Denn während für die auch Bayerisch-Sibirien genannte Oberpfalz sieben Grad mit Regen gemeldet wurden, waren am weißen Ostseestrand der Halbinsel Hel bei 25 Grad mit wolkenlosem Himmel Badehose und Sonnencreme mein ständiger Begleiter.

Ursprünglich sollte mich mein Urlaubstrip auch nach Belgien und in die Niederlande führen. Doch die Coronapandemie und über Nacht deklarierte Risikogebiete haben Spontaneität in der Reiseplanung erforderlich gemacht. Dass es mich am Ende trotz aller Klischees ins polnische Danzig verschlagen hat, habe ich nicht bereut.

Denn neben einem unerwartet schönem Wetter und der traumhaften historischen Altstadt Danzigs hat Polen mich auch mit einem finanziellen Aspekt überrascht: Für deutsche Urlauber macht sich der günstige Wechselkurs vom Euro zum Zloty unmittelbar im Geldbeutel bemerkbar. Ein Bier für umgerechnet 1,70 Euro direkt an der Hafenpromenade ist ein Preis, der sich selbst in der günstigsten Dorfkneipe im Oberpfälzer Wald nicht mehr finden lässt. So betrachtet war der coronabedingte Ausweichtrip auch noch unschlagbar günstig. Mein Auto habe ich dann übrigens doch noch gewaschen. Allerdings erst nach der Rückkehr.

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