11.03.2020 - 02:48 Uhr
Deutschland & Welt

Einschneidende Absagen von Großveranstaltungen wegen Corona

Konzerte, Messen - Großveranstaltungen fallen in vielen Bundesländern weg oder werden verschoben. Im Fußball stehen Geisterspiele an. Die Deutsche Eishockey Liga bricht ihre Spielzeit ganz ab.

"Infektionsgefahr! Zutritt nur für Berechtigte" steht an der Tür am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene in Rostock. Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa
von Agentur DPAProfil

Berlin (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geht davon aus, dass sich rund zwei Drittel der Deutschen mit dem neuen Coronavirus anstecken könnten. 60 bis 70 Prozent könnten sich infizieren, sagte sie nach Teilnehmerangaben in der Fraktionssitzung am Dienstag. Zuvor hatte „Bild.de“ darüber berichtet.

Der Bundestag wird nach Angaben der Unionsfraktion zusätzlich bis zu eine Milliarde Euro für den Kampf gegen die Epidemie bewilligen. In vielen Bundesländern sollen Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen nicht mehr stattfinden oder ohne Zuschauer erfolgen.

Mögliche Infektionszahlen von 60 bis 70 Prozent hatten Experten wie der Berliner Virologe Christian Drosten bereits zuvor genannt. Noch sei unbekannt, in welcher Zeit dieses Infektionsgeschehen verlaufe, betonte der Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. „Das kann durchaus zwei Jahre dauern oder sogar noch länger.“

Problematisch werde es etwa für das Gesundheitssystem, wenn das Ganze in komprimierter, kurzer Zeit auftrete. „Darum sind die Behörden dabei, alles zu tun, um beginnende Ausbrüche zu erkennen und zu verlangsamen.“ Mediziner arbeiten zudem an Medikamenten und Impfstoffen. Mit einem Einsatz von Impfstoffen rechnen sie in ein bis eineinhalb Jahren.

Kanzlerin Merkel sprach sich für ein striktes Vorgehen im Kampf gegen das Virus Sars-CoV-2 aus. Alle nicht notwendigen Veranstaltungen sollten abgesagt werden, sagte sie während der Sitzung der Unionsfraktion nach Teilnehmerangaben. Mit Blick auf Bundesliga-Fußballspiele ohne Zuschauer fügte sie hinzu: „Spiele vor leeren Rängen sind nicht das Schlimmste, das diesem Land passieren kann.“

Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern sollen in vielen Bundesländern vorerst abgesagt werden. Damit folgten die Länder Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der dies empfohlen hatte. Eine generelle Schließung von Schulen und Kitas war zunächst in keinem Bundesland vorgesehen.

Auch jede Familie solle sich derzeit vor allem um ihre älteren Mitglieder Gedanken machen, sagte Drosten in einem NDR-Podcast. Nach einer umfassenden Datenanalyse aus mehreren Ländern stürben bei den 60- bis 70-Jährigen etwa 3 Prozent aller mit Sars-CoV-2 Infizierten. Bei den 70- bis 80-Jährigen seien es etwa 7 bis 8 Prozent, bei den über 80-Jährigen etwa 20 bis 25 Prozent, erklärte er. Diese Daten böten Familien wichtige Anhaltspunkte für Entscheidungen - etwa, ob ein 90. Geburtstag mit vielen betagten Gästen gefeiert werden sollte oder derzeit besser nicht.

Hunderttausende Fußballfans werden in den kommenden Wochen aus den Stadien ausgesperrt. Betroffen sind zumindest die Partien Gladbach gegen Köln an diesem Mittwoch und Dortmund gegen Schalke am Samstag. Auch die Nationalelf muss ihren EM-Test gegen Italien am 31. März in einer leeren Nürnberger Arena austragen, wie der Deutsche Fußball-Bund mitteilte. „Über allem steht die Gesundheit“, sagte DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius.

Besonders hart trifft es die Deutsche Eishockey Liga (DEL), die ihre Saison als Folge der Ausbreitung des Coronavirus vorzeitig abgebrochen hat. Wie die DEL mitteilte, gibt es in diesem Jahr keinen Meister.

Am Dienstag wurde zudem unmittelbar vor dem Start das Literaturfestival Lit.Cologne abgesagt. Der US-Sänger Richard Marx sagte seine Auftritte in Europa ebenso ab wie Star-Gitarrist Carlos Santana.

Der Vatikan sperrte den Petersplatz in Rom für die Öffentlichkeit. Die Schließung gelte zunächst bis zum 3. April. Das ist auch das Datum, bis zu dem die italienische Regierung die Bewegungsfreiheit im ganzen Land eingeschränkt hat, um die Virus-Ausbreitung einzudämmen.

In Italien sollen die rund 60 Millionen Einwohner seit Dienstag möglichst zu Hause bleiben. Die Regierung in Rom hat die zuvor im Norden des Landes verhängten Sperrungen auf das ganze Land ausgedehnt. Die Menschen dürfen nur aus wenigen Gründen ihr Haus verlassen. Als Ausnahmen gelten Einkaufen, der Job, Arztbesuche oder die Hilfe für alte oder kranke Verwandte. Kinos und Theater sind landesweit geschlossen. Läden, Bars und Restaurants haben nur eingeschränkt geöffnet. Internationale Zug- und Flugverbindungen sowie der öffentliche Nahverkehr sollen aber nicht gestoppt werden.

Österreich und Slowenien erschweren massiv die Einreise aus Italien. Sie werde weitgehend gestoppt, sagte Österreichs Kanzler Sebastian Kurz in Wien. Ausnahmen seien nur mit ärztlichem Attest möglich. Die Durchreise von Touristen Richtung Deutschland solle möglich bleiben, wenn gewährleistet sei, dass sie ohne Stopp die Alpenrepublik durchquerten, hieß es. In Österreich selbst werden bis Anfang April alle Veranstaltungen in geschlossenen Gebäuden mit mehr als 100 Menschen verboten.

Das Robert Koch-Institut (RKI) stuft nun ganz Italien als Coronavirus-Risikogebiet ein. Die Bundesregierung rät von allen nicht erforderlichen Reisen in das gesamte Land ab.

In Deutschland sind mit ersten Fällen in Sachsen-Anhalt nun alle Bundesländer in Deutschland von Sars-CoV-2-Nachweisen betroffen. Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen in Deutschland liegt nach den aktuellsten RKI-Angaben vom Montag bei mehr als 1100. Am Montag waren in Deutschland die ersten beiden Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus bekannt geworden.

Im Kampf gegen das Coronavirus will der Bund nun auch für die intensivmedizinische Versorgung eine zentrale Beschaffung übernehmen. Das wurde am Dienstagabend nach einer Sitzung des Krisenstabs der Bundesregierung mitgeteilt. Das Bundesgesundheitsministerium soll etwa Geräte für die künstliche Beatmung in Intensivstationen von Kliniken besorgen. Der Krisenstab hatte schon beschlossen, ergänzend zu Krankenhäusern und Praxen knapp gewordene Schutzausrüstung für medizinisches Personal wie Atemmasken und Anzüge zu beschaffen.

Beschlossen wurden auch Maßnahmen gegen Liefer- und Versorgungsengpässe. Die Länder wurden aufgefordert, Ausnahmen von Verboten der Sonntagsarbeit zu erlassen. Sie sollen außerdem vorerst bis zum 5. April das Lkw-Fahrverbot an Sonntagen und Feiertagen nicht kontrollieren.

Weltweit haben sich inzwischen mehr als 113 000 Menschen nachweislich mit dem neuen Coronavirus infiziert, die Dunkelziffer liegt Experten zufolge allerdings wesentlich höher. Über 4000 sind gestorben.

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